Verlagsgruppe Droemer Knaur



Val McDermid im Interview zu Der Verrat

„Ich habe eine lebhafte, durchtriebene Phantasie“

Val McDermid ist unvergleichlich – das hat die erfolgreiche Queen of Crime mit ihren packenden Thrillern in den letzten Jahren immer wieder aufs Neue bewiesen. Mit Der Verrat gibt es nun einen neuen Pageturner der Schottin, in dem es um Kindesentführung und unsere skandalträchtige Promi-Kultur geht. Im Interview sprachen wir mit Val über ihre Inspirationen und ihren Schreiballtag, über Ghostwriter und das Berühmtsein.

Wie ist die Idee zu "Der Verrat" entstanden?

Der erste Teil der Idee, die Kindesentführung, kam mir, als ich mit meinem Sohn in die USA reiste. Ich habe künstliche Kniegelenke aus Metall, die bei der Sicherheitskontrolle den Alarm auslösten. Während ich darauf wartete, von einem Sicherheitsbeamten abgetastet zu werden, wurde ich von meinem Kind getrennt. Da ich eine lebhafte, durchtriebene Phantasie habe, begann ich sofort mir vorzustellen, was passieren würde, wenn jemand mein Kind einfach mitnähme ... So kam ich auf die Idee. Ich habe allerdings weitaus mehr Zeit gebraucht auszutüfteln, wessen Kind das Opfer sein sollte.

Kindesentführung ist der Alptraum aller Eltern. Sie sind selbst Mutter eines Sohnes. War es schwer für Sie, darüber zu schreiben?

In gewisser Hinsicht war es ein Vorteil, da ich die Konsequenzen emotional besser nachvollziehen konnte. Und natürlich ist mir bewusst, dass ich mir das alles nur ausdenke und ich kein reales Opfer bringen muss. Aber meine ganze Vorstellungskraft und mein Einfühlungsvermögen fließen in jede Begebenheit, die ich beschreibe, sonst würde mir der Leser das nicht abnehmen. Ich vermute, dass das zu den Dingen gehört, bei denen man mit der Zeit und reichlich Übung immer besser wird.

Der Roman beginnt mit der Beschreibung der nervigen, entblößenden Sicherheitskontrollen am Flughafen von Chicago. Ihre Beschreibung der US Grenzbeamten fällt nicht sehr schmeichelhaft aus. Haben Sie den Eindruck, dass unsere Angst vor Terroristen und Anschlägen zu Kontrollmechanismen geführt hat, die absolut übertrieben sind?

Ja, absolut. Unsere Regierungen haben uns eingebläut, dass unsere Sicherheit steigt, je mehr wir überwacht, durchsucht und ausgespäht werden. Dabei ist das auffälligste Ergebnis in Wirklichkeit doch, dass die Terroristen und Kriminellen immer erfinderischer werden. Sie sind den Sicherheitsleuten stets dicht auf den Fersen. Der Verlust von Bürgerrechten ist dafür ein allzu hoher Preis.

Eine der Hauptpersonen in Der Verrat ist Stephanie, die als Ghostwriter arbeitet und zweifelhaften Promis zur Präsenz in Buchform verhilft. Sind Sie selbst schon einmal als Ghostwriter tätig gewesen? Was halten Sie von diesem Beruf?

Im Grunde genommen habe ich nie wirklich als Ghostwriter gearbeitet. Aber während meiner Zeit als Journalistin habe ich einmal eine Artikelreihe über Promis gemacht. Um die Artikel zu schreiben, habe ich einige Wochen an der Seite eines Prominenten verbracht. Seit dieser Erfahrung habe ich großen Respekt vor denen, die es ertragen, auf diese Weise ein ganzes Buch zu schreiben! Einige Ghostwriter sind wirklich gute Autoren und es gelingt ihnen, aus einer Menge uninteressantem Material guten Lesestoff zu machen. Aber das können eben nicht alle. Ich glaube, die Leistung von Ghostwritern besteht darin, Menschen ohne literarische Fähigkeiten dabei zu helfen, Geschichten zu erzählen, die es wert sind, gehört zu werden.

Ihr Buch ist auch ein beißender Kommentar über unsere Promi-Kultur und ihre Folgewirkungen. Scarlett ist eine 'Skandalnudel', die es in einer Reality Soap dank der Yellow Press zu nationaler Berühmtheit und permanenter Schlagzeilenpräsenz gebracht hat. Ist dieses Leben für die Öffentlichkeit immer zum Scheitern verurteilt?

Nicht solange wir dabei mitmachen und unsere Faszination die Maschinerie am Laufen hält, die diese Berühmt-fürs-Berühmtsein-Promis hervorbringt. Die Menschen erliegen den falschen Versprechungen. Andererseits war es noch nie schwer, einen Teil des Volkes die meiste Zeit zu täuschen, wie schon Abraham Lincoln sinngemäß sagte.

Stimmt es, dass Sie Scarletts Charakter an den realen Fall von Jade Goody angelehnt haben, die in Großbritannien dank Reality TV Karriere machte, bevor sie im März 2009, nachdem sie ihren Kampf gegen den Krebs vor aller Öffentlichkeit ausgetragen hatte, verstarb?

Das stimmt nicht ganz. Da ich wusste, dass ich über einen Prominenten schreiben wollte, habe ich einige 'Autobiografien' von Frauen wie Jade Goody und Katie Price gelesen. Ich habe unterschiedliche Aspekte verschiedener Frauen aufgegriffen. Daher würde ich eher sagen, dass ich mich ihrer Erfahrung bedient habe und nicht, dass ich davon inspiriert wurde. Das klingt vielleicht nach Haarspalterei, aber es ist doch ein erheblicher Unterschied.

Reality TV hat eine neue Form der Promi-Kultur entstehen lassen. Warum finden Ihrer Meinung nach Menschen diese Form des Berühmtseins erstrebenswert?

Die Menschen sehen nur den Glanz und Glamour; sie stellen sich das großartig vor. Und scheinbar kann man diesen fabelhaften Zustand erreichen, ohne ein besonderes Talent zu haben oder hart zu arbeiten, was natürlich sehr reizvoll ist.

Wie stehen Sie persönlich zu diesem ganzen Promi-Kult? Abscheu oder Faszination?

Auf mich übt das überhaupt keine Faszination aus. Mich interessiert der ganze Promi-Klatsch und Lifestyle-Kult nicht. Ich könnte mir niemals vorstellen, so zu leben. In erster Linie macht es mich vollkommen ratlos. Ich bin an dem Phänomen interessiert, weil mich die meisten Ausprägungen menschlichen Verhaltens faszinieren. Ohne Neugier kann man kein gutes Buch schreiben.

Sie haben lange Jahre selbst erfolgreich als Journalistin gearbeitet und kennen das schmutzige Geschäft der Paparazzi-Reporter. Wie sind Sie als Journalistin mit dieser Sensationslust umgegangen?

Ich habe den Journalismus vor mehr als zwanzig Jahren an den Nagel gehängt. Zu meiner Zeit war die Sensationslust noch nicht ganz so ausgeprägt wie heute. Man konnte den schlimmsten Ausschweifungen aus dem Weg gehen. Aber es kam auch vor, dass ich Dinge tat, für die ich mich etwas schämte. Um sechs Uhr morgens vor dem Haus eines Soap-Stars zu sitzen, um zu beobachten, wer auftaucht ... Daher fasste ich den Beschluss, dass das kein passender und geeigneter Job für eine erwachsene Frau ist.

Als international bekannte Schriftstellerin sind auch Sie eine Person der Öffentlichkeit. Wie gehen Sie mit Ihrem Berühmtsein um? Haben Sie schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht?

Ich versuche ein möglichst normales Leben zu führen. Ich lebe weder in einer großen Villa hinter hohen Mauern noch fahre ich Ferrari. Ich lebe mitten in einem kleinen Dorf am Meer, wo ich als ganz normales Mitglied der Gemeinschaft angesehen werde und das bedeutet mir sehr viel. Ich bin jedes Mal ein bisschen schockiert, wenn mich jemand erkennt. Es ist aber auch grotesk, wenn man beim wöchentlichen Großeinkauf von einem Fan überrascht wird, der freudig kundtut, wie sehr er deine Bücher mag, während man gerade damit beschäftigt ist, eine Lammkeule auszuwählen!

Wann haben Sie festgestellt, dass Sie Autorin werden möchten? Ist Ihnen die Entscheidung leicht gefallen?

Sowie ich realisierte, dass die Schriftstellerei ein ordentlicher Beruf ist, mit der man Geld verdienen kann, wusste ich, dass ich Autorin werden wollte. Ich stamme aus der Arbeiterklasse Schottlands; Schriftsteller zu sein, hatte keiner in meiner Familie jemals in Erwägung gezogen. In der Schule lachten mich die Lehrer aus, wenn ich sagte, was ich werden wollte. Dort, wo ich aufwuchs, war das eben kein typischer Beruf. Aber als ich nach Oxford ging, schien es plötzlich im Bereich des Möglichen. Ich brauchte weitere zehn Jahre, bis ich meinen ersten Vertrag mit einem Verlag in der Hand hielt, aber das scheint mir als Lehrzeit durchaus angemessen.

Beschreiben Sie Ihren typischen Schreiballtag. Pflegen Sie bestimmte Eigenarten oder Rituale beim Schreiben?

Ich dusche, frühstücke, trinke Kaffee. Dann gehe ich in mein Büro und verbringe den Tag damit zu schreiben, zu twittern, Emails zu beantworten und Computerspiele zu spielen. Ich habe festgestellt, dass ich in 20-Minuten-Schüben schreibe, daher ist die Beschäftigung mit dem anderen Kram eine nützliche Art und Weise, mein Unterbewusstsein herausfinden zu lassen, wie wir weitermachen. Vor kurzem habe ich in meinem Büro ein Stehpult installiert und seitdem versuche ich, jede Stunde zwanzig Minuten beim Schreiben zu stehen. Ich mache Pausen, um das Mittag- und Abendessen vorzubereiten und zu essen. Wenn ich mitten in der intensiven Schreibphase stecke, 'arbeite' ich mich üblicherweise durch die Staffel einer Fernsehserie wie The West Wing (deutscher Titel: Im Zentrum der Macht) oder Breaking Bad. Ein Buch zu schreiben, bedeutet drei Monate höchster Intensität - eine Zeit, in der in meinem Leben neben dem Schreiben nicht viel los ist ...

Wie entwickeln Sie die Ideen für Ihre Romane: Stehen die Geschichte oder die Charaktere an erster Stelle?

Die Geschichte. Dann muss ich herausfinden, zu wem die Geschichte passt.

Planen Sie die Handlung im Voraus oder lassen Sie sich von der Story treiben?

Ich kenne den übergreifenden Handlungsbogen sowie einige der wichtigsten Wendepunkte im Voraus. Ich kenne die Charaktere ziemlich gut. Und dann taste ich mich langsam voran und hoffe, dass ich letztendlich dort lande, wo ich es geplant habe. Dieses Verfahren ist sehr viel lockerer als jenes, das ich früher praktiziert habe. Ich glaube, dass ich mit wachsender Erfahrung mehr Vertrauen in mein Erzählen entwickelt habe.

Sie schreiben sowohl „Stand Alones“ als auch Serien (um den Profiler Tony Hill und DCI Jordan, deren siebter Fall Vergeltung 2012 in Deutschland erschienen ist). Welche Freiheiten und Herausforderungen bieten Ihnen die „Stand Alones“ im Vergleich zu den Serienromanen?

Also, bei den Stand Alones beginne ich mit einem weißen Blatt Papier, so dass ich der Geschichte in meinem Kopf freien Lauf lassen kann, bis es Zeit wird, sich Gedanken über die Charaktere zu machen. Ich muss herausfinden, was sie zu den Menschen gemacht hat, die sie sind und welche Lebensumstände für ihr Verhalten bestimmend waren. So kann ich unterschiedliche Arten von Geschichten erkunden – was immer mich am meisten reizt! Das ist sehr befreiend, erfordert aber auch wesentlich mehr Einfallsreichtum, als wenn ich mit einem festen Set von Charakteren arbeite, die ich gut kenne und deren Möglichkeiten und Einschränkungen immer ihre Handlungen bestimmen.

Woran arbeiten Sie gerade? Was dürfen die Leser als nächstes von Val McDermid erwarten?

Ich habe gerade den neuen Roman mit Tony Hill und Carol Jordan beendet, Cross and Burn (deutscher Titel: Eiszeit, erscheint voraussichtlich im Sommer 2014). Im Moment arbeite ich an einem für mich eher ungewöhnlichem Projekt - einer zeitgenössischen Neubearbeitung von Jane Austens Northanger Abbey (deutsch: Die Abtei von Northanger), die mir sehr viel Spaß macht. Außerdem arbeite ich an einem Sachbuch über Forensik in Zusammenarbeit mit dem Wellcome Trust. Und dann gibt es da noch eine Hörspielserie fürs Radio ... Wirklich ein sehr arbeitsreiches Jahr!

 

Val McDermid, herzlichen Dank für das Interview!

Die Fragen stellte Alexandra Plath im Juli 2013 für www.droemer-knaur.de

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