Verlagsgruppe Droemer Knaur

So liest man heute.

Alles in Zucker

Einleitung

Wie blöd sind wir eigentlich?

Im Jahr 2012 sprang der Österreicher Felix Baumgartner aus fast 40.000 Metern Höhe auf die Erde – gesponsert von dem Getränkehersteller Red Bull. Die Aktion fand nicht überall Anklang, aber für Aufmerksamkeit allerorten sorgte sie auf alle Fälle. Was dabei völlig unberücksichtigt blieb – wie immer, wenn es um Werbeaktionen großer Lebensmittelhersteller geht – Red Bull stellt eines der zuckerhaltigsten Getränke überhaupt her, und setzt wegen (eigentlich müsste man sagen: trotz) des im wahrsten Sinne des Wortes zuckersüßen Geschmacks große Mengen davon ab. Zucker ist zwar sicher nicht gesund, das weiß jedes Kind, aber gefährlich doch wohl auch nicht. Oder etwa doch?

Erfolgsautor Hans-Ulrich Grimm („Die Suppe lügt“) geht dieser brisanten Frage in seinem Buch „Garantiert gesundheitsgefährdend“ nach, angefangen von den körperlichen Mechanismen, die der Zucker beeinflusst, von der historischen Dimension des Zuckerkonsums und des Handels mit Zucker, über die Zuckerpropaganda bis hin zur ausbeuterischen Zuckerindustrie, zu der er auch einen Teil der Pharmaindustrie zählt – schließlich braucht sie Diabetiker als lukrativen Absatzmarkt für ihre Produkte. Grimm, der „Food Detektiv“ (so der Name seines Internetportals, auf dem u.a. eine Datenbank mit Zusatzstoffen in Lebensmitteln zu finden ist), behandelt also nicht nur die gesundheitliche Seite des Zuckerkonsums in unserer industrialisierten Welt, sondern darüber hinaus auch die volkswirtschaftlichen Auswirkungen des globalen Zuckerhandels.

Was Grimm eindrücklich in seiner Reise durch die Zuckerindustrie zeigt, ist wie der Zucker seine Spur verwischt: Gemeinhin propagieren Wissenschaftler und Werbung nämlich das Fett als Bösewicht Nummer eins, wenn es um diverse Krankheiten geht. Tatsächlich aber belegt Grimm in seinem Buch, dass meist in Fett verwandelter Zucker der Auslöser dafür ist. Praktisch für die Industrie, denn Zucker lässt sich viel leichter in Lebensmitteln verstecken als das unter Generalverdacht stehende Fett. Vor allem in fettreduzierten Lebensmitteln ist Zucker der Geschmacksträger – und führt damit die angeblich gesundheitsbewusste Ernährung mit fettreduzierten Produkten ab absurdum. Und die Verbraucher lassen sich gut und gerne täuschen – das zeigen die vielen persönlichen Geschichten, die Grimm in seinem Buch den vielen Fakten gegenüberstellt.

All diese Zusammenhänge hat Grimm eindrucksvoll auch in ihrer historischen Dimension zusammengetragen, so dass plausibel wird, wie eine regelrechte „Zucker-Mafia“ entstehen konnte, die das „süße Leben“ ungehindert propagieren darf und die Verbraucher schon von Kindesbeinen an abhängig macht von seinem weißen Pulver. Es verwundert nicht weiter, dass die reichsten Männer der Welt oft Industrielle im „Zuckergewerbe“ sind (z.B. Red Bull-Besitzer Dietrich Mateschitz).

Die Auflistung, worin überall Zucker enthalten ist (nämlich nicht nur da, wo es offensichtlich ist, sondern auch in Schinken, Tütensuppen und ähnlichem), liest sich erschreckend und schärft ohne Frage das Bewusstsein für die Inhaltsangaben auf Produkten der Lebensmittelindustrie. Hier sieht Grimm auch das eigentliche Problem: der Zucker wird dem Verbraucher untergejubelt. Abgelenkt wird der Verbraucher von Etikettenschwindel wie „garantiert frei von chemischen Geschmacksverstärkern“ – denn Zucker gilt nicht als ein solcher, auch wenn er natürlich ein Geschmacksverstärker erster Güte ist. Und nebenher eindeutig Suchtpotential hat. Das beschreiben zumindest diejenigen, die in Grimms Buch zum Thema „Schokoholic“ zu Wort kommen. Ob es eine regelrechte Zuckersucht gibt, darüber streiten sich Mediziner – auch das legt Grimm dar, wenngleich diejenigen, die vor den Gefahren des Zuckers warnen, hier eindeutig die besseren Argumente haben.

So wie Grimm von Zucker spricht, hört es sich tatsächlich nach einer Volksdroge an: „das weiße Pulver“ nennt er den raffinierten (Achtung, Wortspiel!) Zucker, den es so als natürliches Lebensmittel gar nicht gibt.

Angesichts der aktuellen Lebensmittelskandale von nicht deklariertem Pferdefleisch in Lasagne oder falschen Bio-Eiern sind die hervorragend recherchierten Enthüllungen von Erfolgsautor Hans-Ulrich Grimm ein weiterer Beitrag zu einer Verbraucheraufklärung, die nicht nur einseitige Panikmache gegenüber bestimmten Inhaltsstoffen ist, sondern ein Kaleidoskop verschiedener Aspekte zum großen Thema Zucker. Und vor allem endet sein Buch nicht in abgrundtiefem Zivilisationspessimismus: Zwar belegt Grimm, dass auch der neue Modesüßstoff Stevia, gewonnen aus einer südamerikanischen Urwaldpflanze, gesundheitlich nicht unbedenklich sei. Auch hier betreiben wieder die führenden Lebensmittelkonzerne hartnäckig Lobbyarbeit, um ihr neues Produkt in großen Mengen gewinnbringend absetzen zu können. Die gute Nachricht aber ist, dass offenbar nach und nach ein Umdenken stattfindet, das dazu führt, das „süße Leben“ nicht ausschließlich in süßer Nahrung zu suchen. So endet Grimms Streifzug durch die Zuckerkultur versöhnlich, fast schon wie ein Ratgeber – dessen einziger Rat ist, maßvoll zu sein. Das hört sich banal an, scheint aber in unserer heutigen Welt, die von Marketingstrategen und Zuckeraktionären beherrscht wird, manchmal in Vergessenheit zu geraten.

Alexandra Hessler für www.droemer-knaur.de
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