Verlagsgruppe Droemer Knaur

So liest man heute.

Musikinstrumente und Sexappeal

Einleitung

Die Antwort auf die Suche nach der Sexmachine unter den Musikinstrumenten

In der Paarungszeit geht es – außer um eine französische Invasion in Oberbayern, eine Amour fou und hypersensible Kampffische – um Musik. Genauer: Um die erotische Wirkung gewisser Instrumente.

Musik und Eros gehören untrennbar zusammen – seit der erste Schamane auf eine Mammutschädeltrommel einprügelte und steinzeitliche Cheerleaderinnen dazu ekstatisch ihre Fellpuscheln schwangen. Heute ist es nicht anders:

E-Gitarristen bearbeiten ihr Instrument mit der Zunge, Geigerinnen blicken lasziv von CD-Covern, Studienrätinnen fahren auf archaische Trommelkurse und ihre Dozenten ab – auch auf diejenigen, in deren Kultur es eher weniger weibliche Studienräte gibt. Das Objekt heterosexueller männlicher Begierde schlechthin ist die Cellistin. Eine Madonna, zwischen deren Beinen es brummt. Ihr maskulines Gegenstück: der Pianist im Frack, der wie ein Tiger auf sein blankgeputztes Opfer zuschleicht, um ihm das Äußerste zu entlocken. Erotik allenthalben, auch im Falle jener Harfespielerin im tief ausgeschnittenen Abendkleid, der bei einer wogenden Kadenz eine Brust stiften ging, sich über den Rand des Dekolletés wagte, um ihrerseits einen Blick ins gebannte Publikum zu werfen – ein erhebender Moment in einem Frankfurter Konzertsaal, den ich nie vergessen habe.

Aber halt – es gibt auch Instrumente und Instrumentalisten, deren Sex-Appeal fragwürdig ist. Was ist mit dem tüfteligen Keyboarder, dessen Zimmer samt Bett voller Kabel und Messgeräte ist, dem dünnlippigen Fagottisten, dem angeblich mit jedem hohen F Gehirnzellen in Massen flöten gehen, der freudlosen Bratschistin in Sack und Asche, den brachialen Dicke-Backen-Musikern, die gern im Blechbläser-Kollektiv auftreten und sich gemeinsam über das Büffet und weibliche Anwesende hermachen?

Gibt es noch etwas Schlimmeres (außer den Blockflötisten, die nach der musikalischen Früherziehung beim Instrument geblieben sind?)

Oh ja. Es gibt ein Negativ-Ranking: Das in Umfragen eindeutig am wenigsten erregendste Instrument ist das Akkordeon. Das Schifferklavier. Der Quetschbeutel.

Der Junge aus dem Akkordeonorchester hatte in der Schule ungefähr das gleiche Sex-Appeal wie der Modellbaubastler. Liegt es daran, dass es anatomisch unmöglich ist, ein Akkordeon mit der Zunge zu spielen? Daran, dass das Instrument vor Bauch und Brust geschnallt wird und entscheidende Körperpartien verbirgt? Oder liegt es an dem, was aus dem Quetschbeutel herauskommt? Bestenfalls La Paloma, meist Schlimmeres, Zünftiges, Albern-Bodenständiges, etwas, das man sich mit einer Maß Bier erst schöntrinken muss, etwas, das bei nüchterner Betrachtung eher zu dem Wunsch verleitet, den Blasebalg des Instruments mit Bauschaum ausfüllen zu wollen und damit Schifferklavier, Musik und Spieler zum endgültigen Erstarren zu bringen.

Aber das Akkordeon kann nicht nur prüde-peinlich oder schrecklich gemütlich sein – es kann auch ganz anders. Dies erfährt Therese Engler, Hauptfigur der Paarungszeit, als sie das erste Mal Lucien Ledoux spielen hört. Lucien versteht es, den rätselhaften Knöpfen und Tasten eine Musik zu entlocken, die einen Moment an geheimnisvolle Signale ferner Schiffe erinnert, im nächsten an schmiedeeiserne, fein ziselierte Balkongitter in Paris (dahinter ein offenes Fenster, wehende Vorhänge im Wind, olàlà! ), dann wieder an den zart errötenden Abendhimmel über dem heimischen Brachsee. Luciens Akkordeon ist Sehnsucht-to-go, eine ganze Welt wehmütigen Glücks, seine Musik ist Verführerlächeln mit Rose zwischen den Zähnen, Aufforderung zum Tango und dem, was geschehen könnte; und nicht nur Therese ist ihr verfallen, auch die Mitglieder der Neuenthaler Feuerwehrkapelle entdecken unverhofft romantische Seiten an sich und ihren Instrumenten. So lässt sich die Paarungszeit nicht nur als Kulturclash-Comedy-Liebes-Anti-Heimat-Crossover-Roman lesen, sondern auch als leidenschaftliche Verteidigungsschrift für die heimliche Sexmachine unter den Musikinstrumenten. Abgesehen davon versuche ich, Antworten auf folgende wichtige musikalische Fragen zu finden: Kann man einen Chanson auch jodeln? Was ist die richtige Antwort auf ein gestöhntes Je t’aime, ein gehaucht-unterwürfiges moi non plus oder eher ein bodenständig emanzipiertes jo freili? Kann man einander küssen, wenn jeder der Beteiligten ein Akkordeon vor der Brust hat? Die Frage, wie ich das recherchiert habe – reine Vorstellungskraft oder Selbstversuch – beantworte ich in meinen Lesungen.
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