Verlagsgruppe Droemer Knaur



Elternkrankheiten - Die Sprechstunde

Einleitung

Das Elternteil ist von Kopf bis Fuß bekleckert. Was hat es?
Sicher handelt es sich hierbei um Chronische Flecken (lat.: multi klecksi)

Beschreibung:
Flecken unklarer Herkunft auf der Kleidung der Eltern
Symptome:
Es sind keinerlei Krankheitszeichen erkennbar außer Flecken unterschiedlicher Größe und Form, die sich täglich neu bilden.
Die Flecken treten an fast allen Kleidungsstücken auf.
Die Flecken sind zumeist karottenbreiorange, ketchuprot, schlumpfeisblau oder matschbraun.
Verlauf:
Krustenbildung
Diagnose:
Meist handelt es sich um Flecken, die nie wieder verschwinden.
Empfehlung:
Einen Großhandelsrabatt mit Dr. Beckmann aushandeln

Ist es normal, wenn das Elternteil nach der Geburt seines Kindes aussieht wie vorher?
Nein, auf keinen Fall. Hierbei handelt es sich womöglich um eine schwere Hip-atitis (lat.: parens modernus).

Beschreibung:
Erkrankung bei jungen Eltern, die beweisen wollen, dass man mit Kind genauso sein kann wie früher: hip
Mögliche Formen:
Die Hip-atitis verläuft in unterschiedlichen Schweregraden.
Hip-atitis A:
Die Betroffenen tauchen bei jedem Rave, jeder Party, jeder lausigen Kneipentour auf – natürlich mit dem neuen Kind im neuen Bugaboo- Kinderwagen. Und demonstrieren damit: Wär doch gelacht! Tatsächlich wird aber weniger gelacht und eher viel geschaukelt, gewippt, getragen, gewickelt, gestillt. Während die Mutter an einer Bionade nippt und vorwurfsvolle Blicke zu ihrem Bier trinkenden, rauchenden, sich für eine Sekunde aus Versehen köstlich amüsierenden Mann wirft.
Hip-atitis B:
Die Erscheinungsform unterscheidet sich von der Hip-atitis A nur wenig, zusätzlich ist bei dieser Ausprägung jedoch die Kleidung der Erkrankten auffällig. So tragen sie anstelle normaler Wickeltaschen, bequemer Hosen und fester Schuhe Straußenleder-Birkin-Bag, weiße Röhrenjeans und Lackballerinas von Marc Jacobs.
Hip-atitis C:
Diese Form gleicht Hip-atitis A und B. Zusätzlich ist jedoch die komplette Wohnung befallen. Weiße Nappa-Leder-Sofas, Meißener Bodenvasen, cremefarbene, handgetuftete Schlingenteppiche säumen den Krabbelpfad des nutellaverschmierten Kindes.

Das Elternteil ist telefonisch nicht mehr – oder nur noch unter entsetzlichen Mühen zu erreichen. Wie kommt das?

Hierbei handelt es sich um den gefürchteten Telefonterror (lat.: babyphone)

Beschreibung: 
Die Unverträglichkeit von Telefon und Kind
Symptome:
Beim Versuch, einen Kollegen anzurufen, an dessen Kleinkind geraten, das die Funktion des Telefonierens (schnelle Informationsübertragung) missversteht und in quälender Ausführlichkeit Wirres aus dem Kinderleben berichtet, um nach dreißig Minuten kommentarlos aufzulegen, ohne dass der eigentlich anvisierte Gesprächspartner jemals von diesem ermüdenden Zwiegespräch erfährt
Gleich an den gewünschten Gesprächspartner geraten, der jedoch während der Konversation Parallelgespräche mit seinem heulenden/ bockigen/ brüllenden/ bröselnden/ auf dem Treppengeländer balancierenden Kleinkind führt und einem während des Telefonats unvermittelt ins Ohr brüllt: »Kevin, du SIEHST doch, dass Papa telefoniert, musst du immer dazwischenquatschen?«
An den Anrufbeantworter geraten, der einem sehr zeitaufwendig in piepsender Kinderstimme mitteilt, dass das hier das Telefon von Steffi und Matthias und Leon und Cosima und Fips und Puschel ist und dass gerade gar keiner zu Hause ist und dass man ja nach dem Piep was draufsagen kann. Und öh.
Folgen:
Bitte warten Sie. Bitte warten Sie. Bitte warten Sie. Bitte warten Sie.
Chance:
Rufen Sie zu einem späteren Zeitpunkt an. Zu einem sehr viel späteren Zeitpunkt. Nämlich wenn die Kinder für immer aus dem Haus sind.

Das Elternteil klingt wie eine kaputte Schallplatte. Was hat es?
Viele junge Eltern leiden unter Wiederholungszwang (lat.: nervnervnervnervnervnervnerv).

Beschreibung:
Mütterlicher Erziehungsversuch mit Hilfe konsequenten und lauten Repetierens von Aufforderungen
Mögliche Ausdrucksformen:
Stella, leg bitte den Lolli ins Regal zurück.
Stella, leg bitte den Lolli ins Regal zurück.
Stella, leg bitte den Lolli ins Regal zurück.
Stella, leg bitte den Lolli ins Regal zurück.
Stella, leg bitte den Lolli ins Regal zurück.
Stella, leg bitte den Lolli ins Regal zurück.
Stella, leg bitte den Lolli ins Regal zurück.
Stella, leg bitte den Lolli ins Regal zurück.
Reaktion:
Stella legt den Lolli nicht ins Regal zurück.
Begleiterscheinungen:
Die Nerven aller in der inzwischen kilometerlangen Kassenschlange anstehenden Kunden sind zum Bersten gespannt.
Die Kassiererin brütet mit festgefrorenem Lächeln ausschweifende Mordphantasien aus.
Die deutsche Geburtenrate sinkt von 1,3 Kindern pro Kopf auf 0 Kinder pro Kopf.
Konsequente Folge:
Wir bleiben jetzt so lange an dieser Kasse, bis du den Lolli ins Regal zurücklegst.

Dem Elternteil wachsen plötzlich zwei linke Hände – was nun?

Keine Sorge. Bei dem Elternteil handelt es sich in der Regel um einen väterlichen Fall von Autoritätsverlust (lat.: papa tragicomica)

Beschreibung:
Auch wenn der Kindsvater bisher der Deputy Chief Executive of the International Safety Corps war: Jetzt ist er nur noch der Hanswurst of the Home.
Mögliche Symptome:
Zwei linke Hände, mit denen der Vater die Windeln falsch herum zumacht, das Kind falsch hält, den Babybrei falsch herum rührt, den Kinderwagen falsch herum schiebt.
Verkümmerte Sinne, aufgrund deren der Vater Hunger nicht von Durst, Masern nicht von Scharlach und das eigene Kind nicht vom Nachbarsjungen unterscheiden kann.
Verlauf:
Der Vater wird niemals in der heimischen Hierarchie aufrücken. Im besten Fall wird er als der (leicht zurückgebliebene) Assistent der Mutter geduldet. Denn gegen mütterliche Instinkte, erweisen sie sich auch als so trügerisch wie das Samstagslotto, kann der Vater leider nicht anstinken.
Einzige Chance:
Der Bolzplatz hinterm Haus. Hier darf der Vater sonntags mit den Kindern kicken. Die absolut einzige Tätigkeit, bei der die Mutter seine Autorität anerkennt.

Der Intimsbereich des Elternteils ist verletzt. Ist das schlimm? 
Nein. Das ist ein ganz normales elterliches Phänomen und führt in der Regel zum völligen Intimsbereichs-Verlust (lat.: big brother)

Beschreibung:
Schmerzhaftes Aufgeben aller im Grundgesetz verankerten Rechte auf Privatleben
Betroffene Gebiete:
Im Badezimmer, in dem früher in herrlicher Abgeschiedenheit Nasenhaare gestutzt, Hornhaut geraspelt und Zungen geschabt wurden, sind jetzt nur noch Gruppenaufenthalte möglich. Während die Mutter sich die Bikinizone wachst, poltert der Vater mit dem randvollen Windeleimer durchs Bad, scheuert das Kindergartenkind die Toilettenschüssel mit der Haarbürste, balanciert die Zwölfjährige auf dem Badewannenrand, um ihre neuen Jeans im Spiegel zu begutachten, erbricht das Vorschulkind den gesamten Inhalt seiner Süßigkeitenkiste auf den Badvorleger, kräht das Übernachtungskind nach seiner Colgate Junior.
Im Schlafzimmer, in dem früher in herrlicher Abgeschiedenheit kopuliert, meditiert und ausdiskutiert wurde, verkeilen sich nun Kindergeburtstagsgäste unterm Lattenrost, werden dreistöckige Höhlen aus den elterlichen Plumeaus geknotet, untersuchen Sohn und Nachbarskind interessiert den Pussy-Pearl-Intense-Orgasm-Superwet-Jelly-Vibrator der Mutter.
Im Arbeitszimmer, in dem früher in herrlicher Abgeschiedenheit getippt, gedruckt und kopiert wurde, verklebt das Kindergartenkind Schubladen, Computertastatur und Schrankschlösser flächendeckend mit Tesafilm, verbarrikadiert sich die weinende Tochter bei Endlostelefonaten mit der besten Freundin, surft der Vorpubertierende bei www.arschficken.de vorbei.
Muss ich ins Krankenhaus?
Au ja! Wir kommen alle mit!
Das Elternteil hat Tränen in den Augen, Schluckbeschwerden und kann nicht sprechen. Woran kann das liegen?
Vermutlich hat das Elternteil einen fetten Kloß im Hals (lat.: baby blues).

Beschreibung:
Beim Anblick des eigenen Kindes von übermächtig starker Rührung übermannt werden
Mögliche Auslöser:
Das Kind hat seinen ersten Kindergartentag/Schultag/Universitätstag.
Das Kind überquert die Straße im Gänsemarsch mit seiner Kindergartengruppe.
Das Kind steigt mit seinem kleinen Rucksack in den riesigen Klassenfahrtbus.
Das Kind trägt dem Weihnachtsmann mit stockender Stimme und roten Bäckchen ein Gedicht vor.
Das Kind absolviert ein Triangelsolo auf der wackeligen Bühne des Jugendmusikschul-Weihnachtskonzerts.
Symptome:
Schluckbeschwerden
Herzbrennen
Geschwollenes Herz
Verschwommene Sicht
Heiße Ohren
Wackelige Stimme, die im völligen Stimmversagen des Elternteils gipfelt
Auftreten:
Nah am Wasser
Vermeiden:
Angesprochen werden

Kurz vor dem Eintritt in die Grundschule ist das Elternteil plötzlich unerträglich hektisch und unter Strom. Warum?
Jedes Elternteil macht mindestens einmal im Leben das Harvard-Syndrom (lat.: DSDS) durch.

Beschreibung:
Deutschland sucht die Super-Schule. Die Erkrankung erfolgt in zwei fieberhaften Staffeln, zwischen denen die Symptome kurzzeitig abklingen:
Staffel I: Vor dem Eintritt in die Grundschule
Staffel II: Vor dem Eintritt in die weiterführende Schule
Mögliche Ursache:
Das PISA-Virus
Verlauf in Schüben:
Intensive Schul-Castings und quälende Qualifikationsrunden, in denen LehrerInnen, DirektorInnen, HausmeisterInnen und SchulkioskbetreiberInnen ihre Talente und pädagogischen Konzepte unter Beweis stellen dürfen
Anstrengende Tage der offenen Tür, sich dahinschleppende Informationsabende und sich anstauendes Infomaterial
Zermürbende, von der Mutter moderierte Entscheidungsrunden folgen, in denen eine hochkarätige Jury aus kompetenten Bildungskoryphäen (auch »Eltern« genannt) die Einrichtung bewerten. Ausschlaggebend für die finale Entscheidung sind neben Fachkenntnis Schuhmarke, Haarschnitt und Konfektionsgröße des Lehrkörpers. Vorentscheidungsrunden, in denen die jeweils am schlechtesten plazierte Schule den Wettbewerb verlässt
Das große Finale:
Das Kind sucht sich zielsicher die bereits in der ersten Runde ausgeschiedene Schule aus, weil die den cooleren Bolzplatz hat.
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