Verlagsgruppe Droemer Knaur



Interview mit Mhairi McFarlane

Mitten aus dem Leben

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Mitten aus dem Leben kommt Mhairi McFarlanes wunderbare Liebesgeschichte Wir in drei Worten. Ein moderner, spritziger Liebesroman um die Frage 'Was wäre, wenn', der Witz und Gefühl auf frische und anregende Weise vereint. Wir sprachen mit der britischen Autorin über Liebe und Freundschaft, ihre Unizeit in Manchester und ihren besonderen Sinn für Humor.

Lassen Sie uns mit einem Zitat aus Ihrem wunderbaren Roman beginnen. Ben erklärt Rachel: "Wenn man nichts unternimmt, passiert auch nichts. Das Leben besteht aus Entscheidungen. Entweder trifft man sie selbst, oder sie werden für einen getroffen. Drücken kann man sich davor nicht." Basiert diese Erkenntnis auf Ihrer persönlichen Erfahrung?

Ach, es ist wirklich lustig, dass dieses Zitat immer wieder aufgegriffen wird, dabei erschienen mir diese Zeilen nicht besonders tiefsinnig, als ich sie geschrieben habe. Ich glaube, das hat sogar einmal mein Freund zu mir gesagt, verdammt! Oh Gott, muss ich ihm jetzt etwa Tantiemen zahlen?
Was meine persönliche Erfahrung betrifft, naja, ich glaube, die Vorstellung, dass es im Leben einmalige Gelegenheiten gibt, ist weit verbreitet. Wenn man jung ist, denkt man, dass Optionen einem so lange zur Verfügung stehen, bis man sich entschieden hat; die Zeit ist dehnbar. Wenn man älter wird, erkennt man, dass man Gelegenheiten ergreifen muss, sonst verschwinden sie. Was die Geschichte anbetrifft, so ist das der Moment, als bei Ben der Groschen fällt. Drei Jahre lang hat er auf dieses Mädchen gewartet und gehofft, dass sie endlich ein Paar werden, bis ihm schließlich dämmert, dass ihre Zeit fast abgelaufen ist ... und es wahrscheinlich nicht passieren wird.

Was war die wichtigste Entscheidung, die Sie in Ihrem Leben bislang getroffen haben?

Oh, keine Ahnung! Wahrscheinlich die Entscheidung meinen Job aufzugeben, um ein Buch zu schreiben.

Ihr Roman kreist um die Frage, was der Unterschied zwischen Liebe und Freundschaft ist. Die beiden Hauptfiguren Ben und Rachel sind mit der Beantwortung dieser Frage lange überfordert. Was denken Sie?

Hm, das ist schwierig. Ich glaube, manchmal fällt es uns allen schwer, den Unterschied auszumachen, wenn wir uns verlieben, da die Grenzen verwischen. Liebe und Freundschaft sind sich in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich. Mit Ben und Rachels Geschichte wollte ich zeigen, dass das Verlieben für gewöhnlich ein langsamer Prozess ist; es passiert, ohne dass man sich dessen richtig bewusst ist. In Pride and Prejudice (deutsch: Stolz und Vorurteil von Jane Austen) gibt es einen großartigen Satz, als Darcy über seine Liebe zu Elizabeth sagt: "I was in the middle before I knew that I had begun." Genau das meine ich; wenn wir bemerken, was da gerade passiert, sind wir meistens schon "mittendrin".

Was würden Sie sagen: Was ist der größte Mythos über Liebe und Freundschaft?

Wir legen in der modernen Welt viel Wert darauf, dass wir einen bestimmten Typ Mann oder Frau attraktiv finden und wenn jemand nicht in diese Kategorie fällt, verlieben wir uns auch nicht in sie/ihn oder finden sie/ihn nicht begehrenswert. Bei der Wahl unserer Freunde sind wir weitaus offener, aber bei der Liebe – da kommen wir mit einer Einkaufsliste und haben jede Menge Vorurteile und Erwartungen. Ich glaube, der Mythos ist, dass sie so verschieden sind. Die Liebe, die aus einer Freundschaft erwächst, ist meistens die Beste.

Glauben Sie an Liebe auf den ersten Blick?

Ich finde, dass Liebe auf den ersten Blick als Konzept unglaublich romantisch ist, tatsächlich aber unserer Vorstellung von Liebe nicht gerecht wird. Wenn sie in null Komma nichts gewonnen werden kann, wie bedeutend kann Liebe dann sein? Sollte dem nicht ein liebevoller Akt voraus gehen? Sagen wir mal, ich glaube an instinktive Faszination auf den ersten Blick, die zu Liebe führen kann – wie bei Ben und Rachel.

Wie wichtig sind Ihnen Freundschaften?

Absolut wichtig. Auch wenn es ein wenig abgedroschen klingt, so glaube ich, dass heutzutage Freunde genauso wichtig sind wie Familie – das empfinde ich jedenfalls so. Seit dem Aufkommen der Social Media habe ich Freundschaften über Twitter geschlossen, die mir viel bedeuten, die aber nur über mein Handy oder meinen Computer funktionieren.

Wie pflegen Sie Ihre Freundschaften? Was bedeuten Ihnen Soziale Netzwerke?

Also, am besten trifft man sich natürlich offline! Aber ich muss zugeben, dass ich ein begeisterter Anhänger von Twitter bin, ich liebe es. Anfangs war ich eher skeptisch, weil es mir wie eine laute Bahnhofshalle voller Fremder vorkam. Dann habe ich Freunde gefunden und das war, wie bei jedem anderen geselligen Treffen im realen Leben auch, der Punkt, wo es bei mir Klick gemacht hat und es anfing, Spaß zu machen. Twitter hat eine wirklich demokratische Komponente, die mir gefällt: Man kann mit Menschen kommunizieren, die man sonst nie treffen würde.

Sie haben selbst in Manchester studiert. Warum haben Sie sich für diesen Handlungsort entschieden?

Für mich war Manchester schon immer eine romantische Stadt: der Regen, die Architektur, der Schmutz des Nordens! Als ich den Beschluss gefasst hatte, dass es ein Roman um eine unerfüllte Liebe aus Unizeiten werden würde, kam mir für die Rückblenden nur Manchester in den Sinn und auch insgesamt passte die Stadt perfekt als Handlungsort. Außerdem spielen so viele romantische Komödien in angesagten Vierteln von London, Dublin oder New York. Die Entscheidung für Manchester war ausschlaggebend für den Ton und die Stimmung des Romans, glaube ich. Die Stadt hat Größe, aber auch Schneid und Bodenständigkeit.

Wenn Sie an Ihre Unizeit zurückdenken – an was erinnern Sie sich als erstes?

Studentenwohnheime! Plastikkrüge mit wässrigem Bier! Orangene Busse, scheußlich gemusterte Polyesterhemden vom Studentenmarkt, Burger und Chips in der Nacht und natürlich Seminare, in denen wir alle hoffnungslos improvisierten, da wir die vorgeschriebene Lektüre nicht gelesen hatten. Meine Jahre an der Uni waren absolut großartig und ich verstehe meinen Roman als eine Art Hommage an diese Zeit.

Nichts ist schwieriger, als komisch zu sein. Ihr Buch ist sehr originell und witzig und sprüht vor schlagkräftigen Dialogen; viele Sätze sind einfach zum Brüllen komisch. Was ist Ihr Geheimnis? Warum ist Ihr Buch so witzig?

Danke für das Kompliment! Aber ein Geheimnis dafür habe ich nicht. Witzig zu sein, kann man schlecht planen. Jedenfalls musste ich selbst über die Dinge lachen, die Ben oder Rachel sagen, als ich den Roman geschrieben habe, und habe gehofft, dass es dem Leser genauso gehen würde.

Was bringt Sie zum Lachen?

Vieles. Alan Partridge. Viz Comics. Twitter-Witze. Meine extrem lustigen Freunde. Fluchen und alles, was sich um Penner dreht, bringt mich für gewöhnlich zum Lachen.

Ben und Rachel sind mir während der Lektüre richtig ans Herz gewachsen und es fühlte sich so an, als hätte ich gute Freunde gewonnen. Wie haben Sie es geschafft, die Figuren so lebendig werden zu lassen? Gibt es Vorbilder?

Das freut mich – danke! Ich muss zugeben, dass Rachel mir ziemlich ähnlich ist. Sie arbeitet als Lokalreporterin und leidet wie ich unter 'Aufschieberitis' und Unentschlossenheit. Es war mir wichtig, dass ihr 'großer Fehler' - auch wenn ich an dieser Stelle nicht zu viel verraten möchte, da einige hier vielleicht den Roman noch nicht gelesen haben – einer ganz normalen menschlichen Schwäche entsprang; wie zum Beispiel beeinflussbar zu sein oder eine Meinung nicht konsequent zu vertreten. Diese Schwächen sind mir sehr vertraut! Wenn sie also lebendig herüberkommt, liegt das wohl in erster Linie an dieser Durchschnittlichkeit, die jeder nachvollziehen kann. Wahrscheinlich findet man in Unterhaltungsromanen für Frauen auch zu häufig Heldinnen, die makellosen, missverstandenen Engeln gleichen. Rachel baut ab und an viel Mist, meint es aber nicht so – das kennen wir alle. Ben dagegen - ich wünschte, es gäbe ihn wirklich! Ich muss Ihnen ein Geheimnis verraten: Ich hatte die Befürchtung, dass Ben zu gut ist, um wahr zu sein. Um dieser Kritik zuvorzukommen, habe ich den Abschnitt eingefügt, in dem einige Mädchen an der Uni ihn als "langweilig" bezeichnen. Aber zum Glück scheinen ihn alle zu mögen. Armer Ben, vielleicht hätte ich mehr an ihn glauben sollen!
Ich werde immer wieder gefragt, ob meine Charaktere einer bestimmten Person ähneln. In Wahrheit verkörpern die meisten Charaktere bestimmte Eigenschaften von Menschen, die man kennt; meistens gleich mehrere (ich glaube der durchschnittliche Anteil pro Figur liegt bei 10% von einer Person, 10% von einer anderen und 80% Erfindung). Aber ich übernehme niemals einen Charakter 1:1 aus dem richtigen Leben; ich glaube nicht, dass das funktionieren würde.

Wir in drei Worten ist Ihr erster Roman. Wollten Sie schon immer Schriftstellerin werden? Wann und warum haben Sie beschlossen, einen Roman zu schreiben?

Ich schreibe schon seit meiner Kindheit, habe einige Kurzgeschichten geschrieben und so weiter. Es kam mir wohl nie in den Sinn, dass Romanautor ein richtiger Beruf sein kann; Journalismus schien mir ein geeigneter Weg zu sein, vom Schreiben leben zu können. Irgendwann 2006 habe ich beschlossen, ein Buch zu schreiben. Leser der Nottingham Evening Post erinnern sich vielleicht an meine Kolumne, in der ich mein Vorhaben bekannt gab, haha.

Erinnern Sie sich an den Moment, als Ihnen zum ersten Mal die Idee für Ihren Roman in den Sinn kam?

Ich glaube, ich lag an einem Sonntagmorgen faul im Bett und dachte "ich muss mich mal wieder bei einem Freund aus Unizeiten melden", als mir plötzlich die Idee kam: Was wäre, wenn die eine große, unerfüllte Liebe ein Kommilitone aus dieser Zeit gewesen wäre? Unijahre sind ohnehin so wild und lebendig und mit einer großen Portion Nostalgie behaftet. Daher würde ich jedem, der ein Buch schreiben möchte, raten: 1.) Traue Deinem Bauchgefühl, wenn dich eine Idee begeistert. 2.) Unterschätze niemals, wie wertvoll es ist, Löcher in die Luft zu starren und Deine Gedanken wandern zu lassen. Zeit zum Denken zu haben, ist unglaublich wichtig.

Woran schreiben Sie gerade? Können Sie uns verraten, ob es eine Fortsetzung zu Wir in drei Worten geben wird?

Mein nächstes Buch heißt Here’s Looking At You und ist keine Fortsetzung von Wir in drei Worten. Man sollte niemals nie sagen, aber momentan plane ich nicht Ben & Rachels Geschichte fortzuschreiben. In Here’s Looking At You geht es um Anna, die in der Schule fürchterlich gemobbt wurde und als Erwachsene einen ihrer Peiniger, James, wiedertrifft. Zuerst glauben sie, dass sie sich nicht leiden können, aber dann lerne sie sich langsam besser kennen ... Ich weiß auch nicht, warum meine Protagonisten immer von ihrer Vergangenheit eingeholt werden - da muss ich wohl mal meinen Therapeuten fragen.

Vielen Dank für das Interview!

Aber gerne doch!

 

Die Fragen stellte Alexandra Plath im Juli 2013 für www.droemer-knaur.de

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