Verlagsgruppe Droemer Knaur

So liest man heute.

John Katzenbach über das Abenteuer des Schreibens

Einleitung

Es passiert nicht viel – und doch alles Mögliche

Tatsächlich werde ich am häufigsten danach gefragt, wie denn der Prozess des Schreibens bei mir aussieht. Die Leser sind begierig zu erfahren, wie genau ein Roman entsteht, wo und wie die Ideen für einen Plot entwickelt wurden und durch welche Geistesübungen die Charaktere das Laufen gelernt haben. Viele Leser glauben, dass die Antworten auf diese Fragen in der täglichen Schreibarbeit liegen. Das ist zwar nicht ganz falsch – aber bei näherer Betrachtung doch eine äußerst ungenügende Antwort.

Mein Tag – als Autor – ist ein ziemlich einfacher. Morgens verschlinge ich die Zeitungen: den Boston Globe wegen seines Sportteils, die New York Times für Nachrichten aus den USA und dem Rest der Welt. Dann ziehe ich mich in mein Büro zurück – wo ich mir alle Mühe gebe, die Ablenkungen durch das Internet zu meiden – und stürze mich in mein Tagewerk. Meist beginne ich damit, das am Vortag Geschriebene zu überarbeiten, und kämpfe mich dann weiter vor.

Im Laufe der Jahre habe ich herausgefunden, dass meine Produktivität als Schriftsteller nach vier bis fünf Stunden Auf-den-Bild-schirm-Starren nachzulassen beginnt. Die besonderen Details, die, so hoffe ich, meine Prosa lebendig werden lassen, entziehen sich mir, wenn ich zu lange arbeite. Also mache ich dann in der Regel eine Pause, jogge (täglich etwa acht bis zehn Kilometer) und erledige dann meine Korrespondenz. Zahle Rechnungen. Gebe meiner Hündin einen Hundekuchen (ein Höhepunkt ihres Tages). Irgendwann werfe ich dann meine Musikdateien an und kehre zurück zu dem, was ich an diesem Tag geschrieben habe – jetzt allerdings begleitet von irgendeiner „elektrischen“ Musik, z.B. ZZ Top oder Eric Clapton, oder etwas Subtilerem wie Bela Fleck oder Leo Kottke.

Betrachtet man seinen Alltag, ist das Leben eines Romanautors nicht besonders aufregend. In Wirklichkeit passiert nicht viel.

Aber jeder Romanautor, zumindest jeder gute Romanautor, lebt nicht unbedingt in der Welt, in der er schreibt, sondern in der, über die er schreibt. Jeden Tag reise ich durch die Landschaft meiner Fantasie. An einem Tag bin ich ein Patient in einer psychiatrischen Klinik, denke über eine Mordserie nach und sehe die Wahrheiten mit den Augen eines Schizophrenen. An einem anderen bin ich dann der Vater einer Tochter, die das Stalking-Opfer eines erbarmungslos besessenen jungen Mannes ist, der mein Leben in jeder denkbaren Hinsicht bedroht. In der Vergangenheit war ich einmal ein Kriegsgefangener, der, bedrängt von Rassenproblemen und Hass, nicht nur Gerechtigkeit suchte, sondern auch den Beteiligten gegenüber fair handeln wollte. Oder ein New Yorker Psychoanalytiker, der in ein tödliches Spiel um Rache hineingezogen wird.

Wenn ich so durch meine Fantasiewelt wandle, sehe ich verstreut umher liegende Leichen, einige Waffen; ich kann mir ein Dickicht voller Angst, Gräben voller Zweifel, die aufgeworfene Erde von Verzweiflung und Hoffnung vorstellen. Die Länge meiner Schritte kann verkürzt werden durch Ranken des Bösen, die sich um meine Knöchel schlingen; durch Entschlossenheit kann ich mich wieder befreien. Wenn ich so reise, begleiten mich die Menschen, die ich auf dem Papier geschaffen habe. Sie sprechen mit mir, machen Vorschläge, drängen mich, Mauern hochzuklettern, Flüsse zu durchschwimmen, mich gegen das Schicksal und alle Widrigkeiten des Lebens aufzubäumen. Während ich an einem Roman schreibe, gehe ich mit den Charakteren durch dick und dünn. Ich begrüße sie, wie man alte Freunde begrüßt, wissend, dass sie mich jeden Tag in Beschlag nehmen und durch das Labyrinth der Wörter und Seiten führen werden.

Es ist schon merkwürdig, aber ich glaube, es gibt nichts, was so viel Spaß macht, einem so viel Angst einjagt, einen so sehr dazu zwingt, sein Herz und seine Seele zu erforschen, oder auf eine solche befriedigende Weise endet wie das Schreiben eines Romans. Wenn ich das Ende erreiche, fühle ich mich, als ob ich einen Haufen neuer Leute kennengelernt hätte. Ich erwarte immer, dass sie mich über viele Jahre begleiten – auch dann, wenn ich so grausam war, sie auf den Seiten meines letzten Buches getötet zu haben.

John Katzenbach

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