Verlagsgruppe Droemer Knaur

So liest man heute.

Interview mit Bernhard Albrecht

Einleitung

Patient meines Lebens

Sie sind promovierter Mediziner und haben, bevor Sie sich ganz dem Journalismus zugewandt haben, auch einige Zeit praktiziert. Gab es den „Patient Ihres Lebens“ – oder wie würde er aussehen?
Ja, den gab es. Ein Mann um die dreißig, der von seiner Mutter in die Neurologie gebracht wurde. Er hatte seinen Antrieb verloren und sagte nur noch „ja“ und „nein“. Später kommunizierten wir dann nur noch über Blickkontakt. Wir haben alles Mögliche untersucht, schickten Nervenwasserproben in Speziallabors, aber sein Geist versandete weiter vor unseren Augen. Wir tappten völlig im Dunkeln. Seine Symptome passten weder zu einer Schizophrenie, noch Depression oder Infektion, auch nicht zu einer Demenz, sein Gehirn sah im MRT völlig normal aus. Nach zwei Monaten mussten wir aufgeben, die Krankenkasse zahlte nicht mehr, er kam ins Pflegeheim. Der Fall hat mich nie losgelassen, und letztes Jahr habe ich entdeckt, woran er möglicherweise litt. Die Krankheit, die ich vermute, habe ich im Kapitel „Fallsucht“ beschrieben…

Warum haben Sie sich für die Laufbahn als Journalist entschieden und den Arztberuf aufgegeben?
Ich wollte die Welt entdecken. Das kann man natürlich auch als Arzt, aber nur nach Feierabend oder wenn man seine Urlaube opfert, um in armen Ländern zu arbeiten, zu forschen und auf Kongresse zu reisen. Außerdem habe ich das Gefühl, mich als Journalist mehr den Menschen selbst widmen zu können und nicht nur ihren körperlichen Symptomen. Denn so habe ich die Medizin erlebt. Wenn die Zeit für die Menschlichkeit begann, rief schon die nächste Aufgabe in einem anderen Krankenzimmer nach mir.

Was reizt Sie persönlich an den medizinischen Grenzgängen, die Sie in Ihrem Buch beschreiben?
Die Konfrontation mit dem Unbekannten. Das Wissen der Medizin füllt heute große Bibliotheken und Datenbanken im Netz. Leitlinien, Metaanalysen und Statistiken gaukeln uns vor, dass schon fast alles erforscht wurde. In Wirklichkeit kann niemand mehr auch nur sein eigenes Fachgebiet ganz überblicken. Die Lücken sind groß, auch bei häufigen Krankheiten. Meine Ärzte hat es in dieses Grenzland verschlagen. Und dort müssen sie tun, was Ärzte früher viel öfter tun mussten: die Medizin am Krankenbett neu erfinden.

Welches war für Sie der beeindruckendste Fall, über den Sie in Ihrer GEO-Kolumne „Der Patient meines Lebens“ berichtet haben?
Alle Fälle, die im Buch veröffentlicht wurden, haben mich auf ihre Weise beeindruckt, ich kann keine Vergleiche anstellen. Es gibt aber einen Fall, den ich noch nicht geschrieben habe. Das Kapitel zehn im Buch fehlt. Es war geplant, wurde im Frühjahr noch im Verlagsprogramm angekündigt, Teile davon existieren. Ich bin seit mehreren Jahren mit einem Arzt im Gespräch, seine Geschichte hat mich tief berührt, weil der Patient aus seinem engsten Umfeld kommt. Aber ich habe versprochen, sie erst dann zu schreiben, wenn er findet, dass es soweit ist.

Das Gesundheitssystem in der BRD lässt heute oftmals nur eine wenig individuelle Behandlung nach „Schema F“ zu. Kann man „Patient meines Lebens“ auch als Kritik an diesem System lesen?
Eines vorweg: Ich glaube grundsätzlich an die Schulmedizin und das System taugt für viele Fälle sehr gut. Aber kein Mensch will nach Schema F behandelt werden, wenn er ernsthaft erkrankt ist. Einige der Ärzte im Buch erzählten mir, dass sie anders vorgehen würden, wenn sie selbst oder Angehörige betroffen wären, weil ihnen dann egal wäre, ob die Krankenkassen bezahlen oder die Öffentlichkeit sie geißelt, wenn etwas schief gegangen ist. Einer zum Beispiel hat seine Krebspatientin mit einer Operation behandelt, die er sonst nur sich selbst zugemutet hätte – weil sie volles Risiko wollte. Er hatte diesen Gedanken, den Ärzte oft nicht haben: Was wäre, wenn ich an der Stelle meines Patienten wäre…

Setzen auch Sie sich für Ihre Angehörigen in besonderem Maße ein?
Natürlich immer wieder, aber sogar als Arzt hat man nur begrenzte Möglichkeiten. Man steht auf der anderen Seite. Und ich bin auch schon grandios gescheitert in dieser Rolle…

Wie das?
Meine Mutter leidet an der häufigsten Form der Altersblindheit, Makuladegeneration. Im Jahr 2004 konnte sie nur noch sehr schlecht sehen. Ich vermittelte ihr den Kontakt zu einem deutschlandweit führenden Netzhaut-Experten. Sie fuhr durch die halbe Republik. In der Augenklinik, so erzählte sie mir, wurde sie durch einen Diagnosemarathon gehetzt, an jedem Gerät ein anderer Ansprechpartner. Den Professor sah sie erst zum Schluss für ein kurzes Gespräch. Er teilte ihr mit, dass ihre Befunde sehr schlecht seien und sie sich damit abfinden müsse, blind zu werden. Einige Wochen später hatte sie einen Termin bei ihrem Feld-Wald-und-Wiesen-Augenarzt. Der entdeckte, dass sich ihr grauer Star stark verschlechtert hatte und sagte nur: Den lasere ich Ihnen schnell weg. Danach rief sie mich glücklich an und sagte, Bernhard, ich kann wieder alles sehen.. Ich habe als Sohn und Arzt versagt, denn natürlich hätte auch ich daran denken können, dass sie – wie man in der Medizin sagt – „Läuse und Flöhe hat“.

Wie kann das passieren? Bei einem deutschlandweit führenden Experten?
Das lässt sich nur mit Binsenweisheiten erklären, die leider viel zu oft passen. Hörst du Hufe, denkst du nicht an Zebras. Der Netzhautexperte kam offenbar nicht auf die Idee, nach anderen Ursachen zu suchen als der, die meine Mutter ihm in ihrem Brief angekündigt hatte – denn wegen ihrer Netzhaut war sie ja da. Die Befunde waren wirklich schlecht, aber man kann an ihnen nur begrenzt erkennen, wie gut jemand noch sieht. Dieses Vorkommnis hat meinen Glauben in Kapazitäten ernsthaft erschüttert.

Ist das Buch ein „Mutmach-Buch“ für Ärzte und Patienten?
Ich hoffe es sehr. Dafür habe ich es geschrieben.

Was macht für Sie einen guten Mediziner aus?
Die Fähigkeit, gut zuzuhören und seinen fünf Sinnen zu vertrauen, bevor man die Geräte anschaltet. 80 Prozent aller Diagnosen können schon anhand von Anamnese und körperlicher Untersuchung gestellt werden.

Sie berichten als Journalist nicht nur über medizinische Themen: Welches war das herausforderndste Projekt, über das Sie berichtet haben?
Im Jahr 2004 drehte ich in der Sahara einen Film über den längsten Zug der Welt. Ich musste an eine Luftaufnahme kommen, denn nur aus der Vogelperspektive erschließt sich seine Länge. Ohne diese nütze der schönste Film nichts, hatte mein Chef mir eingeschärft. In Mauretanien aber konnte ich weder Hubschrauber noch Flugzeug anmieten. Unser Kameraassistent hatte einen motorisierten Paraglider, konnte wegen der Thermik nie fliegen, wenn gerade ein Zug vorbeikam. So ließ ich für viel Geld ein Flugzeug aus Senegal kommen. Als es da war, fuhren aber nur Kurzzüge, weil eine EU-Delegation zu Besuch kam und die Mine stillstand. Das ganze Projekt, 150000 Euro teuer, stand bis zum letzten Tag auf der Kippe.

Sie haben für Ihre Arbeiten schon zahlreiche Preise erhalten, u.a. den Adolf-Grimme-Preis 2010 für den Dokumentarfilm "Karawane der Hoffnung" über den Kampf der Menschenrechts-organisation Target gegen Genitalverstümmelung. Wie haben Sie die Dreharbeiten empfunden?
Wir hatten Angst, Zeuge einer Bescheidung zu werden. Dann hätten wir eingreifen müssen, und das wäre in einem Dorf in der Salzwüste Äthiopiens gefährlich. Aber die Nehbergs von Target hatten schon sehr gute Aufklärungsarbeit geleistet in dieser Region. Am Ende war der Höhepunkt des Films eine Konferenz mit 100 Imanen in Addis Abeba, die wir durch Simultandolmetscher live miterlebten. Es war unglaublich spannend, über zwei Tage hinweg zuzuhören, wie sie das Für und Wider der Genitalverstümmelung aus der Sicht des Korans diskutierten, stritten, Plädoyers hielten, sich von medizinischen Argumenten beeindrucken ließen oder auch nicht, und am Ende zu einer Entscheidung kamen.

Welches Projekt planen Sie als nächstes?
Verschiedene Ideen stehen zur Auswahl. Ich habe aber auch noch nicht alle Geschichten erzählt, die ich für „Patient meines Lebens“ gesammelt habe. Vielleicht muss ich erst noch einen Teil 2 schreiben.
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