Verlagsgruppe Droemer Knaur

So liest man heute.

"Ich schreibe gerne über komplizierte Menschen"

Einleitung

Ka Hancock über die Entstehung ihres Romans Tanz auf Glas

Als Erstes sollten Sie wissen, dass ich gerne über komplizierte Menschen schreibe und lese. Das ist großartig für erfundene Geschichten, und sogar noch besser, wenn es tatsächlich passiert ist. Ich mag einfach reale Charaktere, die ich mit realen Gefühlen verbinden kann. Das war auch die wichtigste Zielsetzung, als ich begann, meinen Roman zu schreiben – die Leser zu zwingen, die Figuren und Geschehnisse als wirklich wahrzunehmen.

Tanz auf Glas entstand aus einigen wenigen Details, die mir eines Nachts den Schlaf raubten: zwei Schwestern, Krebs, eine ungewollte Schwangerschaft und eine Kleinstadt, die schließlich selbst die Konturen einer Hauptfigur annehmen sollte. Diese zusammenhangslose Idee war ein kleines Geschenk Gottes – die Betonung liegt auf klein -, denn ich hätte gern ein bisschen mehr gehabt, um damit weiterzuarbeiten. Doch, wie sich herausstellte, war das, was ich wusste und was ich davon verstand, am Ende genau das, was ich brauchte. Selbst die vielen missglückten Anfänge, falschen Wendungen, einfallslosen Passagen und Überarbeitungen sehe ich heute als Teile einer Reise, die schließlich genau zu der Geschichte führten, die ich schon immer erzählen wollte. Vielleicht ist das eben genau meine Art zu schreiben. Zeitsparende Skizzen und Entwürfe sind nicht meine Sache (wobei ich das sehr, sehr gerne können würde); ich muss langsam voran stolpern, von einer Entdeckung zur nächsten, bis der Weg mir endlich klar vor Augen steht.

Ganz am Anfang, vor der ersten Überarbeitung, war Tanz auf Glas vor allem die Geschichte der zwei schon erwähnten Schwestern. Der Kern des Problems, angesichts der wenigen Details, die ich wusste, lag darin, dass die eine Schwester keine Kinder haben konnte, während die andere keine haben durfte. Das erschien mir äußerst interessant. Die kranke Schwester B würde dann ihr Baby der kinderlosen Schwester A überlassen. Aber warum sollte sie das tun? Meine Heldin war verheiratet, und warum sollte sie daran zweifeln, dass ihr eigener Mann nicht für ihr Kind sorgen könnte? Ich konnte nicht ahnen, dass genau diese Frage meine Geschichte entscheidend beeinflussen und bereichern würde – ganz zu schweigen davon, dass sie genau meiner Neigung, komplexe Figuren zu schaffen, entsprach.
   
Schreib über das, was Du kennst – diese alte Weisheit half mir, meine Geschichte authentisch zu machen. Außerdem habe ich gelernt, dass es für eine Schriftstellerin nichts gibt, das keinen Wert hat. Jede Erfahrung, gut oder schlecht, langweilig oder bizarr, verletzend oder peinlich, bewahre ich irgendwo in mir auf, wo sie so lange reift, bis sie in meinen Texten wieder an die Oberfläche gelangt.

Willkommen Mickey Chandler, mein bipolarer Held! Da ich als Krankenschwester in der Psychiatrie arbeite, kenne ich mich zum Glück mit dieser Diagnose aus. Ich habe Patienten in verschiedenen Stadien psychischer Erkrankungen betreut, und die Herausforderungen, mit denen sie leben müssen, haben mich sehr betroffen gemacht. Ich bewunderte die Kraft, die sie aufbringen müssen, um sich jeden Morgen erneut diesen Herausforderungen zu stellen. Dieser Wille, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, trotz psychischer und mentaler Beeinträchtigungen, und trotz der ständigen Enttäuschungen, die damit einhergehen, inspirierte mich dazu, meine komplexe Hauptfigur zu schaffen. Was nicht heißen soll, dass ich die Geschichte der beiden Schwestern aufgegeben hätte – ihre Geschichte ist nun Teil der größeren Erzählung und handelt von Frauen, die Schwächen haben, verletzt und krank und dabei sehr menschlich sind.

Meine Heldin Lucy Chandler wurde von Frauen inspiriert, die ich bewundere. Intelligente Frauen, die sich angesichts komplexer Probleme ein bisschen verloren fühlen, aber ein achtsames Leben führen und die Menschen, die sie lieben, mit aller Kraft zu beschützen versuchen, auch wenn das auf ihre eigenen Kosten geht. Frauen, die mit voller Kraft, voller Zweifel und voller Motivation ihr Leben leben, und die sich am Abend in den Schlaf weinen, lachen oder schreien, weil sie – eben – 'komplex' sind.

 

Ka Hancock im Juli 2013

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