Verlagsgruppe Droemer Knaur

So liest man heute.

Ka Hancock im Interview

Jeder ist der Liebe würdig - bis wir ihr unwürdig werden.

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In ihrem Debüt Tanz auf Glas zeichnet die Amerikanerin Ka Hancock das Porträt einer großen, unzerbrechlichen Liebe. Ein bewegender Roman, der zu Tränen rührt und den Leser mitten ins Herz trifft. Wir sprachen mit der Autorin über ihr Verständnis von Glück und Familie, Liebe und Tod, ihre Vorliebe für Kleinstädte und ihre Faszination für komplizierte Charaktere.

Sie haben lange Jahre als Krankenschwester in der Psychiatrie gearbeitet, bevor Sie Ihr Debüt Tanz auf Glas geschrieben haben. Wann und warum haben Sie beschlossen, einen Roman zu schreiben? Ist das Schreiben Ihnen von Anfang an leicht gefallen?

Ich schreibe bereits seit meiner Kindheit, wusste aber intuitiv, dass ich einen ‚richtigen’ Beruf brauche, der mir Halt gibt. Ich hätte keinen besseren Beruf als Krankenschwester für Psychiatrie wählen können. Ich liebe meine Arbeit bis heute; sie inspiriert mich. Komplizierte Menschen ziehen mich einfach an, daher passt Tanz auf Glas sehr gut zu mir. Allerdings hatte ich einige Fehlstarts und es fiel mir nicht immer leicht, Lucys und Mickeys Geschichte zu erzählen. Aber die Charaktere haben mich von Anfang an fasziniert und je tiefer ich in ihre Lebensgeschichte eingetaucht bin, umso schneller ging mir das Schreiben von der Hand.

Erinnern Sie sich an den Moment, als Ihnen zum ersten Mal die Idee für Ihren Roman in den Sinn kam?

Die Idee für Tanz auf Glas kam mir eines Nachts und hat mir den Schlaf geraubt. Ich hatte seit einiger Zeit nichts mehr geschrieben und daher kam diese Inspiration genau zur richtigen Zeit. Es war, als ob Gott mir das Städtchen Brinley Township mit seinen zwei Schwestern auf einem silbernen Tablett servierte; eine Schwester, die keine Kinder haben kann, und eine, die keine haben darf. Augenblicklich wusste ich, dass Lucy schwer krank wird und sie mit einem psychisch labilen Mann verheiratet ist. Mit dieser Grundidee machte ich mich ans Werk.

Hatte Ihre persönliche Erfahrung als Krankenschwester, Ehefrau und Mutter großen Einfluss auf die Handlung?

Ich glaube, dass als diese Erfahrungen meiner Geschichte Authentizität verliehen haben. Als ausgebildete Krankenschwester für Psychiatrie kenne ich mich natürlich mit der Diagnose bipolare Störung aus; und ich kenne die Auswirkungen, die psychische Erkrankungen auf Beziehungen haben können. Die emotionalen Hochs und Tiefs einer Ehefrau und Mutter sind mir auch aus erster Hand vertraut. Aber wie gesagt, ich verkompliziere die Dinge gerne; ich glaube, dass das die besseren Geschichten ergibt. Also habe ich einige Komplikationen und Problematiken hinzugefügt, die mich wiederum gezwungen haben, über meine persönlichen Erfahrungen hinauszuwachsen.

In Ihrem Roman erleiden die Figuren harte Schicksalsschläge. Woher stammt Ihre Faszination für dramatische Lebensgeschichten? Glauben Sie im Leben an schicksalhafte Wendungen?

Ich glaube, dass widrige Umstände und selbst Tragödien Teil des Lebens sind. Der Tod ist für die Hinterbliebenen immer ein hartes Stück Brot, aber es passiert jeden Tag. Mickey und Lucy haben versucht, das Beste aus ihren Lebensumständen zu machen – so wie wir das alle müssen. In jedem Leben gibt es an einem Punkt Verlust, Herzschmerz, Enttäuschung, und auch Dramatik; das ist Teil des Menschseins. Die Herausforderung liegt darin, nicht daran zugrunde zu gehen.

Ihr Buch beginnt mit dem Tod, ein Charakter, der im Laufe des Romans immer wieder kehrt. Lucys Vater verspricht ihr drei Dinge über den Tod: "Ich verspreche dir, dass der Tod nicht das Ende ist. Und er tut nicht weh. Und drittens, wenn du keine Angst vor dem Tod hast, kannst du nach ihm Ausschau halten und vorbereitet sein." Entspringt diese Aussage Ihrer persönlichen Überzeugung?

Ich bin mit der religiösen Überzeugung aufgewachsen, dass es ein früheres Leben, ein Jetzt und ein späteres Leben gibt. Da ich diesen Glauben ganz verinnerlicht habe, hat der Tod für mich auch nichts Geheimnisvolles oder Beängstigendes. Ich glaube daran, dass der Tod nicht das Ende ist. Ich glaube, dass das Verlassen dieser Welt nicht weh tut. Ich möchte gerne daran glauben, dass ich, wenn ich aufmerksam genug bin, genügend Zeit bekomme, mich zu verabschieden und zu sagen: bis bald und ich liebe dich und, vielleicht, es tut mir leid ...

Wie sehr hat die Dramatik der Handlung - der Schmerz und die Trauer der Protagonisten - Sie beim Schreiben in Atem gehalten? Hat Sie die Beschreibung dieses Leides nicht teilweise selbst zur Verzweiflung gebracht?

Nein, ganz im Gegenteil, die Charaktere haben mich inspiriert und ich hoffe, dass sie auch andere inspirieren. Es war nie meine Absicht, eine hoffnungslose Geschichte zu erzählen. Es ist einfach zu grausam, sich nur mit der düsteren, zerstörerischen Seite zu befassen - das gilt für das Leben und die Fiktion. Da ich wirklich daran glaube, dass die Liebe dieses Leben transzendieren kann und da dieser Glaube mich antreibt, haben für mich weder das Leben noch die Liebe einen Endpunkt. Dieser Glaube bildet das Fundament meiner Geschichte und daher vermittelt sie trotz des Leids und Schmerzes auch ein Gefühl von Hoffnung und Fortbestand für Lucy und Mickey.

Auch der Leser kann sich dieser Emotionalität nicht entziehen. Wie haben Sie es geschafft, die Figuren so lebendig werden zu lassen und ihr Leid so lebensnah darzustellen?

Trauer und Verlust sind für jeden schmerzhafte Erfahrungen – aber für mich ist es fast noch schlimmer, hilflos beobachten zu müssen, wie sich ein mir nahestehender Mensch vor Trauer und Leid verzehrt. Die Trauer der anderen bricht mir das Herz. Es ist qualvoll, mit ansehen zu müssen, wie einem geliebten Menschen das Unvorstellbare geschieht und selbst nichts tun zu können. Dieses Gefühl evoziert Mickey für mich – seine Liebe und Machtlosigkeit sind für jeden nachvollziehbar, denke ich. Die Welt ist voller guter Menschen, die leiden, wenn sie Zeuge von Schmerz und Kummer werden. Jeder Leser, der Mickey und Lucy in Tanz auf Glas begleitet und dabei auch nur eine einzige Träne verdrückt, belegt das in gewisser Weise.

Was bedeutet für Sie Glücklichsein?

Oh, was für eine Frage! Glücklichsein bedeutet doch für jeden etwas ganz anderes und, um das vorweg zu nehmen, ich liebe mein Leben.
Hier meine ausführliche Antwort: Mein Nest macht mich glücklich. Eine hart erarbeitete Leistung macht mich glücklich. Gesund zu sein, macht mich glücklich. Ein schönes Abendessen mit meinem Mann am Ende eines langen Tages macht mich glücklich. Lachen macht mich glücklich. Lesen, schreiben und frische Wäsche machen mich sehr glücklich. Produktivität. Ein Ich liebe Dich von wem auch immer. Am Abend mit reinem Gewissen ins Bett gehen zu können und mich nicht vor Gott schämen zu müssen; und am nächsten Morgen aufzustehen, um mein Werk mit doppeltem Tatendrang fortzusetzen. Das alles macht mich glücklich!
Kurze Antwort: Glücklichsein bedeutet, das Leben so leben zu können, wie man möchte und den festen Willen zu haben, es zu gestalten.

Mit welcher Figur fühlen Sie sich persönlich am engsten verbunden?

Da gibt es mehrere Figuren, aber am meisten wohl mit Lily, muss ich zugeben. Sie ist die heimliche Heldin in Tanz auf Glas und die Geschichte würde ohne sie nicht funktionieren. Von Kindesbeinen an fühlte sie sich eng mit Lucy verbunden und diese Verbundenheit überdauerte auch Lucys Tod. Lily war todunglücklich, dass sie keine eigenen Kinder haben konnte und es kostete sie viel Kraft, den letzten Wunsch ihrer Schwester anzunehmen und umzusetzen. Aber Lucys Vertrauen in sie überflügelte alles. Und weil Lucy Lily vertraute, vertraut ihr auch der Leser. Ich bin stolz auf Lily. Sie erträgt ihr schweres Leid mit großer Integrität; ich finde sie großartig!

Was haben Sie durch die Beschäftigung mit Lucy und Mickey über die Liebe gelernt?

Die Moral könnte lauten: Liebe ist eine ernste Angelegenheit und nichts für schwache Nerven. Der Mensch ist schwierig. Eine Ehe ist schwierig. Wenn man sich darauf einlässt, sollte das wohl überlegt sein; wenn Kinder ins Spiel kommen, sollte man den Notausgang fest verriegeln – und alle anderen Fluchtwege auch –, denn das haben Kinder verdient. Ich habe erkannt, dass sich hinter einer glücklichen Ehe kein großes Geheimnis verbirgt, sondern eine große Portion Geduld und Vergebung und das Bemühen, ungeachtet der eigenen Grenzen das Beste von sich zu geben. Das ist es, was ich gelernt habe und was ich am meisten bei Lucy und Mickey bewundere.

Mickeys Arzt Gleason erklärt Lucy: "Jede Ehe ist ein Tanz – mal kompliziert, mal wunderschön, meistens wenig aufregend. Aber mit Mickey werden Sie manchmal auf Glasscherben tanzen. Das wird weh tun." Was hat Sie zu dieser Metapher inspiriert?

Der Vergleich der Ehe mit einem Tanz stammt nicht von mir, aber während meiner langjährigen Partnerschaft habe ich ihn schätzen gelernt. Eine Ehe ist wirklich ein Tanz zweier einzigartiger Individuen. Tanz auf Glas schien mir die perfekte Beschreibung für Lucys Ehe mit einem labilen Mann zu sein.

Sie sind verheiratet und haben vier erwachsene Kinder und mehrere Enkelkinder. Was bedeutet Ihnen Familie?

Letztendlich bedeutet Familie mir alles. Diese Bindungen sind das Wichtigste in meinem Leben. Mein Mann und ich haben uns in der Highschool verliebt und den wahnsinnigen Entschluss gefasst zu heiraten, als wir eigentlich noch viel zu jung waren, die Tragweite unseres Entschlusses zu erfassen. Infolgedessen hatten wir einige Hürden und Probleme zu meistern. Aber wie bereits gesagt, ich glaube, dass zu jeder Ehe Mut, Geduld, Vergebung, viel Lachen, tiefe Seufzer und einige Nächte auf dem Sofa gehören. Eine Ehe ist etwas Lebendiges; sie kann zugrunde gehen oder aufblühen je nach Einsatz der Beteiligten. Um ehrlich zu sein, stand unsere Ehe auch einige Male auf der Kippe, aber dafür ist sie uns heute umso kostbarer. Was unsere Kinder betrifft: All unsere Wünsche, Hoffnungen, Träume, Gebete, Ängste und Enttäuschungen drehen sich um sie und ihre Familien. Das größte Geschenk, das wir ihnen geben konnten, war, dass sie einander haben. Ich liebe unsere Familienzusammenkünfte sehr. Ich möchte, dass meine Kleinen immer wissen, dass sie dieses Netzwerk – dieses Wurzelwerk -  aus Liebe und Unterstützung haben. Die Welt da draußen ist groß, schlecht, verrückt, launenhaft und gefährlich. Die Familie sollte immer ein Zufluchtsort sein. Dies mit allen Mitteln zu stärken, wird für mich immer höchste Priorität haben.

Brinley Township ist das perfekte Sinnbild einer amerikanischen Kleinstadt. Lebhaft beschreiben Sie die vielen Traditionen und Festlichkeiten, die Solidarität und Gemeinschaft der Anwohner. Woher kam die Inspiration für diesen Handlungsort?

Ich liebe Kleinstädte. Als mir die Idee für Tanz auf Glas kam, hatte ich sofort das Bild von Brinley Township vor Augen. Ich schaute mir Fernsehserien und Filme an, die in Kleinstädten und dörflichen Gemeinschaften spielen, aber letztendlich diente mir Essex in Connecticut als Vorbild. Bei meinen Recherchen über Kleinstädte an der Ostküste der USA bin ich auf dieses hübsche Örtchen gestoßen. Mein Mann schenkte mir zu unserem Hochzeitstag eine Reise dorthin und ich verliebte mich sofort in diesen Ort. Es war genau so, wie ich es mir ausgemalt hatte und ich formte Brinley nach diesem Vorbild, bis zum kleinsten Detail wie dem Friedhof. Wir verbrachten mehrere Tage dort und die Menschen waren unglaublich freundlich und natürlich habe ich diese Eigenschaften auch in meinen Roman einfließen lassen.

Was bedeuten Ihnen diese Traditionen und Wurzeln in unserer heutigen schnelllebigen, mobilen Welt?

Ich wäre gerne in einer unkomplizierteren Zeit zur Welt gekommen. Es ist ziemlich anstrengend, mit der Welt von 2013 Schritt zu halten und dabei nicht die Schönheit, die Natur und das Gute aus den Augen zu verlieren. Unsere Familie, 22 Personen an der Zahl, hat gerade gemeinsam eine Woche in den Bergen in der Nähe unseres Wohnorts verbracht. Dort gibt es einen herrlichen See und meistens waren wir dort für uns. Es ist großartig, worüber man sich alles unterhalten, lachen und freuen kann, wenn man keinen Handyempfang hat. Das würde ich gerne öfter erleben.

Hat der Roman eine Moral, die Sie dem Leser mit auf den Weg geben wollen?

Ich habe festgestellt, dass diese Geschichte die Menschen auf unterschiedliche Art und Weise berührt, was für mich immer wieder überraschend ist. Ich habe von Lesern gehört, deren Angehörige an Krebs gestorben sind. Andere lieben jemanden, der unter einer psychischen Krankheit leidet. Andere kämpfen mit ihrer Unfruchtbarkeit, Adoption oder Ehe. Aber die wesentliche Botschaft, die ich vermitteln wollte, lautet: Jeder ist der Liebe würdig - bis wir ihr unwürdig werden. Mickey hat seine psychische Erkrankung mit Unwürdigkeit gleichgesetzt. Zum Glück besaß Lucy mehr Weitsicht und veränderte dadurch nicht nur Mickeys sondern auch ihr eigenes Leben. Das ist das Geniale an der Liebe.

Wie geht es bei Ihnen weiter? Woran schreiben Sie gerade?

Ich bin gerade dabei, The Duzy House of Mourning abzuschließen. Hier eine kurze Zusammenfassung:
Ein junges Paar befindet sich auf dem Weg ins Krankenhaus, um sein erstes Kind zur Welt zu bringen, als es in einen schrecklichen Unfall verwickelt wird. Der Mann stirbt und die schwangere Frau erleidet eine lebensbedrohliche Kopfverletzung. Doch ihre kleine Tochter überlebt und wächst bei den Großeltern auf. Sechzehn Jahre später erfährt January Duzinski, was in jener schrecklichen Nacht passiert ist und dass ihre Mutter nicht nur überlebt, sondern sie all die Jahre aus quälender Distanz geliebt hat. Im Mittelpunkt steht die Annäherung einer jungen Frau an ihre schwer geschädigte Mutter. Im Rückblick wird auch die Liebesgeschichte ihrer Eltern erzählt.
Der Schauplatz ist das Beerdigungsunternehmen - The Duzy House of Mourning –, wo January bei ihren Großeltern aufwächst.

Ka Hancock, wir danken für das Interview!

Besten Dank für Ihr Interesse!

Die Fragen stellte Alexandra Plath im August 2013 für www.droemer-knaur.de

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