Verlagsgruppe Droemer Knaur



Welcome to British Library!

Einleitung

Wo die McNemosyne und ihre Mitarbeiterinnen über uns alle Buch führen

 

»Ein Ort, an dem Sterbliche nichts verloren haben. Beim bloßen Gedanken lief Avi ein Schauder über den Rücken. Die Stadt raste an ihnen vorbei, und Avi hatte das seltsame Gefühl, dass der Wagen stand, während London sich bewegte. Obwohl Roosevelt kaum das Steuer zu betätigen schien, umrundeten sie ohne Missgeschick jede Kurve. Kurz hörte Avi eine Sirene, und ein Streifenwagen heftete sich an ihre Fersen. Doch Roosevelt wedelte nur mit der Hand, und das Polizeifahrzeug löste sich in Luft auf. «

Kurz nach seiner Flucht aus dem Krankenhaus lernt Avi den unsterblichen Roosevelt kennen. Er lebt in der Präsidentensuite des Londoner Luxushotels Savoy und ist unfassbar dick. Auf der Suche nach Avis Gedächtnis verlässt er ausnahmsweise mal sein Hotel, das in der Nähe des Trafalgar Squares liegt, und betritt zusammen mit dem Jungen das eindrucksvolle Backsteingebäude der British Library. Roosevelt, der ein bedeutsamer Wächter ist, interessiert sich aber nicht sonderlich für den Lesesaal mit den offiziellen Büchern. Vielmehr will er in den Keller, in die Katakomben der berühmten Bibliothek hinunter. Und zu denen verschafft er sich mit einem seiner Taschenspielertricks Zutritt. In dem dunklen, staubigen Labyrinth aus Bücherregalen bekommt es Avi mit der Angst zu tun. Mit sicherem Instinkt fischt Roosevelt ein Buch heraus: Studien in Gedächtnisschwund – 1769. Ob das Avi hilft, sich zu erinnern? Immerhin enthält es ein Wort, das nützlich sein könnte: perostiavincularandumaperturius!

Auf jeder Seite standen einige Dutzend Schreibtische, und an allen saßen dicke Damen hinter Schreibmaschinen. Als Avi genauer hinschaute, stellte er fest, dass es nicht alles Schreibmaschinen waren. Viele Frauen hatten auch Laptops vor sich und bearbeiteten die Tastaturen. Andere bekritzelten hektisch Notizblöcke oder die verschiedensten losen Blätter mit Kugelschreibern oder Filzstiften. Eine Frau benutzte sogar einen Federkiel, den sie immer wieder in ein Tintenfass tauchte und damit ein langes Stück Pergament beschriftete. Alle Frauen trugen Bürokleidung und Kopfhörer. Eine der Frauen nahm den Kopfhörer ab und kam ihnen entgegen. «

Und endlich! Diese Dame erweist sich als nützlich auf der Suche nach Avis Gedächtnis. Sie ist eine Person mit einem verwirrenden Namen und einer Stimme so schrill wie eine Kreissäge: McNemosyne – ihres Zeichens Gedächtnismuse und Abteilungsleiterin. Ihr Gesicht ist etwa zweimal so breit wie gewöhnlich, und der Mund scheint sich über ihren gesamten Kiefer zu erstrecken. Außerdem hat sie eine flache Nase mit geblähten Nüstern und eine durchgehende Braue über den Augen. Sie trägt das Haar zu einem Dutt aufgetürmt – dort verstaut sie die Streichhölzer, die sie fürs Zigarettenrauchen braucht. Sie erkennt Avi – überhaupt: Alle scheinen zu wissen, wer er ist. Nur er hat keinen Schimmer.

»Mein Palast hat mehr zu bieten, als man auf den ersten Blick vermutet.' Die McNemosyne nahm eine Lesebrille vom Schreibtisch. Sobald sie sie aufsetzte, verfärbten sich die gerade noch schwarzen Wände golden, und die niedrige Decke wurde dreißig Stockwerke hoch. Sie befanden sich nicht mehr in einem dunklen Kellergewölbe, sondern in einem prachtvollen, hell erleuchteten Amphitheater. 'Wie machst du das?', hauchte Avi ehrfürchtig. 'Da ich nur selten vor die Tür komme', erwiderte McNemosyne und drückte die Brille fester auf ihre Nase, 'richte ich mich hier so gemütlich ein wie möglich. So, und jetzt zum Geschäftlichen, und mein Geschäft sind Bücher. Allerdings keine gewöhnlichen Bücher, nein, nein. Meine Bücher sind Erinnerungsbücher. «

Und dann erklärt McNemosyne dem verdatterten Avi, was sich in ihrem Kellergewölbe tatsächlich verbirgt: der Palast der Erinnerungen. Du und ich, jeder Sterbliche ist dort verzeichnet. Auch der Wächter Roosevelt sowie die anderen magischen Bewohner Londons haben dort eine Akte. Avi ist völlig aus dem Häuschen. Natürlich kann er es kaum erwarten, bis er endlich nachlesen darf, wer er ist. Warum er vor die U-Bahn gesprungen ist. Warum dieser Untote Kellen ständig mit seinen knochigen Händen nach ihm grabscht und ihm so brutal nachstellt. Ob McNemosyne Avi wirklich einen Blick in seine Akte werfen lässt, das soll an dieser Stelle nicht verraten werden...


 

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