Verlagsgruppe Droemer Knaur



Ariana Franklin im Interview über ihren Roman "Die Totenleserin"

„Die Totenleserin“ spielt im mittelalterlichen Cambridge, wo eine junge Ärztin eine Serie unheimlicher Kindermorde aufklären soll. Die Heldin in Ihrem Roman, Adelia, ist sozusagen eine forensische Ermittlerin des Mittelalters – gibt es Belege dafür, dass schon damals mit solchen Methoden ermittelt wurde?

Leider wissen wir nicht viel aus dieser Zeit. Wissenschaftliche Texte und Quellen stammen in erster Linie von Mönchen und Kirchenmännern, die die einzigen waren, die schreiben konnten – und die glaubten, dass sich nichts verändern oder weiterentwickeln würde. Deshalb gab es für sie auch  keinen Anlass, Dinge fest zu halten, die für sie und ihre Zeitgenossen ganz offensichtlich und alltäglich waren. Dokumente von Gerichtsverfahren aus dem 12. Jahrhundert belegen, dass die meisten Kriminalfälle durch Zeugenaussagen entschieden wurden, doch weil unser Wissen über diese Zeit eher einem Flickenteppich gleicht, habe ich mir einige dichterische Freiheiten genommen – und keiner kann mir das Gegenteil beweisen. Zu meiner Verteidigung möchte ich aber sagen, dass ich bereits ein buch über Gerichtsverfahren im 12. Jahrhundert geschrieben habe, das von namhaften Geschichtsprofessoren als eine der genauesten Beschreibungen dieser Zeit bezeichnet wurde.

Damals wurden die besten Mediziner an der berühmten Hochschule von Salerno ausgebildet – gab es zu dieser Zeit denn Tatsächlich auch schon Ärztinnen, die praktizieren durften?

Oh ja, die gab es wirklich! Ich konnte mich hier auf die Übersetzung eines Kompendiums über mittelalterliche Frauenheilkunde stützen, das unter dem Titel „The Trotula“ erschienen ist – und dieser Text belegt, dass es in Salerno bereits im 11. und 12. Jahrhundert die erste weibliche Professorin für Medizin gab. Vielleicht wurden Frauen, die dort gelernt haben, eher als „Heilerin“ bezeichnet, aber auch männliche Ärzte wurden nicht Doktor genannt – dieser Titel war reserviert für Philosophen und ich habe ihn nur deshalb im medizinischen Sinne verwendet, weil es für uns heute leichter verständlich ist. 

Gibt es ein historisches Vorbild für die Figur der Adelia und die Kindermorde aus Ihrem Roman?

Es gab in England wirklich einige solcher Fälle – und bei Kindsmorden in der Osterzeit glaubte man fast immer, sie wären Opfer irgendeiner rituellen Zeremonie der Juden geworden, die dann dafür bezahlen mussten. Das Schöne am Schriftstellerdasein ist, dass man in den Lauf der Geschichte eingreifen und die dinge gerade rücken kann, was ich in diesem Fall gemacht habe. Ob es jemanden wie Adelia damals wirklich gab? Wir wissen es nicht. Aber ich kann es nur hoffen …

Adelia muss sich als Medizinerin in einer Männerdomäne durchsetzen. Sehen Sie in ihrer Karriere und ihrem Verhalten Parallelen in die heutige „moderne“ Arbeitswelt?

Abgesehen von einigen wenigen, außergewöhnlichen Männern (und Gott sei Dank gab es die immer) darf Adelia niemandem anvertrauen, was sie in Wahrheit tut. Ihr Beruf war ja nicht nur von Männern dominiert, er war sozusagen ausdrücklich verboten von der mächtigsten und allgegenwärtigsten Kraft der damaligen Zeit, der katholischen Kirche – die Frauen für den Sündenfall verantwortlich machte und ihnen keinerlei Freiheiten erlaubte. 
Deshalb war die Hochschule von Salerno auch so außergewöhnlich zu dieser Zeit. Und das 12. Jahrhundert war geradezu liberal, Es gab damals auch noch keine Hexenverbrennungen – im Laufe der folgenden Jahrhunderte wurde die Verfolgung von Frauen viel grausamer, und wir versuchen immer noch, die Nachwirkungen abzuschütteln. 

In Cambridge leben Christen und Juden einvernehmlich zusammen, bis das erste Kind auf grausame Weise zu Tode kommt. Die schuld wird der jüdischen Bevölkerung zugeschoben. Religion und religiöse Zugehörigkeit spielen offenbar in Ihrer Geschichte eine wichtige Rolle, oder?

Das ist richtig – Angst und Hass gegenüber den Juden waren zur damaligen Zeit eine allgegenwärtiger Faktor. Sie wurden verantwortlich gemacht für die Ermordung von Jesus, und sie hielten an ihrem Glauben fest – deshalb nutzte die Kirche jede Gelegenheit, um sie zu verfolgen. Ihnen war untersagt, Land zu besitzen (obwohl es da einige Ausnahmen gab), deshalb waren sie auf ihren Geschäftssinn angewiesen und wurden Geldverleiher. Das hat sie bei der Bevölkerung nicht gerade beliebt gemacht, und so konnte das einfache Volk leicht gegen sie aufgestachelt werden. Dieser weise, gerissene König Heinrich II. nutzte die Juden als Einkommensquelle, aber er hat sie auch beschützt wie kein anderer europäischer Herrscher. Nach seinem Tod begannen erst die wirklich schrecklichen Pogrome. 

Woher stammt Ihre Faszination für historische Romane und Kriminalfälle?

Wenn wir die Geschichte nicht verstehen, sind wir dazu verdammt, sie zu wiederholen – denken Sie nur an den Irak. Ich finde es unglaublich, dass so viele Menschen nicht wissen, welche Umstände zu den Bedingungen geführt haben, unter denen sie selbst heute leben – warum etwas passiert, warum das eine oder andere Land tut, was es tut – dass so viele Menschen die Steine nicht kennen, über die sie laufen. Für mich ist das einfach magisch. Und historische Kriminalromane erlauben es mir, in die Vergangenheit zu gehen und dort, sagen wir, ein wenig aufzuräumen.

Einen solchen Roman zu verfassen, erfordert sicherlich besonders intensive Recherchearbeit – erzählen Sie uns, wie Sie recherchiert haben? Was war Ihre schönste Entdeckung? 

Wenn ich an Wiedergeburt glauben würde, was ich nicht tue, dann müsste ich denken, das ich schon einmal im 12. jahrhundert gelebt hätte. Es ist immer wieder das gleiche: sobald ich eine Burg, einen Torbogen sehe oder eine Melodie aus dieser Zeit höre, bekomme ich Gänsehaut. Dieser Zeitraum war der beste im Mittelalter, viel weniger grausam als die Zeiten nach der großen Pest im 14. Jahrhundert. Das war der Beginn der Renaissance, eine Zeit des Lernens und der enormen Horizonterweiterung, die den Atem Gottes noch im Genick hatte. Ich habe 15 Jahre damit verbracht, diese Zeit zu studieren, habe alles gelesen, was ich darüber fand und, wenn ich es mir leisten konnte, jeden Ort besucht, der mich dieser Zeit näher brachte. Ganz besonders intensiv habe ich mich mit der Gesetzgebung und Rechtssprechung dieser Zeit befasst, weil England damals gerade in diesem Bereich den Weg in die Moderne fand. Heinrich II. hat erstmals ein Justizsystem eingeführt, das sog. Common Law – kann man sich das vorstellen? Bis dahin wurden Menschen in Fässer getaucht, um zu sehen, ob sie schuldig waren oder nicht – Männer kämpften in abgesprochenen Wettbewerben unter einem Kriegsgott um ihr Landrecht. Und in dieser Barbarei kommt plötzlich Vernunft ins Urteil eines Gerichts. Gott, was für eine Quantensprung! Wohlgemerkt, ich möchte nicht achthundert Jahre vom nächsten Aspirin entfernt sein.

Der Ausgang des Romans zeigt, das Adelia eine für ihre Zeit wirklich ungewöhnlich moderne Frau ist – verraten Sie uns, ob wir ihr wieder begegnen?

Oh ja. Bis jetzt waren schon sechzehn der internationalen Verlage, bei denen „Die Totenleserin“ erscheint, so freundlich, mich um ein zweites Buch über Adelia zu bitten – und ich schreibe gerade daran. Also wünschen Sie ihr bitte Glück – und mir auch. 

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