Verlagsgruppe Droemer Knaur



Andreas Föhr im Interview

Die richtige Balance zwischen Spannung und Humor macht's!

Andreas Föhr hat sich mit seinen Wallner-Krimis, die am Tegernsee spielen, in den letzten Jahren eine große Fangemeinde erobert. Und das zu Recht: Die Krimireihe des versierten Drehbuchschreibers und Friedrich-Glauser-Preisträgers besticht durch eigenwillige Kommissare, glaubhafte Ermittlungsarbeit, bayerisches Lokalkolorit und trockenen Humor. In Totensonntag ermitteln Wallner und Kreuthner den fünften Fall der Reihe, der aber eigentlich ihr erster ist und in die Anfangsjahre der Polizisten zurückblickt. Im Interview verrät uns Andreas Föhr, wie er es schafft, die richtige Balance zwischen Spannung und Humor zu finden.

Für Ihren ersten Krimi Der Prinzessinnenmörder wurden Sie mit dem renommierten Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet, der vierte Band Schwarze Piste stand monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Sind Sie von Ihrem eigenen Erfolg überrascht?

Natürlich hatte ich gehofft, dass meine Bücher erfolgreich werden und sich gut verkaufen. Dass es gleich so gut klappt, ist äußerst erfreulich. Und der Glauserpreis kam wirklich und ohne zu kokettieren völlig unerwartet.

Die Presse bezeichnete Sie einmal als "Henning Mankell der bayerischen Heimatkrimis". Was halten Sie von diesem Vergleich?

Ich hoffe mal, der Vergleich bezieht sich nicht nur auf die semantische Ähnlichkeit der Protagonisten (Wallander/Wallner). Wenn er bedeuten soll, dass meine Geschichten als ähnlich spannend empfunden werden wie die von Mankell, bin ich natürlich einverstanden. Ansonsten sind Vergleiche ja so eine Sache und hinken meist.

Sie sind gelernter Jurist, arbeiten aber seit vielen Jahren erfolgreich als Drehbuchautor und seit 2009 auch als Romanautor. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Anfang der Neunzigerjahre fragte mich Thomas Letocha, ein alter Schulfreund, der inzwischen übrigens auch Romane schreibt, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm zusammen Drehbücher zu schreiben. Thomas arbeitete damals eigentlich im Doku-Bereich, kannte aber viele Leute in Produktionsfirmen für Fiction. Nachdem damals die privaten Sender anfingen, Serien zu produzieren, waren wir bald gut im Geschäft. Und wenn man Drehbücher schreibt, hat man irgendwann auch das Bedürfnis, Romane zu schreiben. Denn Drehbücher sind ja eigentlich nur Vorlagen für die Herstellung eines Films. Und dass man als Autor mit dem Endprodukt nicht immer zufrieden ist, versteht sich von selbst. Also habe ich mich irgendwann hingesetzt und neben der Drehbuschschreiberei mit einem Roman angefangen. Es war Der Prinzessinnenmörder.

Haben Sie in den letzten Jahren neben den Wallner-Krimis und den vielen Lesungen, die Sie geben, überhaupt noch die Zeit gefunden, weiterhin Drehbücher zu schreiben?

Ja, aber sehr reduziert. Dieses Jahr waren es nur noch zwei Drehbücher, die ich mit Thomas Letocha zusammen geschrieben habe.

Das Schreiben nimmt also einen wichtigen Platz in Ihrem Leben ein – was bedeutet es für Sie?

Ich gehöre zu den glücklichen Menschen, die mit ihrem Hobby so viel Geld verdienen, dass sie davon leben können. Schreiben ist nach meiner Frau das Wichtigste in meinem Leben und wird es hoffentlich bis ins hohe Alter bleiben.

Mit dem ewig frierenden Kommissar Wallner und dem querschädeligen Polizeiobermeister Kreuthner, der für seine unsaubere Ermittlungsarbeit und Spezlwirtschaft bekannt ist, haben Sie bayerische Charakterköpfe geschaffen, die dem Leser schnell ans Herz wachsen. Wie kamen Sie auf diese Protagonisten?

Kreuthner ist ein Zufallsprodukt. Ich brauchte am Anfang des Prinzessinnenmörder jemanden, der die Leiche findet. Warum nicht ein Polizist, dachte ich, der kann dann ja auch im weiteren Verlauf noch eine Rolle spielen. Aber was macht der frühmorgens auf dem Spitzingsee? Er hat die Nacht durchgezecht, klar. Nur sollte er dann ja nicht Autofahren. Es sei denn, er schert sich nicht um die Gesetze. So kam eins zum anderen und mir fielen schnell ein paar markante Menschen aus meiner Zeit am Tegernsee ein, aus denen ich Kreuthner dann letztlich zusammengesetzt habe. Wallner hingegen sollte eigentlich viel schräger und skurriler ausfallen. Aber dann gab es so viele schräge Figuren in der Geschichte, dass es mir besser erschien, den Kommissar als Normalmenschen und ruhenden Pol anzulegen, damit das Ganze nicht zur Freak Show gerät. Ich glaube, es war richtig so. Denn es ist mir ein Anliegen, dass die Ermittlungsarbeit glaubhaft erscheint.

Apropos Ermittlungsarbeit: Haben Sie persönliche Kontakte zur Kripo Miesbach?

Ich fahre bei jedem Buch mindestens einmal nach Miesbach und recherchiere. Die zuständigen Beamten sind ausgesprochen hilfsbereit. Bei Totensonntag zum Beispiel hat mich besonders interessiert, wie die Polizeiarbeit im Jahr 1992 aussah und was die Unterschiede zu heute waren.

Sie würzen Ihre ausgeklügelten Kriminalplots mit jeder Menge Lokalkolorit, Witz und Situationskomik. Im Gegensatz zu anderen bayerischen Krimis ersticken Ihre Geschichten aber niemals im Klamauk. Eine gewiss nicht immer einfache Gratwanderung ...

Das ist ausgesprochen schwierig, die Balance zwischen Spannung und Humor zu finden, denn das eine schließt das andere aus. Ich justiere im Zusammenwirken mit meiner Lektorin Andrea Hartmann noch vieles nach, wenn das Buch fertig ist. Manchmal muss man sich dann auch von Lieblingsstellen trennen, wenn man sieht: Da wird´s jetzt einfach zu viel. Aber wie sie in Hollywood sagen: Kill your darlings.

In Serien spielt neben der polizeilichen Ermittlungsarbeit auch das Privatleben der Figuren eine wichtige Rolle. Können Sie sich vorstellen, die privaten Seiten von Wallner und Kreuthner in Zukunft noch stärker in den Vordergrund zu stellen oder ist das nicht Ihr Ding?

Ich schreibe Krimis und da geht es um ein Verbrechen und seine Aufklärung. Das Privatleben der Protagonisten ist Beiwerk und soll es auch bleiben – jedenfalls nach meinem Geschmack. Mehr Privatleben von Wallner und Kreuthner fände ich daher nicht gut.

Ihre Romane gelten als sogenannte Regional-Krimis, die seit einiger Zeit sehr populär sind. Wehren Sie sich gegen diese Einordnung oder können Sie gut damit leben?

Es macht es dem Verlag leichter, meine Bücher zu verkaufen. Andererseits ist man oft mit Autoren in einer Schublade, mit denen man kaum etwas gemeinsam hat, außer dass die Geschichten auf dem Land spielen. Aber ich kann damit leben.

Regionalkrimis gibt es heute wie Sand am Meer. Was muss man tun, um aus der Masse hervorzustechen?

Man muss seinen eigenen Stil finden und sein Ding durchziehen. Dann kann es einem egal sein, was sonst noch auf dem Markt ist.

Sie leben heute in Wasserburg, sind aber am Tegernsee aufgewachsen und haben dort das Gymnasium besucht. Sie kennen die Gegend, über die Sie schreiben, also bestens seit Ihrer Kindheit. Was bedeutet Ihnen die Region?

Es ist die Gegend, in der ich meine Kindheit und Jugend verbracht habe. Der Tegernsee wird daher immer Heimat für mich bleiben. Dass er auch nach all den Jahren immer noch hinreißend schön ist, macht es natürlich auch leicht, ihn zu lieben.

Verraten Sie uns Ihren Lieblingsort am Tegernsee?

Kaltenbrunn am Nordende des Sees. Der Ausblick auf den See ist grandios.

Könnten Sie sich vorstellen, außerhalb Bayerns zu leben? Wenn ja, wo wäre das?

Nicht lange. Vielleicht mal ein Jahr Berlin oder New York. Ansonsten reizen mich andere Gegenden der Welt nur für einen Urlaub.

Wie urteilen alteingesessene Miesbacher über Ihre Krimis? Schlägt Ihnen da nur Begeisterung entgegen oder müssen Sie auch mit der ein oder anderen harschen Kritik leben?

Kritik hat es noch keine gegeben, außer dass einem Rezensenten bei Amazon die Schreibung des Bairischen nicht authentisch genug war. Aber ich möchte ja, dass meine Bücher auch nördlich von Holzkirchen noch gelesen werden. Ansonsten ist der Landkreis Miesbach natürlich das Zentrum der Fan-Gemeinde. In keiner anderen Gegend der Republik werden pro Kopf so viele meiner Bücher gekauft wie dort.

Was bedeutet Ihnen Dialekt? Und: Wieviel Dialekt verträgt ein Roman, der eine breite Leserschaft ansprechen soll?

Man muss sich im Prinzip auf die Andeutung von Dialekt beschränken. Sonst wird es selbst für Bayern mühsam zu lesen. Nur bei wenigen Figuren wie Kreuthner gibt es ab und zu echt knackige Dialekt-Sentenzen.

Granteln und Fluchen kann man auf Bayrisch besonders gut: Verraten Sie uns Ihren liebsten bayerischen Kraftausdruck?

Den Begriff „Ruach“ (= habgieriger Mensch) fand ich immer schön. Der kraftvoll-düstere Klang passt so gut zur Bedeutung.

In Ihrem neuen Krimi Totensonntag machen Sie einen Zeitsprung von 20 Jahren und gehen in die Anfangsjahre von Wallner und Kreuthner zurück. Was hat Sie daran gereizt?

Es hat mich gereizt, Wallner und die anderen Figuren in einem ungewohnten Umfeld zu zeigen. So ist Wallner in dieser Geschichte eben nicht der Chef der Kripo, sondern steht in der Hierarchie relativ weit unten – was ihm als Kontrollfreak natürlich zu schaffen macht. Außerdem wollte ich den Stammlesern ein bisschen etwas über die Hintergründe von Wallner und Kreuthner erzählen und ein paar Fragen beantworten, die sich einige Leser vielleicht stellen.

Werden Sie dem Leser in Zukunft noch mehr Einblicke in die Vergangenheit Wallners und Kreuthners gewähren? Man wird ja neugierig, wie es z. Bsp. mit der Beziehung zwischen Wallner und Claudia weiter geht ...

Natürlich kommen in jedem Buch mehr Details aus der Vergangenheit der Figuren ans Licht. Wie es mit Claudia weiterging, wird man allerdings allenfalls rückblickend erfahren. Denn sie ist ja eine Episode in Wallners Leben, die 1992 stattgefunden hat. In der Tat wird Claudia aber über zwanzig Jahre später wieder auftauchen. Mehr verrate ich noch nicht.

Die Ermittlungen führen Wallner zurück in die NS-Geschichte des Tegernseer Tals während des zweiten Weltkriegs. Haben Sie sich intensiv mit der schwarzen Vergangenheit der Region während des Nationalsozialismus beschäftigt? Wie sahen Ihre Recherchen aus?

Ich beschäftige mich schon sehr lange mit der Geschichte der Konzentrationslager im Dritten Reich. Ich war unter anderem in Auschwitz und Dachau und dort gibt es auch gute Dokumentationen und weiterführende Lektüre, etwa Berichte ehemaliger Häftlinge. Die Todesmärsche von Dachau sind ebenfalls mehrfach dokumentiert, auch wenn immer noch Fragen bleiben, die wohl nicht geklärt werden können. Ich habe mir auch den Nachdruck der Garmischer Tageszeitung besorgt, die als einzige in Bayern unmittelbar nach Kriegsende für ein paar Wochen erscheinen durfte und ein interessantes Bild des Lebens zu dieser Zeit bietet.

Wie durchkonstruiert sind Ihre Geschichten? Wird der Plot bis ins kleinste Detail geplant oder schreiben Sie darauf los und korrigieren logische Fehler hinterher?

Die wesentlichen Elemente der Geschichte stehen alle, wenn ich anfangen zu schreiben. Im Detail ändert sich dann immer noch einiges im Lauf des Schreibprozesses. Aber ohne eine feste Struktur geht es bei komplexen Geschichten nicht.

Ihre wachsende Fangemeinde erwartet nun in regelmäßigen Abständen einen neuen Krimi von Ihnen – das ist das Glück und Leid eines Serienautors. Macht Ihnen dieser Druck zu schaffen oder spornt er Sie an?

Beides. Ich freue mich natürlich, wenn mich Mails erreichen, in denen Leser schreiben, dass sie schon dem nächsten Wallner entgegenfiebern. Andererseits wächst mit jedem Buch der Druck, nicht gegenüber den bisherigen Romanen abzufallen.

Haben Sie Pläne, einen Roman außerhalb der Serie zu schreiben?

Ja. Aber darüber rede ich erst, wenn es konkret wird.

Gibt es konkrete Pläne, Ihre Krimis zu verfilmen?

Ein leidiges Thema. Es wurde schon von mehreren Produzenten versucht. Bislang ohne Erfolg. Wenn, dann wird es noch sehr lange dauern. Vielleicht ein Wink des Schicksals. Jeder Leser hat ja seinen eigenen Wallner oder Kreuhtner im Kopf. Ein Film könnte all diesen Erwartungen ohnehin nie gerecht werden.

Haben Sie eine ungefähre Vorstellung davon, wie Sie die Serie um Wallner & Kreuthner weiterentwickeln werden? Gibt es schon Ideen für den nächsten Band?

Es gibt Ansätze und Ideen, aber noch keine konkrete Geschichte. Ich bin gerade in einer Phase intensiven Nachdenkens, wie es weitergehen wird.

Lieber Herr Föhr, herzlichen Dank für das Interview!

 

Die Fragen stellte Alexandra Plath im August 2013 für www.droemer-knaur.de

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