Verlagsgruppe Droemer Knaur



Maxime Chattam im Interview

Warum haben Sie sich entschieden, einen Fantasy-Roman für Jugendliche zu schreiben, obwohl Sie mit Ihren Thrillern für Erwachsene so viel Erfolg haben? Was hat diesen Genrewechsel motiviert?
Für mich ist es eine Art Rückkehr zum Ursprung – back to the roots! Dank der fantastischen Literatur – dank Stephen King, Tolkien, Michael Ende (Die unendliche Geschichte) und vielen anderen bin ich zum Lesen und dann zum Schreiben gekommen ... Mit Fantasy-Romanen, Abenteuer- und gar Horrorgeschichten habe ich damals den Sprung gewagt. Und so erschien es mir irgendwann logisch, zu dieser ersten Leidenschaft zurückzukehren. Als ich gerade an zwei verschiedenen Thrillern arbeitete, begann ich die Idee zu ALTERRA aus meiner Schublade herauszuholen, daran zu arbeiten und die Struktur der Trilogie zu entwickeln. Etwas später, als ich wieder in den Arbeiten zu zwei verschiedenen Thrillerprojekten steckte, habe ich angefangen, den ersten Band zu schreiben ... 
 
Welche Romane und Filme haben Sie inspiriert? Wurden Sie überhaupt von irgendwem beeinflusst?
Im Hinblick auf den abenteuerlichen Aspekt waren es wahrscheinlich Der Herr der Ringe und die Romane von Mark Twain oder Jules Verne. Was die dramatische Entwicklung der Figuren und die Adoleszenzthematik betrifft, haben mich sicher Goldings Roman Herr der Fliegen und Der Fänger im Roggen von Salinger beeinflusst. Aber auch die Kultfilme meiner Generation wie Die Goonies, Stand by me oder auch Willow und alle Fantasy-Romane meiner Jugend haben eine große Rolle gespielt. Aber letzten Endes betrachte ich ALTERRA als eine Hommage an Märchen, an diese unglaublichen Geschichten, die man abends Kindern vorliest. Ich habe mich an den Märchen in ihrer altertümlichen Form orientiert: Der Mythologie (im ersten Band gibt es viele mythologische Anspielungen). Selbst bei der Auswahl der Figuren habe ich auf die „Heilige Dreifaltigkeit“ der Märchen zurückgegriffen: ein starker Held, eine Figur, die diesen Helden zur Geltung bringt und ohne die nichts möglich wäre, und eine starke weibliche Figur, wie in der König Artus Legende, in Tom Sawyer’s Geschichten mit Huck und Becky oder aber auch das Trio in Harry Potter ... Es handelt sich um eine klassische Struktur, auf die ich meine eigene Phantasie übertrage – welche, hoffe ich, die Leser mitreißt! Mein Traum ist es, dass Eltern ihren Kindern abends vor dem Zubettgehen die Geschichte von ALTERRA vorlesen – vielleicht sogar Geschwister ihren kleineren Geschwistern. Das ist eine Tradition, die mit der Zeit verloren geht, obwohl ich mir sicher bin, dass selbst Elf- oder Zwölfjährige das lieben würden!
 
Ihr Künstlername sowie Ihre Helden und der Schauplatz Ihrer Geschichten sind amerikanisch. Woher kommt diese Faszination für die USA?
Als Kind hatte ich das Glück, viel zu reisen, u. a. war ich mehrmals in den USA. Ich habe das Land entdeckt und war von den unendlichen Weiten beeindruckt. Daraufhin habe ich mir ein doppeltes, französisch-amerikanisches Kulturwissen angeeignet, das mich seitdem nicht mehr verlassen hat. Da die Literatur, die Filme und die Serien, die mir gefallen, hauptsächlich aus den USA stammen, schien es mir, als ich zu schreiben anfing, ganz natürlich, meine Geschichten dort zu verankern. Man muss auch zugeben, dass eine Fantasy-Geschichte viel glaubwürdiger erscheint, wenn sie in New York beginnt ..., wobei in ALTERRA Europa auch eine Rolle spielen wird ...
 
Wofür steht der Sturm am Anfang des Romans?
Der Sturm stellt den Übergang zu einem anderen Zustand dar. Er ist sowohl das Zeichen des Zorns als auch das Symbol der Veränderung. Der Sturm ist das Naturphänomen, vor dem der Mensch sich seit Anbeginn der Zeit am meisten fürchtet. Ihm gegenüber fühlt er sich nackt, wehrlos – der Sturm ist der bewaffnete Arm der Natur.
 
Was hat Sie dazu motiviert, eine Endzeitgeschichte zu schreiben? Beunruhigen Sie die Katastrophen der letzten Jahre? Ist ALTERRA für Sie eine Möglichkeit, diese Angst zu überwinden? Oder eine Botschaft zu übermitteln?
Der Roman bietet die Möglichkeit, sich über diese Probleme Gedanken zu machen. 2007 meldete das Internationale Rote Kreuz, dass die Zahl der Naturkatastrophen in nur zehn Jahren um 10% gewachsen ist. In den Jahren zwischen 1997 und 2006 gab es 6806 Naturkatastrophen, in dem Jahrzehnt davor dagegen nur 4241. Ist es nur Zufall, wenn dieser Zuwachs der Zeitspanne entspricht, in der die Menschheit am weitesten fortgeschritten ist und invasiver und respektloser vorgeht als je zuvor? Das denke ich nicht. ALTERRA geht davon aus, dass der erwachsene Mensch Gefangener seiner eigenen Konsumgewohnheiten geworden ist und er nichts von seiner Bequemlichkeit opfern wird, um die Natur zu respektieren. Aber was ist mit den Kindern? Sind sie bereits „verdorben“ oder können sie sich ändern und schnell anpassen?
 
Teilen Sie Ambres Theorie, laut derer die Erde den Kindern eine zweite Chance gibt? Warum sollte sie das machen?
Das ist ja eine der Fragen, die ALTERRA stellt. Ich kann Ihnen doch nicht bereits alles verraten! Aber soviel kann ich Ihnen sagen: Für mich ist die Natur eine Art Energie, und jede Energie muss auf irgendeine Weise weitergeleitet werden. Sie kann nicht zerstören, um zu zerstören, sondern vielmehr muss die Zerstörung einem Zweck dienen; aus dem Zerstörten muss etwas Neues entstehen. Auch wenn die Natur sich gegen die Menschheit aufbäumt, kann sie jedoch nicht den wertvollen Überträger des Lebens, der wir ja letztendlich sind, vollkommen vernichten. Indem die Natur die Erwachsenen angreift, korrigiert sie den Kurs; sie feuert einen Warnschuss ab und hofft, dass die Überlebenden, die Kinder, einen besseren Weg wählen werden. Mehr erfahren Sie aber erst in den folgenden Bänden.
 
Es ist der Traum eines jeden Jugendlichen, der gerne Rollenspiele spielt, ein Held zu werden und seine Feinde zu bekämpfen. Wird dank der Abenteuer in ALTERRA dieser Traum wahr? Oder wird man mit einer viel härteren Realität konfrontiert?
Eigentlich beides. Das Schreiben gab mir schon immer die Möglichkeit, das zu erfinden, was die reale Welt mir nicht bieten konnte – spannende Abenteuer, epische Geschichten, ungewöhnliche Begegnungen. Als Jugendlicher träumte ich davon, in Tolkiens Welt zu leben, unserer erdrückenden Realität zu entfliehen, und als Autor von Fantasy-Romanen ist es mir gelungen. Dank ALTERRA konnte ich aber auch diese Träume der Realität – sei es unsere Realität oder die der Fantasy-Welt – gegenüberstellen. Das Heldenepos, die Abenteuer sind eindeutig Dramen. Denn in einem Heldenepos geht es immer um gebündelte Gewalt aus der Perspektive eines Einzelnen. Aber letzten Endes ist das Bekämpfen eines Ungeheuers erschreckend; das Töten eines Wesens (selbst eines Monsters) ist und bleibt eine barbarische, traumatisierende Tat. Und es ist die Konfrontation mit diesen beiden Aspekten, die ich in dieser Serie thematisieren wollte. Egal, wo und wie es stattfindet, ein Abenteuer besteht immer aus extremen Emotionen. Lange Rede kurzer Sinn – ALTERRA ist für mich das Aufeinandertreffen der Realität der Erwachsenen mit den Träumen der Kinder, die immer noch tief in uns stecken.
 
Welcher Figur von ALTERRA fühlen Sie sich am nächsten?
Eigentlich allen! Matt wegen mancher Eigenschaften, Tobias wegen anderer und sogar Ambre ... Ich selbst bin die Helden, aber gleichzeitig auch der Torvaderon oder sogar die Königin der Zyniks, die Sie im zweiten Band kennenlernen werden ...
 
Welche Musik sollte man bei der Lektüre von ALTERRA hören?
Epische Musik voller Magie! Soundtracks auf jeden Fall! Die Filmmusik von Willow (von James Horner), Harry Potter (von John Williams) oder Legend (von Jerry Goldsmith) ...
 
Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden? Was war Ihr Traumberuf, als Sie so alt wie Ihre Helden Matt, Tobias und Ambre waren?
Ich wollte Geheimagent werden. Aber da es geheim war, konnte ich es niemandem sagen!!! Später ist mir klar geworden, dass ich zwischen der Realität und den Fantasy-Welten aus den Büchern meiner Kindheit, meiner Lieblingsfilme leben wollte. Deswegen habe ich entschieden, Schauspieler zu werden, aber dabei kann man nicht so schön wegtauchen. Und so bin ich Schriftsteller geworden ...

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