Verlagsgruppe Droemer Knaur



Heidi Rehn im Interview

"Ich sehe meine Romane weniger als reine Liebesgeschichten oder Krimis sondern vielmehr als historische Gesellschaftsromane, die einen Einblick in das Sozialleben einer bestimmten Epoche gewähren."

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Heidi Rehn liebt Geschichte und Geschichten. Wie aus dieser Leidenschaft packende historische Romane entstehen, verrät die Autorin in unserem Interview.

Sie stammen aus dem Rheinland, leben heute in München, Ihre letzten beiden historischen Romane spielen in und um Königsberg. Was fasziniert Sie so an der Ostsee-Region?

Die Gegend ist einfach sehr einzigartig! Seit meinen ersten Besuchen dort oben bin ich schlichtweg verliebt in die traumhafte Weite der Landschaft, das Gold der endlosen, im Wind wiegenden Weizenfelder, das unvergleichliche Blau des Himmels und das glitzernde Silberband der Ostsee. Das verleiht den roten Backsteinbauten aus der Deutschordenszeit einen ganz besonderen Zauber – ein­fach eine Bilderbuchkulisse für historische Romane. Außerdem hat mich die sehr wechselvolle Ge­schichte des Landstrichs auf Anhieb gepackt. Schon mehrfach wurde er zum Spielball der Mächte aus Ost und West. Erst vertrieben die christlichen Ordensritter die heidnischen Prussen und holten Kauf­leute aus aller Herren Länder nach dort oben, darunter übrigens sehr bald auch schon Glau­bens­flüchtlinge. Aus diesem Schmelztiegel entstand eine eigene Kultur und ein ganz beson­deres Selbstbewusstsein, das nach kurzer Zeit schon für sehr aufschlussreiche Konflikte erst mit den Ordensrittern, dann mit dem deutschen Kaiser sowie dem preußischen Herzog und immer wieder auch mit dem benachbarten polnisch-litauischen Großherzog geführt hat. Das alles beflügelt ein­fach meine Phantasie, denn daraus erwachsen die besten Ideen für interessante Figuren und ihre spannenden Schicksale in den unterschiedlichsten Epochen.

Historischer Hintergrund Ihres Romans Die Liebe der Baumeisterin ist die Entstehung des säkularen Preußen, des ersten protestantischen Herzogtums auf deutschem Boden. Sie erzählen die Auswirkung dieser spannenden Ereignisse am Beispiel einer jungen Frau, Ihrer Hauptfigur Dora Stöckelin. Wie kommt es dazu?

Als Frau steht Dora den Ereignissen mit einer gewissen Distanz gegenüber. Anders als ein Mann jener Zeit kann sie politisch zwar nichts bewirken, beobachtet jedoch ganz genau, was um sie herum geschieht, und macht sich dazu ihre eigenen Gedanken. Sie nutzt die wenigen Mög­lich­keiten, die sie hat, um am Geschehen teilzunehmen und sich ihre Freiräume zu erkämpfen. Am Beispiel Doras will ich davon erzählen, dass Frauen damals tatsächlich schon in weitaus größerem Maß solche Freiräume besaßen, als wir uns das heute vorstellen.
Mit der Umwandlung des früheren Ordenslandes in ein weltliches Herzogtum gibt es dort im übrigen erstmals auch eine Landesmutter, die Herzogin Dorothea, die an der Seite ihres Gemahls, Herzog Albrecht, das Land regiert. Sie war sehr an Kunst, Literatur, Musik interessiert und in Königsberg äußerst beliebt. Auch von ihr erzähle ich ein wenig, denn sie hat sehr viel für die weitere Entwicklung des Landes getan.

In Die Liebe der Baumeisterin geht es nicht nur um Doras zunächst unerfüllte Liebe zu dem Nürnberger Baumeister Veit, sondern auch um schöne Häuser und Bier, um Baukunst und Braukunst. Dora soll Bier brauen, will aber Häuser bauen. Inwieweit ist das typisch für jene Zeit?

Die Vorstellung, Frauen hätten in Mittelalter und früher Neuzeit keine Berufe ausgeübt, ist eine Klischeevorstellung, die historisch so nicht haltbar ist. Es gibt zahlreiche Belege für Frauen mit einer Ausbildung in Handwerks- und Kaufmannsberufen, oft haben Frauen entweder mit ihren Männern gemeinsam das Geschäft geführt, in Abwesenheit der Männer sogar völlig eigenverantwortlich, oder sie haben ganz selbständig ein Handwerk betrieben. So galt z.B. das Bierbrauen bis etwa zum 16./17. Jahrhundert als reine Frauensache. Frauen hatten damals zwar politisch keine Rechte und waren auch gesellschaftlich im heutigen Sinn alles andere als gleichberechtigt, allerdings darf man nicht vergessen, dass auch die Männer zu jener Zeit nur sehr beschränkte Rechte hatten. Wir neigen dazu, das viel zu sehr nach unseren heutigen Wertmaßstäben zu beurteilen.

Ihre historischen Romane sind nicht nur Liebesgeschichten, sondern bergen oft auch eine Krimihandlung in sich. Was bezwecken Sie damit?

Ich sehe meine Romane weniger als reine Liebesgeschichten oder Krimis sondern vielmehr als historische Gesellschaftsromane, die einen Einblick in das Sozialleben einer bestimmten Epoche gewähren. Krimis verlangen nach einer Schilderung der sozialen und politischen Zeitumstände, die das Verbrechen nachvollziehbar machen. Das ist genau das, was mich auch interessiert und was ich in meine historischen Romane gern übernehme. Außerdem schadet auch ein wenig Spannung nicht, um die Handlung interessant zu halten.

Wie entwerfen Sie Ihre Geschichten? Wie gestalten Sie die Figuren? Mehr nach Intuition oder gehen Sie – wie die Baumeisterin – eher planmäßig vor?

Es ist von beidem etwas. Am Anfang steht meist eine Figur oder ein Ereignis aus einer bestimmten Epoche, die oder das mich neugierig macht. Daraus entwickelt sich sehr rasch eine erste grobe Idee für eine Handlung, die ich als Grundlage für weitere, gezieltere Recherchen verwende. Sobald ich mit dem Schreiben beginne, entwickeln Figuren und Plot sehr rasch eine Eigendynamik, die so manches zuvor Geplante über den Haufen wirft oder auch mal ins glatte Gegenteil verkehrt. Das genau ist auch der Reiz dabei. Letztlich ist das Schreiben für mich immer eine sehr spannende Reise mit meinen Figuren in ein ungewisses Abenteuer. Ich bin die Chronistin meiner Figuren, die genau beobachtet und aufschreibt, was sie tun und was ihnen widerfährt.

Ihre Sprache ist farbig, lebendig, voller Bilder. Woher nehmen Sie die Phantasie für Ihre detaillierten Beschreibungen sowie die Kenntnis so vieler historischer Details des Alltags­lebens des 16. Jahrhunderts?

Ich lasse mich ganz einfach gern sozusagen mit Haut und Haaren in vergangene Zeiten fallen. Außerdem reise und lese ich selbst wahnsinnig gern. So besuche ich immer die Handlungsorte meiner Geschichten, um vor Ort mit allen Sinnen aufzunehmen, was ich später in Worte fassen will. Dann lese ich auch sehr, sehr viel über die von mir geschilderte Epoche, die historischen Ereignisse und vor allem über die Menschen, die damals gelebt haben. Mich interessieren ihre Alltags- und Lebensumstände, was sie gegessen, getrunken, gearbeitet haben, wie sie sich ihr Dasein einge­richtet haben, wie sie mit Kriegen, Katastrophen, aber auch mit Liebe und Glück umgegangen sind, was sie gelernt und gekannt haben könnten, womit sie sich beschäftigt und natürlich wovon sie geträumt haben könnten. So weit möglich lese ich dazu am liebsten Aufzeichnungen aus der jeweiligen Zeit selbst, also Lebens- und Reisebeschreibungen, Chroniken, Briefwechsel, aber auch Romane aus und über die Zeit, letztlich eigentlich alles, was ich irgendwie dazu auftreiben kann. Und natürlich schaue ich mir Gemälde an. Die Genremalerei ist zum Beispiel eine wahre Fundgrube, um etwas über den Alltag der Menschen vergangener Epochen zu erfahren. Auch die Beschäftigung mit Stadtansichten und alten Plänen sowie mit der Architektur liefert mir sehr viel Anschau­ungs­material, das ich in Worte umzuwandeln versuche, um meine eigene Begeisterung auch an andere weiterzugeben.

Ihr Roman spielt nicht nur in Königsberg, sondern auch in Krakau, wo Dora die aus Italien stammende kunstsinnige polnische Königin Bona Sforza kennenlernt. Warum war Ihnen die fiktive Begegnung von Dora und Bona Sforza wichtig?

Weil das durch Bona Sforza italienisch geprägte Krakau zu jener Zeit genau der Gegenentwurf zu dem damaligen protestantischen Preußen darstellt, in dem Dora aufgewachsen ist. Hier erfährt sie, was es sonst noch alles gibt in der Welt, was sie zuvor höchstens aus Erzählungen anderer gekannt hat: Genuss, Daseinsfreude, Leichtigkeit, Kunstsinnigkeit. Hier kommt sie mit einer neuen Form der Architektur wie auch mit Menschen in Kontakt, die anders denken und fühlen, als es in Königsberg üblich gewesen ist. Es hat mich einfach gereizt, das in der Begegnung mit Bona Sforza zu be­schreiben, die eine sehr interessante Frau gewesen sein muss, überaus gebildet, kunstverständig und letztlich doch in einem engen katholischen Denken verhaftet, das sie gegenüber dem Protest­antismus sehr misstrauisch hat sein lassen.

In ihrem Roman spielt ein altes Werkmeisterbuch, das auch in Ihrem vorangegangen Roman Gold und Stein vorkommt, eine wichtige Rolle. Ist dieses geheimnisumwobene Musterbuch das verbindende Element der Familien-Saga?

In gewisser Hinsicht schon. Die Liebe der Baumeisterin spielt etwa hundert Jahre nach Gold und Stein, Dora ist die Nachfahrin der Bierbrauerin Agnes und ihres Gemahls, des Baumeisters Laurenz aus diesem Roman. Das Werkmeisterbuch von Laurenz legt den Grundstock für die Familien­tradi­tion der Baukunst und wird von Generation zu Generation weitervererbt. Dora knüpft nicht nur an dieses Vermächtnis an, sondern erweitert es im Sinn ihres Urahns Laurenz um die in Krakau neu gewonnenen Erkenntnisse über die italienische Baukunst. Ihr Bruder Jörg dagegen führt die Kunst des Bierbrauens im Sinne der von Urahnin Agnes überlieferten Aufzeichnungen weiter, entwickelt dabei zusammen mit seiner Gattin Gret jedoch auch neue Rezepturen. Das also bildet die äußere Klammer um die beiden Romane, die ansonsten in sich völlig abgeschlossen sind.

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