Verlagsgruppe Droemer Knaur



Warum eigentlich „Germania“?

Einleitung

Was Harald Gilbers zu seinem Roman inspiriert hat

Der Roman „Germania“ ist in erster Linie ein Produkt meiner eigenen Neugierde. Da meine Generation in einer vergleichsweise saturierten Gesellschaft aufgewachsen ist und noch keinen Krieg am eigenen Leibe miterlebt hat, interessierte mich die Frage, wie es wohl war, während der Bombardierungen im Dritten Reich zu leben. Dass unsere Eltern, beziehungsweise Großeltern über dieses bedrückende Thema überwiegend geschwiegen haben, mag verständlich sein. Doch unzählige Fragen sind auf diese Weise offen geblieben: Was haben sie während dieser Zeit erlebt? War es damals überhaupt möglich, eine reine Weste zu bewahren? Welchen Zwängen waren sie ausgesetzt? Inwiefern gehörten sie zu den Tätern?

Obwohl ich im Rahmen meines Magisterstudiengangs als Nebenfach Neuere und Neueste Geschichte gewählt hatte, konnten die Daten und geschichtlichen Zusammenhänge mir nur ansatzweise einen Eindruck davon vermitteln, wie das Privatleben im NS-Terrorstaat aussah. Ich wollte nicht nur verstehen, sondern auch nachempfinden. Hinzu kam, dass ich während meiner Beschäftigung mit diesem Thema immer wieder mit Fakten konfrontiert wurde, die in das von den Medien geprägte Klischeebild der nationalsozialistischen Gesellschaft nicht hineinpassen wollten. Schon bald erkannte ich, dass die damalige Realität wohl viel komplexer war, als man gemeinhin annimmt.

„Germania“ ist ein breit angelegtes Gesellschaftspanorama, das diese Zeit mit ihren Widersprüchen darstellen soll. Zwar ist der Plot meines Romans fiktiv, doch nicht die Umwelt, in die der Leser eintauchen kann. Besonders wichtig waren in diesem Zusammenhang Zeitdokumente wie Tagebücher oder Interviews, mit deren Hilfe ich die Ereignisse von Mai bis Juni 1944 in der Reichshauptstadt Berlin rekonstruiert habe.

Darüber hinaus hatte ich mir die ehrgeizige Aufgabe gestellt, dass „Germania“ nicht zuletzt auch als Thriller funktionieren sollte. Schließlich handelt der Roman von der Suche nach einem Serienmörder. Natürlich drängte sich dabei als Referenzpunkt die Darstellungsweise in der angelsächsischen und skandinavischen Genreliteratur auf. Doch ich entschloss mich dazu, zuzüglich historische Serienmörder-Fälle wie zum Beispiel von Großmann, Kürten und Haarmann in meinen Roman einzuflechten, um zu demonstrieren, dass es zugleich auch ein urdeutsches Sujet ist. Diese beiden Sphären miteinander zu verknüpfen war für mich beim Schreiben eine interessante Herausforderung.

Die vergleichsweise rigiden Vorgaben der Spannungsliteratur empfand ich letztendlich eher als befreiend. Ich konnte mich darauf konzentrieren, die Themen anzuschneiden, die mir wichtig waren und durch die traditionellen Erzählstrukturen des Thrillers hatte ich gleichzeitig ein verlässliches dramaturgisches Fundament. Im Grunde genommen knüpft „Germania“ nahtlos an meine bisherigen Arbeiten an. Auch in diesem Fall versuche ich, eine Aussage zu transportieren, ohne das Publikum dabei zu langweilen.

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