Verlagsgruppe Droemer Knaur



Iny Lorentz: Flammen des Himmels

Einleitung

Die Wiedertäufer in Münster

In ihrem historischen Roman Flammen des Himmels widmet sich Bestsellerautorin Iny Lorentz einem düsteren Kapitel deutscher Geschichte: Die Herrschaft der Wiedertäufer in Münster und ihre Niederschlagung im 16. Jahrhundert.
Im Mittelpunkt steht die Geschichte der jungen Frauke, deren Familie als Wiedertäufer bedroht und verfolgt wird und die selbst in die Fänge der Inquisition gerät. Frauke gelingt die Flucht nach Münster, wo Anführer der Wiedertäufer das "Neue Jerusalem" propagieren. Hautnah erlebt Frauke die Radikalisierung der Glaubensgemeinschaft, deren Anführer ein wahres Schreckensregime errichten.
Spannend, emotional und packend bis zur letzten Seite erzählt Iny Lorentz von der Machtergreifung und dem Niedergang der Täufergewegung in Münster. Für ihren bewegenden Roman hat das Autorenpaar Lorentz gründlich recherchiert und der Leser erfährt viel über die Hintergründe und Geschehnisse dieses dunklen Kapitels deutscher Religionsgeschichte. Hier finden Sie einen kurzen historischen Überlick.


HISTORISCHER HINTERGRUND: DIE WIEDERTÄUFER

Im 16. Jahrhundert bildeten sich in Mitteleuropa in Folge von Luthers Reformation verschiedene radikale Sekten, die den christlichen Glauben in immer neuen Varianten auslegten. Eine von ihnen waren die sogenannten Wiedertäufer, deren zentrales Anliegen die Erwachsenentaufe war.

Das Täufertum umfasste eine Vielzahl von Gruppierungen und hatte seine Zentren vor allem in der Schweiz sowie den Niederlanden. Manche Täufer wollten den Traum vom wahren christlichen Leben gewaltsam verwirklichen, die meisten jedoch versuchten ihr Ideal friedlich in abgeschiedenen Zirkeln zu leben. Gemeinsam war ihnen allen nur die Ablehnung der Kindstaufe, da sich nur mündige Christen bewusst zur Taufe entscheiden könnten. Daher sei die Kindstaufe ungültig und müsse im Erwachsenenalter wiederholt werden.

Die Täufer eckten mit dieser Vorstellung bei den anderen Reformatoren an und wurden aus deren Kreisen ausgeschlossen. Sowohl die katholische wie evangelische Kirche wurden zu Gegnern, da die Wiedertäufer einerseits die Autorität des Papstes verneinten und andererseits statt an den Bibeltext an eine mystische Lehre vom inneren Licht glaubten. So wurde das Täufertum 1529 reichsweit verboten. Seine Anhänger wurden verfolgt und konnten ihren Glauben nur noch im Verborgenen leben. Viele Täufer wurden auf den Scheiterhaufen verbrannt.

Einige Gruppen radikalisierten sich durch die Verfolgung. Sie entwickelten den Glauben an ein nahes Weltengericht und den Jüngsten Tag sowie die Überzeugung, als Einzige von Jesus Christus auserwählt zu sein und in sein Reich aufgenommen zu werden. Denn nur Getaufte könnten die Apokalypse in einem "Neuen Jerusalem" überleben und dort das Reich Gottes neu begründen. Täufer in den Niederlanden unter Jan Matthys aus Haarlem und Jan Bockelson aus Leiden hatten errechnet, dass das Ende der Welt spätestens bis Ostern 1534 kommen, die Taufen daher wieder aufgenommen und das "Neue Jerusalem" gefunden werden müsse. Hierfür schien ihnen die Stadt Münster geeignet. Sie nutzten die unklaren Verhältnisse im Münsterland unter dem neuen Fürstbischof Franz von Waldeck aus und machten die Stadt zum Sammelplatz ihrer Anhänger.

In Münster hatte der reformatorische Prediger Bernhard Rothman großen Einfluss. Nachdem Rothman mit seinen Anhängern den Protestantismus an allen Pfarrkirchen etabliert hatte, wandte er sich immer mehr der täuferischen Lehre zu. Es gelang Rothman, Teile des Rates der Stadt Münster und viele der mächtigen Gilden auf seine Seite zu ziehen. Als der Rat der Stadt das Täufertum legitimierte und mit Jan Matthys der oberste Prophet der Wiedertäufer in Münster Einzug hielt, erhielten die Wiedertäufer in der Stadt die Oberhand und Matthys errichtete das "Neue Jerusalem". Alle Bürger, die den Glauben der Täufer ablehnten, wurden aus der Stadt vertrieben. Die Pflichttaufe wurde eingeführt, in Kirchen und Klöstern kam es zu einem Bildersturm, das Ratsarchiv wurde vernichtet und die Geldwirtschaft abgeschafft.

Unterdessen belagerte Bischof Franz von Waldeck mit seinen Truppen die Stadt. Ihn unterstützten katholische und lutherische Reichsfürsten, die ein Ausbreiten der Wiedertäufer auf ihre eigenen Territorien verhindern wollten. Münster wurde monatelang eingeschlossen.

Nach dem Tode Matthys’ durch die Belagerer der Stadt setzte sich Jan Bockelson mit Hilfe von Bernd Knipperdolling an die Spitze der Gemeinschaft. Als neuer Prophet setzte Bockelson die Ratsverfassung außer Kraft, ernannte einen Rat der zwölf Ältesten und führte die Vielfrauenehe ein. Bockelson wurde zum König von Neu-Jerusalem und Stellvertreter Christi auf Erden ausgerufen. Er umgab sich mit einem prunkvollen Hofstaat und heiratete nach und nach neben der Königin Diewer von Haarlem 15 Nebenfrauen.

Der Belagerungsring um die Stadt wurde immer enger, Hunger breitete sich aus. Am 25. Juni 1535 eroberten die bischöflichen Truppen Münster und beendeten die Täuferherrschaft. Unter den etwa 650 Toten auf Seiten der Täufer waren zahlreiche Anführer. Die wichtigsten Gefangenen, Jan Bockelson, Bernd Knipperdolling und Bernd Krechting, wurden zum Tode verurteilt, gefoltert und hingerichtet. Die Leichname wurden zur Abschreckung in drei eisernen Körben am Turm der Lambertikirche aufgehängt. Diese Körbe hängen noch heute an der Kirche.

Zeittafel: Die Wiedertäufer in Münster

  • 1531            Bernd Rothmann predigt in Münster die Reformation
  • 1533 Febr.    Bischof Franz von Waldeck garantiert freie Religionsausübung für die Anhänger Luthers
  • 1534 Jan.     Wiedertäufer etablieren sich in Münster, Taufe von 1.400 Bürgern 
  • 1534 Febr.    Machtübernahme der Wiedertäufer; Ankunft von Jan Matthys aus Haarlem
  • 1534 März    Beginn der Belagerung durch Bischof Franz von Waldeck
  • 1534 Ostern  Jan Bockelson wird erster Prophet 
  • 1534 Juli       Einführung der Vielweiberei 
  • 1534 Sept.    Jan Bockelson wird König 
  • 1535 24.06.   Fall der Stadt 
  • 1536 22.01.   Hinrichtung von Jan Bockelson, Bernd Knipperdolling und Bernd Krechting; Münster wird katholisch

 

↑ nach oben