Verlagsgruppe Droemer Knaur



Salerno und Dr. Trotula - Hintergründe zum Roman "Die Totenleserin"

Einleitung

Salerno

Als Bischofssitz und Sitz eines Benediktinerklosters besaß Salerno bereits im frühen Mittelalter beste Voraussetzungen dafür, dass hier die Wissenschaften studiert und gelehrt wurden. Die Anwesenheit von jüdischen Ärzten, das günstige Klima und die hier aufbewahrten Reliquien einiger Heiligen trugen dazu bei, dass in Salerno die Heilkunde zum Mittelpunkt des geistigen Lebens wurde. Wann genau die medizinische Lehranstalt, die nicht von Geistlichen, sondern von Laien geleitet wurde, gegründet wurde, liegt im Dunkeln. Vermutlich entwickelte sie sich „organisch“. Zunächst lehrten die Ärzte nach antikem Beispiel in ihren Häusern, bis schließlich eine gemeinsame Lehranstalt anstelle dieser Privatschulen trat und die Ärzte sich in einem Verband „Collegium hippocratium“ zusammenschlossen. Besonders bemerkenswert ist, dass sowohl Geistliche als auch Laien, Einheimische und Fremde, Männer wie auch Frauen als Ärzte tätig waren. Bereits im 9. Jahrhundert sind die Ärzte von Salerno weithin bekannt. 

In den Zeiten der Kreuzzüge wurde immer mehr arabisches Wissen ins Land gebracht. So begann die bisher in Salerno angewandte und gelehrte Medizin, die auf Tatsachen, Einfachheit in der Behandlung von Krankheiten und der Darstellung medizinischer Lehren beruhte, sich zu verändern. Der Satz des Rhazes, es sei für einen Arzt wichtiger, hundert Bücher zu lesen, als hundert Kranke zu sehen, gilt nunmehr auch hier. Salerno erlebt in dieser produktivsten Epoche der mittelalterlichen Medizin seine Glanzzeit. Eine umfassende Arzneimittellehre entstand. Dadurch wurde das Wissen des Apothekerstandes eigenständig und die Trennung des Arzt- und Apothekerwesens gesetzlich festgelegt. 
Im Jahre 1140 erließ König Roger eine Verordnung, nach der ein Examen für das Ausüben des ärztlichen Berufes nötig war. 1240 schloss sich Friedrich II. mit einem Erlass an, der das medizinische Studium regelte und den ärztlichen Stand organisierte. Dem Erlass zufolge musste jeder Schüler drei Jahre Logik studieren, bevor es anschließend sein fünfjähriges Medizinstudium beginnen durfte. Am Ende des Studiums mussten verschiedene Treueschwüre abgelegt und eine Prüfung bestanden werden. Es bedurfte einer Bewilligung des Kaisers persönlich, bevor der Arzt praktisch arbeiten durfte. Für eine Lehrbewilligung musste eine Zusatzprüfung bestanden werden. Die Studienordnung wurde auch in anderen medizinisch wichtigen Städten eingeführt.

Doch mit der Zeit  nahm die neue, arabische Orientierung überhand und schließlich unterwarf der fremde Geist die ursprünglich praktizierte Medizin vollkommen und läutete damit den allmählichen Niedergang der schule von Salerno ein. Sie bestand noch einige Jahrhunderte fort und bildete weiterhin Ärzte aus. Erst 1811 wurde die Schule von Napoleon offiziell und endgültig geschlossen.


Dr. Trotula

Außergewöhnlich ist, dass es in Salerno auch Frauen erlaubt war, Medizin zu studieren. Und so ging eine Ärztin in die Geschichte ein, die bis heute für Ihre Schriften bekannt ist: Trotula – oder auch bekannt unter dem Namen Trotula di Ruggerio und Trota von Salerno. Sie war im 11. Jahrhundert als praktische Ärztin Mitglied der Fakultät von Salerno. Ihre Identität ist jedoch umstritten und nicht offiziell bestätigt. Vermutlich stammte sie aus einer der vornehmsten Familien des Landes und heiratete später den bekannten Arzt Johannes Platearius, mit dem sie die gemeinsamen Söhne Johannes und Matthias, der ein bekannter medizinischer Schriftsteller wurde, bekam. Oft wird der Name Trotula auch synonym mit ihrem Werk verwendet. Die Autoren Gilmore und Greenfield behaupten, ihr Name wäre in Wirklichkeit Trota gewesen und Trotula die Bezeichnung ihres Werkes. 
 
Trotula verfasste mehrere Abhandlungen über die medizinische Praxis. Ihre Lehren sind auch im Haupttext der Schule von Salerno, der Enzyklopädie der Salernitaner Medizin „De Aegritudinum Curatione“ aus dem 12. Jahrhundert enthalten. Trotulas Hauptwerk ist das „Passionibus Mulierum Curandorum“, welches auch als Trotula Major bekannt ist. Es handelt sich dabei um eine Abhandlung über Gynäkologie, welche binnen kurzer Zeit nach dem Erscheinen oft kopiert wurde. Viele der Kopisten nahmen sich jedoch die Freiheit, eigene Ideen und Änderungen an Trotulas Texte einzufügen. Bereits im gleichen Jahrhundert erscheinen Kopien ihres Werkes unter anderen Namen, auch unter dem ihres Mannes. Die erste gedruckte Ausgabe der Trotula Major erschien 1544 in Straßburg und enthielt zusätzlich einige naturwissenschaftliche Abhandlungen von Hildegard von Bingen. Wie diese arbeitete Trotula  mit einfachen und auch für das gemeine Volk bezahlbaren Mitteln und Rezepten. Des Weiteren betonte sie immer wieder, wie wichtig Sauberkeit, ausgewogene Ernährung und körperliche Betätigung für Frauen sind und sie warnte vor Stress und Unruhe. Sie vermutete zu Recht, dass psychischer Stress sich körperlich auswirken kann. Ihre gesamten gynäkologischen Kenntnisse sind sehr fortschrittlich. Es ist ihr Verdienst, dass ein Gebiet, welches Jahrhunderte lang vollkommen den Hebammen überlassen wurde, wieder zu einem eigenen medizinischen Fachbereich erhoben wurde. 
 
Trotula schrieb aber nicht nur über Frauenkrankheiten, sondern auch über die anderen Zweige der Pathologie. Die Trotula Minor, eine Schrift über Hautkrankheiten und Kosmetika, die unter dem Namen „Ornatu Mulierum“ erschien, wurde nachträglich in der Trotula Major eingefügt. Bis ins 16. Jahrhundert galt dieser erweiterte Text als Standardwerk an den medizinischen Fakultäten in ganz Europa und ihre Schriften gingen später auch in die Volksheilkunde über.
 
Trotula di Ruggerio ist sicherlich die Vorlage für Ariana Franklins Protagonistin Adelia. Und so wird sie im Roman auch mehr als einmal Dr. Trotula genannt. 
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