Verlagsgruppe Droemer Knaur



Delphine de Vigan: Eine Hommage an die Mutter

Einleitung

Delphine de Vigans autobiografischer Roman Das Lächeln meiner Mutter

Delphine de Vigan, eine der wichtigsten literarischen Stimmen Frankreichs, hat mit Das Lächeln meiner Mutter ihr persönlichstes Buch geschrieben: Das bewegende Porträt ihrer Mutter Lucile, die im Jahr 2008 Selbstmord begangen hat. „Ein wunderbarer Roman, der beunruhigt, hypnotisiert und tief erschüttert,“ urteilt Le Figaro.

"Meine Mutter war schon seit mehreren Tagen tot ...
Also bat ich ihre Geschwister, mir von ihr zu erzählen, über sie zu sprechen. Ich habe sie aufgenommen, sie und die anderen, die Lucile gekannt haben und diese vergnügte, vernichtete Familie, die wir bilden ...
Und dann habe ich, wie Dutzende Autoren vor mir, versucht, meine Mutter zu beschreiben."

Warum hat Lucile sich im Alter von 61 Jahren für den Freitod entschieden? Diese Frage treibt Delphine seit dem Tag um, an dem sie ihre Mutter tot aufgefunden hat. Sie trägt Erinnerungsstücke zusammen, spricht mit den Geschwistern ihrer Mutter, mit alten Freunden und Bekannten der Familie. Sie durchwühlt Kartons, hört Tonbandaufnahmen, betrachtet Fotografien, liest Briefe, Polizeiprotokolle und medizinisch-psychologische Berichte. So versucht die Autorin sich dem Leben und dem Leid der Mutter anzunähern - der schönen, talentierten aber manisch-depressiven Lucile.

Detailliert rekonstruiert Delphine das Leben von Lucile, die 1946 als drittes von neun Kindern geboren wurde. Sie zeichnet das lebendige Bild einer französischen Großfamilie im Paris der 50er und 60er Jahre, mit großen Abendgesellschaften und langen, unbeschwerten Sommerurlauben. Ihre Nachforschungen führen sie ins Innerste dieser bourgeoisen Familie, die so vital, gastfreundlich und unkonventionell aber auch zerstörerisch war. Ihre Suche erweckt neben den schönen Erinnerungen auch die dunklen Seiten des Familienlebens, bringt verdrängte Verletzungen, Brüche und Geheimnisse zutage. Luciles große Familie ist gezeichnet von tragischen Todesfällen und einem gewissen Unheil, das über ihr zu schweben scheint:

Meine Familie verkörpert das Lärmendste, das Spektakulärste der Freude, den unermüdlichen Nachhall der Toten und den Widerhall des Unheils.“

Delphine erzählt von der Anziehung, die Lucile schon als Kind auf die Leute ausübte, einer Mischung aus Schönheit und Ferne, Präsenz und Einsamkeit. Puzzlestück für Puzzlestück nähert sie sich dem Mysterium an, das ihre Mutter immer für sie war - „sie, die immer so präsent und zugleich so fern“ war. Durch den Prozess des Schreibens versucht die Tochter, dem Schmerz und dem Leid der Mutter näherzukommen, ihre Ängste und tiefe Verzweiflung am Leben zu ergründen:

„Was versuchte ich eigentlich, wenn nicht dem Schmerz meiner Mutter näherzukommen, seinen Umfang ... zu erkunden.“

Delphine erzählt von ihrer eigenen Kindheit, von dem unkonventionellen, unsteten Leben, das sie und ihre jüngere Schwester Manon an der Seite ihrer Mutter führten. Wechselnde Lebenspartner und Jobs, Umzüge, Drogenkonsum und Krisen prägen Luciles Leben und das ihrer Töchter. Immer stärker manifestiert sich „die krank machende Spirale, in der Lucile gefangen war.“ Schließlich häufen sich die Krisen und manisch-depressiven Schübe. Es folgen zahlreiche, lange Klinikaufenthalte; Lucile steht am Rande des Abgrunds.

„Luciles Schmerz war Teil unserer Kindheit und später unseres Erwachsenenlebens, vermutlich war Luciles Schmerz für mich und meine Schwester persönlichkeitskonstituierend.“

Nach langem Kampf findet Lucile wieder ins Leben zurück. Sie nähert sich ihren Töchtern an, wird zur liebenden Großmutter. Doch im Jahr 2008 entschied sie sich zu sterben:

„Lucile starb mit einundsechzig Jahren, bevor sie eine alte Dame wurde.
Lucile starb, wie sie es sich wünschte: lebendig.
Jetzt bin ich in der Lage, ihren Mut zu bewundern.“

Der Leser begleitet die Autorin auf ihrer Spurensuche, die so feinfühlig, bewegend und ohne jeden Kitsch geschrieben ist. Delphine de Vigan hat mit Das Lächeln meiner Mutter einen sehr eindringlichen und persönlichen Roman geschrieben, der in Frankreich für die wichtigsten Literaturpreise nominiert war und monatelang auf Platz 1 der Bestsellerliste stand. Auch hierzulande wünscht man diesem berührenden Buch viele Leser!

Alexandra Plath für www.droemer-knaur.de

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