Verlagsgruppe Droemer Knaur



Interview mit Wolfram Fleischhauer

Der Autor über Schauplatz und Hintergründe von "Schweigend steht der Wald"

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In Ihrem Roman „Schweigend steht der Wald“ laufen verschiedene Themen zusammen, vor allem die deutsche Vergangenheit mit dem KZ in Flossenbürg und die Arbeit einer Bodenforscherin. Wie sind Sie auf diese einzelnen Ideen gekommen und vor allem auf die Idee, diese zu verknüpfen?


Es gab mehrere Denkanstöße, die letztlich zu dieser Romanidee führten. Ich hatte irgendwo einen Artikel über Waldarchäologie gelesen und fand es faszinierend, was für ein langes Gedächtnis der Waldboden hat. Dann war ich auf Lesereise in Straubing und Weiden und erfuhr von Flossenbürg. Schließlich entstand die Figur Anja Grimm in meinem Kopf, einer jungen Frau, die den Wald lesen kann. Fast alle meine Hauptfiguren entschlüsseln Codes oder drücken sich durch eine Art Geheimsprache aus. Malerei, Tango, Erzählen. Diesmal war es die Sprache der Zeigerpflanzen.

Wie haben Sie diese Themen recherchiert?


Ich bin zunächst mehrmals nach Flossenbürg gefahren, um das alles auf mich wirken zu lassen, einmal auch während eines Treffens ehemaliger Opfer oder ihrer Angehörigen. Ich habe Förster und Bodenkundler kontaktiert und längere Waldausflüge mit ihnen gemacht. Parallel dazu habe ich natürlich wie immer viel über die unterschiedlichen Themen gelesen.

Haben Sie Kontakt zu den Bewohnern des heutigen Flossenbürg und mit Ihnen über Ihre Arbeit gesprochen?


Der Leiter der Gedenkstätte, Dr. Jörg Skriebeleit, hat mich großartig unterstützt und ihm gilt auch mein ganz besonderer Dank. Wie die Bewohner von Flossenbürg und Umgebung mit ihrem schwierigen Erbe umgegangen sind oder noch umgehen, ist in zahllosen Veröffentlichungen dokumentiert, die man im Archiv der Gedenkstätte einsehen kann. Mir war der Ort selbst von Anfang an unheimlich. Auf dem ehemaligen Areal des Vernichtungslagers stehen heute Einfamilienhäuser, deren Bewohner beim Frühstück auf den ehemaligen Appellplatz schauen. Wenn man auf dem Appellplatz steht, ist man tatsächlich versucht, dort hinaufzugehen, anzuklopfen und zu fragen, wie es sich anfühlt, dort zu leben. Aber ich habe es nicht getan.

Was verbindet „Schweigend steht der Wald“ mit Ihren bisherigen Büchern, was unterscheidet ihn von Ihren anderen Romanen wie „Die Purpurlinie“, „Drei Minuten mit der Wirklichkeit“, „Die Frau mit den Regenhänden“ oder jetzt zuletzt „Torso“?


Eine Gemeinsamkeit habe ich schon genannt: Die Hauptfigur ist in der Lage, eine Geheimsprache zu verstehen. Es geht ja bei mir immer um eine Form der Ausdrucksnot. Etwas kann oder soll nicht gesagt werden, und aus dieser Not entsteht eine Rätselsprache, sei es im Tango, in der Malerei oder jetzt eben in der Natur. Die Pflanzen schreien eine Wahrheit in die Welt, die keiner hören kann und will. Doch dann kommt Anja. Der Unterschied ist mit Sicherheit die relativ kleine Besetzung, der provinzielle, unspektakuläre Schauplatz. Meine Stoffe sind normalerweise als große Dramen angelegt. Hier handelt es sich eher um ein Kammerspiel.

Wie geht es Ihnen heute, wenn Sie im Wald spazieren gehen – betrachten Sie ihn mit anderen Augen?


Ja, natürlich. Wie sagt der Volksmund: Das Auge schläft, bis es der Geist mit einer Frage weckt. Aber der Zauber ist nicht verschwunden. Im Gegenteil. Ich schaue nicht mehr nur um mich, sondern ich sehe plötzlich etwas.

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