Verlagsgruppe Droemer Knaur



"Spar Dir das Melodrama!"

Liebe Maggie Stiefvater, erzählen Sie uns bitte ein bisschen über sich.

Ich bin 26 Jahre alt, habe einen ernstzunehmenden Peter-Pan-Komplex, bin schwer abhängig von süßem Tee und Cookie-Teig. Außerdem pflege ich eine durchaus obsessive Liebe zur Musik. Wenn ich nicht gerade Zeit mit meinem Ehemann und meinen zwei kleinen Kindern verbringe, schreibe oder lese ich. Oder ich rocke auf allen möglichen Instrumenten ab, schaffe Kunstwerke oder finde einen anderen Weg, um kreativ zu sein. Mich auszutoben zu können ist das Allerwichtigste für mich.

 

Warum interessieren Sie sich für Jugendromane?
 

Meinen Peter-Pan-Komplex habe ich ja schon erwähnt. Ich lese einfach sehr, sehr gerne Kinder- und Jugendliteratur. In diesem Alter glaubt man noch wirklich an seine Träume und hat eine wahnsinnige Lebenslust. Beides schätze ich sehr und hoffe, dass ich diese Energie nie verlieren werde. Wissen Sie, ich habe früher Kunst-Kurse für Erwachsene gegeben. Die sagten ständig “Dafür bin ich viel zu alt“ oder “Ich würde ja gerne, aber …“. Jugendliche sind anders – sie riskieren noch alles. Und deswegen inspirieren sie mich: Sie wollen große Geschichten, unwiderstehliche Charaktere, und sie mögen es, wenn beides mit einer Menge existenziellen Angst gemischt ist. Das ist etwas, was in der ‚erwachsenen’ Belletristik nur noch selten vorkommt.

 

Ihr erster Roman ist gerade erst in Amerika erschienen – und schon reißen sich die Verlage um Sie. Aber wie haben Sie angefangen zu schreiben?

Ich habe bereits auf dem College angefangen, den Roman zu schreiben, der damals noch den Titel „Das Angebot der Königin“ trug. Ich bastelte immer wieder daran herum und schickte das Manuskript dann einfach an mehrere Verlage.

 

Sie hatten also keinen Literaturagenten?

Nein. Ich habe darüber mit siebzehn Jahren nachgedacht, aber daraus wurde dann nicht. Und aus irgendeinem Grund dachte ich, dass sich das anfühlen würde, als versuchte ich zu schummeln. Ich wollte es ganz alleine schaffen. Jedenfalls bekam ich einige Absagen – und einen sehr netten Überarbeitungsvorschlag von Andrew Karre, einem Lektor des Verlags Flux. Ich klatschte in die Hände, tanzte durch mein Zimmer und begann sofort, das Manuskript zu überarbeiten. In der ersten Fassung war meine Hauptfigur wirklich zu gewöhnlich und ihr fehlte das Rückgrad. Außerdem hatte die Geschichte nicht genug Sex und Spannung, doch das habe ich damals alles noch nicht realisiert. Auf jeden Fall ging ich mit meiner Überarbeitung wieder nicht weit genug, und so wurde nichts daraus.

 

Wie ging es weiter? Was hat Ihnen geholfen, Ihr Schreiben zu verbessern?

Andrew riet mir, so viel aktuelle, populäre Unterhaltung wie möglich in dem Genre zu lesen, in dem ich schreiben wollte. Das ist etwas, was sich jeder junge Autor in Großbuchstaben aufschreiben sollte: POPULÄRE UNTERHALTUNG IN MEINEM GENRE LESEN! Natürlich habe ich immer schon viel gelesen, eigentlich alles, was die Bibliothek zu bietet hatte. Aber ich neigte dazu, einfach die Bücher aus dem Regal zu ziehen, die gerade da waren, Literatur, die oft zwanzig, dreißig Jahre alt war. Nun fing ich an, ganz bewusst Jugendbuch-Bestseller zu lesen. Und irgendwann begriff ich dadurch, dass mein erster Romanversuch wirklich todlangweilig war. Es kam mir so vor, als wäre ich blind gewesen – aber nun hatte mir jemand die „Dichtere-Sprache-spannenderer-Plot“-Brille aufgesetzt. Also schrieb ich einen anderen Roman, der in meinen Augen viel besser gelang, und schickte ihn Andrew. Er schrieb mir auf freundliche Lektorenart zurück: „Lass uns reden.“ Ich klatschte wieder in die Hände, tanzte und dachte, er würde mir nun für mein zweites Buch sofort ein Angebot machen – nur um ihn sagen zu hören, dass er „Das Angebot der Königin“ doch noch nicht aufgeben wollte. Bis heute weiß ich nicht, ob er den zweiten Roman überhaupt ganz gelesen hat. Aber das war auch egal, denn wenn ein Lektor sagt„Mach es spannender, älter, kribbeliger!“, dann sagt man sicher nicht Nein! Außerdem hatte ich durch die Erfahrungen der letzten Zeit inzwischen eine sehr genaue Idee davon, wie ich es anstellen musste. Ich schrieb die ersten drei Kapitel komplett neu, mit mehr echten Teenagergefühlen, ein bisschen Sex und ausgearbeiteteren Charakteren … und einige Monate später hatte ich meinen Vertrag in der Tasche.

 

Wie muss man sich den Moment vorstellen, wenn man vom hoffnungsvollen Nachwuchs zur Autorin mit Buchvertrag wird – haben Sie die Korken knallen lassen?

Mein Mann sagte: „Wow, wir kaufen uns einen neue Matratze.“ Und das taten wir. Das erste, um was ich Andrew dann bat, war, den Titel ändern zu dürfen: Meine Collegezeit lag hinter mir, und „Das Angebot der Königin“ hörte sich für mich inzwischen eher nach einem masochistischen Sexfilm an. „Lamento“ – der in Deutschland den schönen Untertitel „Im Bann der Feenkönigin“ tragen wird –, ist viel geeigneter für Leser ab 13 Jahren aufwärts.

 

„Aufwärts“ klingt danach, als wollten Sie sich nicht nur auf eine jugendliche Zielgruppe festlegen lassen …

Nun, es ist gerade eine wahnsinnig aufregende Zeit, um sein Debüt als Jugendbuchautorin zu feiern, denn viele Erwachsene haben mitgekriegt, dass dieses Genre ziemlich cool sind. Im letzten Jahr war ich Zeuge, wie sich die Größe der entsprechenden Abteilung meiner Buchhandlung verdoppelt hat. Und ich muss mich nicht mehr verstohlen hinter die Bilderbücher schleichen, um unbemerkt an die Bücher heranzukommen, die ich wirklich lesen will. Wobei ich nichts gegen Bilderbücher sagen möchte …

 

Wie lange hat es gedauert, bis aus dem hoffnungsvollen Talent eine veröffentliche Autorin wurde?

Von dem Tag, an dem ich Andrew zum ersten Mal ein Manuskript schickte, bis zu dem Moment, in dem ich den Vertrag erhielt, waren es ziemlich genau zwei Jahre. Die Zeit zwischen dem ersten Entwurf des zweiten Romans und dem Vertrag waren dann nur noch sechs Monate. Und seitdem geht es Schlag auf Schlag weiter. Es hat mich wirklich überrascht, wie schnell aus meiner privaten Leidenschaft ein richtiger Beruf wurde. Zu Beginn des Jahres 2008 hatte ich einen Vertrag für ein Buch. Gegen Ende nächsten Jahres werden drei Bücher von mir in den Buchhandlungen stehen! Und manchmal weiß ich gar nicht, ob das ein Grund zum Feiern ist – oder zum Ausflippen.

 

Aber Sie mögen schon, was gerade passiert, oder?

Ich liebe es! Ich werde nie vergessen, wie es sich anfühlte, das Paket mit den Vorabexemplaren zu öffnen und mein Buch zu sehen. Mein Buch! Mit einem richtigen Cover! Flux hat keinen Scherz mit mir getrieben, sie haben es tatsächlich veröffentlicht!

 

Wenn Sie durch die Zeit reisen könnten, was würden Sie sich selbst am Anfang Ihrer Autorenkarriere raten?

Maggie Stiefvater:

1. Kleine Maggie, spar dir das Melodrama. In deinen Geschichten und im wirklichen Leben. Ernsthaft!

2. Wenn man sich einen Agenten sucht, sollte man sich besser informieren. Dann wirst du als Siebzehnjährige der Frau nicht 50 Dollar zahlen, damit sie deine Agentin wird.

3. Süße, warte, bist du dich selbst mal verliebt hast, bevor du eine Liebesszene schreibst. Ansonsten wirst du entweder vor Lachen sterben oder vor Scham im Boden versinken, wenn ich (die ältere, erfahrenere Maggie) die Szene wiederfinde.

4. Lache weiterhin allen Autoritätspersonen ins Gesicht, die dir sagen, dass irgendetwas nicht machbar ist. Letztendlich wird für dich alles gut werden!

 

Und welchen Rat würden Sie anderen aufstrebenden Talenten geben?

„Bleib realistisch!“ Ha, so einen Rat wollte ich immer schon mal jemandem geben … Nein, ehrlich: Je weiter deine übernatürlichen Elemente von unserer Realität weg sind, desto realer muss alles andere sein. Wie riechen Abgase? Wie fühlt sich Feuchtigkeit auf deiner Haut an? Wie sieht die mollige Kassiererin aus? Wenn wir, deine Leser, uns in der realen Welt verankert fühlen und du dann ein übernatürliches Element einführst, werden wir Spaß an deiner Geschichte haben. Versprochen! Und vergiss nicht, dass das Setting eine wichtige Rolle spielt. Wähle keinen beliebigen Ort oder unbestimmte Jahreszeit in deinem Roman. Sie sind genauso wichtig wie die Charaktere. Ich stelle mit meine Bücher darum gerne als Filme vor.

 

Nun haben wir viel über das Schreiben gesprochen – erzählen Sie uns auch ein bisschen mehr über Ihren Roman?

Im Wesentlichen geht es um ein musisch außergewöhnlich talentiertes Mädchen (das schon allein deswegen nicht auf mir basieren kann, soviel steht fest), Deirdre. Sie lernt einen ebenso talentierten Jungen kennen und verliebt sich in ihn. Das blöde ist nur, dass er eine Killer-Fee ist – und sie sein nächstes Opfer sein soll!

 

Was hat Sie zu dieser Geschichte inspiriert?

Ich habe mit zwölf Jahren zum ersten Mal über Feen mit mörderischen Neigungen gelesen und bin seitdem richtiggehend besessen von dieser Idee. Ich ging oft nach draußen, stand mit einem vierblättrigen Kleeblatt in der Hand unter unserer Buche und wartete darauf, dass eine solche Fee auftauchte.

 

Eine mörderische Fee?

Ja, ich weiß, rückblickend hört sich das nach einer blöden Idee an, aber damals …

 

Was machen Sie, wenn Sie keine Bücher schreiben?

Ich zeichne viel und gebe Zeichenkurse. Bevor ich dieses Jahr das Schreiben zu meinem Hauptberuf machen konnte, habe ich mein Geld mit Kunst verdient. Wenn Sie mal einen Blick riskieren wollen: www.portraitswithcharacter.com. Außerdem koche ich gerne, was praktisch ist, da ich sehr gerne esse, und verbringe viel zeit mit meinem Mann und meinen Kindern, die drei und vier Jahre alt sind. Und wie ich schon erwähnt habe, bin ich absolut süchtig nach Musik, wenn auch leider nicht ganz so talentiert wir Deidre. Ich spiele keltische Harfe, Klavier, Blechflöte, Gitarre und die irische Trommel. Außerdem komponiere ich selbst. Als ich noch auf dem College war, hatte ich eine keltische Band, die Ballynoola. Wir gingen sogar für einige Jahre auf Tournee und nahmen ein Album auf, „Driven to Distraction“, das mittlerweile nirgendwo mehr erhältlich ist. Ich muss gestehen, dass das mein nächstes Ziel ist: wenn die Kinder in die Schule kommen, wäre es total nett, wieder eine Band zu haben, vielleicht sogar ein hübschen Studioalbum zu machen, selbst wenn ich wohl nie mehr auf Tour gehen werde.

 

„Lamento“ wird im September 2009 in Deutschland erscheinen. Können Sie uns trotzdem schon verraten, auf welche Bücher von Ihnen wir uns danach freuen dürfen?

Zunächst einmal auf die Fortsetzung, in deren Mittelpunkt eine Figur stehen wird, die auch in „Lamento“ eine wichtige Rolle spielt. Außerdem werden ein König der Toten sowie eine vampirhafte Feen-Muse auftreten. Und natürlich gibt es eine ganze Reihe Beziehungen, verwickelte und unverwickelte. Diesen Roman habe ich bereits geschrieben. Aktuell arbeite ich an der Liebesgeschichte zwischen einem Jungen, der jeden Winter als Wolf leben muss, und einem Mädchen. Es bleibt spannend!

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