Verlagsgruppe Droemer Knaur



Jonathan Tropper im Interview zu "Mein fast perfektes Leben"

Lieber Jonathan Tropper: Wann haben Sie gemerkt, dass Sie das Talent haben, um  Schriftsteller zu werden?

Schon in der Schule war ich gut, wenn es ums Schreiben ging, und schlecht in Mathematik. Ich erinnere mich noch, dass wir in der vierten Klasse eine zweiseitige Science-Fiction-Geschichte schreiben sollten – und ich ein fünfundzwanzigseitiges Epos abgab.

Können Sie sich noch an das erste Buch erinnern, das Sie gelesen haben?

Als Kind habe ich ein Buch mit dem Titel Flat Stanley geliebt. Es handelt von zwei Brüdern, die füreinander einstehen. Ich mochte es, weil ich mit meinem eigenen Bruder eher eine schwierige Beziehung hatte. 

„Schwierige Beziehung“ scheint ein gutes Stichwort für Ihre eigenen Romane zu sein …

Ich schreibe immer über Beziehungen, sowohl romantische als auch familiäre. Darüber, wie sie uns definieren … und darüber, wie wir sie verbocken. Ich mag es außerdem über Männer zu schreiben, die ihren Platz im Leben noch nicht ganz gefunden haben und die auf der Suche danach ein ziemliches Chaos verursachen.

Wie kommen Sie auf die Ideen für Ihre Romane?

Meistens werde ich von Personen oder Beziehungen inspiriert, mit denen ich in irgendeiner Weise in Berührung komme, und dann baue ich die Geschichte darum auf.

War das auch bei Ihrem neuen Roman so „Mein fast perfektes Leben“?

Nachdem ich meinen letzten Roman beendet hatte, „Everything Changes“, habe ich sehr lange darüber nachgedacht, was für eine Geschichte ich als nächstes erzählen sollte. Fest stand zunächst nur, dass ich etwas schreiben wollte, was in einem typischen amerikanischen Vorort spielt. Ich wollte diese besondere Stimmung einfangen, die das Leben der oberen Mittelklasse dort ausmacht. Dann ist meine Frau mit zwei Freundinnen aus unserer Nachbarschaft für ein paar Tage nach L.A. geflogen. Als ich mit einem der anderen Ehemänner gesprochen habe, ging mir plötzlich dieser Gedanke durch den Kopf: ‚Wenn das Flugzeug abstürzt, wohnen auf einmal drei Witwer in dieser Straße.’

Das haben Sie Ihrem Freund hoffentlich nicht gesagt!

Ich konnte es mir nicht verkneifen. Natürlich fand er es furchtbar, dass ich überhaupt auf so eine Idee komme, aber als Autor mag man es einfach, sich mit Dingen zu beschäftigen, die anderen Menschen Angst einjagen. Also begann ich, die Geschichte von drei unterschiedlichen Männern aufzuschreiben, deren Frauen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommen. Doug Parker wurde dann so interessant, dass ich beschloss, ihn allein in den Mittelpunkt des Romans zu stellen.
 
Doug Parker ist ein sehr vielschichtiger Charakter. Was für eine Umgebung braucht man als Autor, um so eine Figur zum Leben zu erwecken?
 
 
Wahrscheinlich denkt man automatisch an ein großes, etwas überfülltes Büro mit einem langen Eichentisch, einem flauschigen Teppich und einem Panoramafenster, durch das man auf einen Fluss sehen kann. Jedenfalls habe ich mir das früher so vorgestellt. Unglücklicherweise ist die Realität deutlich unglamouröser. Ich habe nur ein kleines Zimmer bei uns im Haus, in dem sich inzwischen die Unterlagen meiner Frau stapeln und meine Söhne ihre Fahrräder abstellen. Daher ziehe ich es vor, die meiste Zeit in der Bibliothek der Universität zu schreiben, an der ich auch unterrichte.

Wahrscheinlich ist auch das Klischee der alten Schreibmaschine überholt, vor der ein Autor nächtelang sitzt?

Meistens arbeite ich an einem Laptop, aber ich habe auch ein kleines ledergebundenes Notizbuch, in das ich mir Notizen mache. Aus denen werden manchmal ganze Kapitel.

Wie sieht Ihr Alltag als Schriftsteller aus?

Ich wache auf und versuche erst einmal, das Aufstehen möglichst lange aufzuschieben. Dann fahre in zur Uni und trödle noch ein bisschen herum. Irgendwann kann ich dann nicht mehr anders und fange an zu schreiben, mache zwischendurch nur eine kurze Mittagspause und arbeite bis drei oder fünf durch. Dann bin ich fertig – fix und fertig. Wenn’s ein guter Tag war, fahre ich gutgelaunt nach Hause. Wenn ich aber nicht sonderlich produktiv war, plagt mich die Angst, dass meine Schriftstellerkarriere ein Irrtum war und ich gezwungen bin, mir wieder einen ganz normalen Job zu suchen.

Sie erwähnten gerade die Schreibseminare, die sie geben. Welchen Rat würden Sie allen noch unentdeckten Autoren mit auf den Weg geben?

Ich rate aufstrebenden Autoren immer, dass sie lesen müssen. Ununterbrochen und alles, was sie irgendwie interessiert. Wenn man gute Bücher liest, lernt man von ihren Autoren.

Welches Buch sollte man unbedingt gelesen haben?

Wonder Boys von Michael Chabon. Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa von Peter Hedges.

Sind das auch Ihre Lieblingsautoren?

Auch … aber das ist vor allem Richard Russo. Seine Romane sind unglaublich dicht, seine Figuren immer sehr gut gezeichnet. Er versteht es, eine ganze Stadt und ein einzelnes Gefühl mit der gleichen Klarheit zum Leben zu erwecken. Und davon mal ganz abgesehen schreibt er wunderbar humorvoll.

Kommen wir noch mal auf Ihre Schüler zurück.

Ich versuche ihnen beizubringen, dass niemand sofort einen druckreifen Text schreibt. Die Bereitschaft, den Text wieder und wieder zu überarbeiten, ihn auseinander zu nehmen und die Geschichte dann auf eine andere, bessere Art zu erzählen, unterscheidet die Autoren, die Erfolg haben werden von denen, die es nicht schaffen werden. Nach den ersten hundertfünfzig Seiten meines neuen Romans habe ich erst einmal alles gelöscht und noch einmal ganz von vorne angefangen, weil ich erst dann wusste, wie ich diese Geschichte erzählen muss. Natürlich war das kein Spaß und hat mich für einige Monate gequält, aber am Ende hat es sich gelohnt.

Die Arbeit hat sich wirklich gelohnt. In Amerika sind ihre ersten drei Romane bereits große Erfolge, die Filmrechte wurden an große Studios verkauft. Gehen wir mal davon aus, dass auch Ihr Leben verfilmt würde – wer sollte dann die Hauptrolle spielen?

Den Film sollte man besser niemals produzieren, der würde dem Begriff Langeweile eine ganz neue Dimension verleihen! Aber wenn es doch dazu kommen sollte … nun, dann sollte man auf jeden Fall mal mit Tom Cruise sprechen. Bis es soweit ist kann man ihn wahrscheinlich ziemlich günstig bekommen.

Wenn Sie in der Verfilmung Ihres Buches „Mein fast perfektes Leben“ eine Rolle besetzen dürften – wer wäre es?

Ganz eindeutig: Scarlet Johansen als Brooke.

Warum?

Nun, sie kann sowohl schön als auch verletzlich sein, cool und bescheiden. Davon abgesehen: Seht sie euch einfach an!

Auf tolle Frauen kommen wir gleich noch einmal zu sprechen. Aber nun wird es Zeit, ein bisschen mehr über Sie zu erfahren. Beschreiben Sie sich bitte mit drei Worten.

Okay, glaube ich.

Womit bekommt man Sie morgens munter: Tee oder Kaffee?

Ich habe in meinem Leben noch nie eine Tasse Kaffee getrunken und ziehe heißen Cider vor.

Und wie steht’s mit Musik: Klassik oder Rock/Pop?

Rock.

Kino oder DVD?

Da muss ich nicht lange überlegen: Kino! Ich gehe meistens in die erste Vorstellung am Nachmittag, wenn die Säle noch leer sind. Allein ins Kino zu gehen ist für viele Leute eine Überwindung, aber ich mag es inzwischen gerne.

Bei welchem historischen Ereignis wären Sie gerne dabei gewesen?

Bei der Mondlandung 1969.

Wie essen Sie einen Schokoriegel – schnell, genüsslich, gar nicht … und warum?

Ich liebe Snickers und wünschte, ich könnte sie langsam essen – aber es geht nicht.

Für welches Produkt würden Sie Werbung machen?

Da fällt mir nichts ein. Vielleicht eine Mischung aus den Uhren von Panerai, das sind nun wirklich die coolsten Dinger, die man bekommen kann, und meinem Memorystick, mit dem ich alle meine wichtigen Daten am Schlüsselbund mit mir herumtragen kann.

Was ist das Geräusch und der Geruch Ihrer Kindheit?

Frischgemähtes Gras, gebratener Fisch und schreiende Geschwister.

Welchen Kindheitstraum haben Sie sich noch nicht erfüllt?

Ich wollte ein Rockstar werden, was sonst? Jeder junge Schriftsteller will ein Rockstar sein. Oder wann hat man zum letzten Mal gehört, dass bei einer Lesung Frauen ausgerastet sind und ihre Unterwäsche auf die Bühne geworfen haben?

Das passiert wohl wirklich eher selten! Was war denn das Ungewöhnlichste, was Sie je gemacht haben, um einer Frau zu imponieren?

Ich bin mit ihr in ein Geschäft gegangen, in dem man Instrumente kaufen kann, habe mich ans Klavier gesetzt und ihr so lange Liebeslieder vorgespielt, bis man uns rausgeschmissen hat.

Die beste Entscheidung Ihres Lebens?

Kinder zu haben.

Ihr Lebensmotto?

Wenn ich morgens aufwache nehme ich mir immer vor, heute mein Bestes zu geben. Ich will mir selbst treu sein und mich nicht von irgendeiner Schwäche oder Unsicherheit davon abhalten lassen. Meistens gebe ich spätestens beim Mittagessen auf … aber es ist eine gute Art, den Tag zu beginnen.

Was bereitet Ihnen schlechte Laune?

Schreiben.

Wirklich? Was bereitet Ihnen denn dann gute Laune?

Schreiben!

Was ist für Sie der schwierigere Moment – den ersten Satz eines neuen Romans zu schreiben oder den letzten?

Den ersten Satz schreibe ich ein paar tausend Mal neu, bevor das Buch fertig ist. Der letzte Satz fällt mit ein, wenn ich wirklich fertig bin.

Welche Figur aus einem Ihrer Romane würden Sie gerne einmal treffen?

Tamara aus meinem dritten Roman „Enthüllt“. Ich glaube, in die bin ich wirklich ein bisschen verknallt.

Tamara – und viele andere Frauen in ihren Büchern – machen den Eindruck, sehr stark zu sein und im Gegensatz zu Ihren männlichen Protagonisten ihren Platz im Leben bereits gefunden zu haben.

Finden Sie? Carly aus „Der Stadtfeind Nummer Eins“ hat sich mit Mühe aus ihrer schlechten Ehe befreit und versteckt sich in ihrem Heimatort. Ich glaube nicht, dass sie ihren Platz im Leben gefunden hat, sie sucht nur nicht weiter. Tamara aus „Enthüllt“ ist verwitwet und voller Schmerz. Hailey aus meinem neuen Roman „Mein fast perfektes Leben“ ist älter als die anderen und hat deswegen schon ein bisschen mehr Lebenserfahrung, da haben Sie Recht. Aber die andere wichtige Frau in Dougs Leben, Brooke, fühlt sich genau so verloren wie er. Was meine Frauenfiguren verbindet ist nicht, dass sie ihren Platz im Leben gefunden haben, sondern dass sie alle von jemandem verletzt wurden. Ich glaube, dass mich Menschen mit einer solchen Vergangenheit immer angezogen haben, ganz egal, ob es sich um Frauen oder Männer handelt. Sie sind einfach interessanter und meistens auch ehrlicher. Ich würde eine ausgeglichene, zufriedene Protagonistin in meinen Geschichten über Männer, die dabei sind, ihr Leben gegen die Wand zu fahren, ziemlich uninteressant finden. Und ich glaube auch, dass es ziemlich langweilig wäre, über sie zu schreiben.

Es fällt auf, dass es auch die Väter in Ihren Romanen nicht leicht haben – sie liegen im  Koma (Der Stadtfeind Nummer Eins), sind ihren Familien fremd geworden (Enthüllt) oder sind unheilbar krank (Mein fast perfektes Leben).

Ich glaube, dass Männer, die mitten in einer Lebenskrise stecken, sich eine starke Vaterfigur wünschen, die ihnen hilft und ihnen einen Weg zeigt. Nimmt man ihnen diese Stütze, sind sie noch etwas mehr verloren.

Ist das eine Erfahrung, die Sie selbst gemacht haben?

Wissen Sie, ich bin mit einem sehr starken und weisen Vater aufgewachsen, und wenn ich Probleme hätte, würde ich mich immer an ihn wenden. Natürlich könnte es auch sein, dass das Verhältnis zu meinem Vater eine Katastrophe ist und ich das einfach noch nicht gemerkt habe. Vielleicht brauche ich mal ein paar Jahre Therapie …

Welcher Figur aus einem Ihrer Romane möchten Sie niemals begegnen?

Joe aus The Book of Joe. Er ist ein ziemlich angespannter Typ und zu sehr mit sich selbst beschäftigt … ich glaube nicht, dass wir uns verstehen würden.

Und wie sieht es mit Doug Parker aus, Hauptfigur aus Ihrem neuen Roman „Mein fast perfektes Leben“?

Doug war sicher mal ein Typ, mit dem man Spaß haben konnte, aber seit Hailey gestorben ist, scheint es nur noch die Trauer in seinem Leben zu geben. Er würde also wohl gar nicht mit mir gemeinsam abhängen wollen. Die viel interessantere Figur ist Dougs Schwester Claire. Eine Frau, die so umwerfend und hemmungslos und herausfordernd ist, wie ich Claire beschrieben habe, könnte mit Sicherheit zur Obsession für mich werden. Wahrscheinlich wäre ich sofort rettungslos verliebt und sie würde mich fertig machen … aber, hey, das wäre es wert!
 
 
Jonathan Tropper: Wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

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