Verlagsgruppe Droemer Knaur



Die Geschichte von Anna Ilsabe Bunk

Einleitung

Claudia Weiss erzählt von der Idee und der Entstehung ihres Buchs Schandweib

Als ich Anna Ilsabe Bunk vor einigen Jahren das erste Mal in den Gerichtsakten ihres Prozesses begegnete, ahnte ich noch nicht, dass mich ihr Fall zu dem Roman Schandweib inspirieren würde. Damals arbeitete ich an der Universität und war auf der Suche nach einem interessanten Stoff für ein geschichtswissenschaftliches Projekt zum damals aktuellen Forschungsfeld der Kriminalitätsgeschichte. In einer 1844 herausgegeben Sammlung von Vorträgen zur Hamburger Rechtsgeschichte, die in unserer Bibliothek stand, stieß ich zufällig auf ein außergewöhnliches Gerichtsverfahren. Den Mordprozess gegen Bunk. Ihr Fall, der dort im Wesentlichen als eine späte Form der Hexenverfolgung behandelt wurde, sprach mich sofort an und ich machte mich auf ins Hamburger Staatsarchiv, um mir die Originalunterlagen anzuschauen.

Was ich vorfand, war neben einer recht lesbar geschriebenen handschriftlichen Zusammenfassung des Prozesses ein Stapel Verhörprotokolle, Eingaben der Verteidiger sowie die Geständnisse der Angeklagten, die seit beinahe einhundertfünfzig Jahren niemand mehr in den Händen gehalten hatte. Und das verwunderte mich beim näheren Hinsehen kaum. Die meisten der Papiere waren schnell verfertigte Abschriften voller Tintenkleckse, niedergeschrieben in einem Durcheinander von lateinischen Zitaten aus juristischer Fachliteratur, in der Kanzleisprache üblichen Kürzeln sowie der damals gesprochenen niederdeutschen Mundart. Zusammen mit der dem Sütterlin ähnlichen Kanzleischrift sorgte der barock und verschnörkelt anmutende Stil des frühen 18.Jahrhunderts dafür, dass diese Schriften nur mit großer Mühe zu lesen waren.

Auch wenn ich mit diesem Fund viel Arbeit auf mich zukommen sah, so hatte er mich doch gepackt, und schien mir auch für ein Forschungsprojekt völlig neu zu sein. Und tatsächlich, meine weiteren Recherchen ergaben, dass sich bisher noch kein Historiker tiefergehend mit dem Fall von Bunk beschäftigt hatte. Damit hatte mein Projekt gute Chancen Fördergelder zu bekommen. Ich machte mich also über Wochen, eher Monate an die mühevolle Dechiffrierung der alten Handschriften

Je mehr ich über den Prozess von Bunk erfuhr und auch über ihr Leben, das sie in ihren Aussagen schilderte, desto mehr wuchs mir diese Frau ans Herz. Sie war ein einsamer Mensch auf der Suche, ihr Leben einfach nur rechtschaffen leben zu dürfen. Aber das war in jener Zeit, in der sie geboren wurde, dem ausgehenden 17. Jahrhundert, in Norddeutschland gar nicht so leicht. Eine Frau, ein Mädchen brauchte damals dringend den Schutz der Familie, um ein ehrbares Leben führen zu können. Ilsabe wurde früh Waise und war nicht gerade mit äußerlichem Liebreiz oder innerer Sanftheit gesegnet, weshalb keiner sie gerne als zusätzlichen Esser im Hause haben wollte. Um sich vor schlechter Behandlung und sexuellen Zudringlichkeiten zu schützen, entschied sie sich eines Tages, ihre Kleider zu wechseln und sich als Mann auszugeben. Damit wurden ihre Probleme allerdings nicht nur verlagert, sondern auch verschlimmert.

Irgendwann während meiner Recherchen kam in mir das Gefühl auf, dass die Geschichte von Anna Ilsabe Bunk zu außergewöhnlich war, um sie nur einem ausgesprochen kleinen Kreis historischer Experten zugänglich zu machen, was der Fall gewesen wäre, hätte ich die Prozessakten als wissenschaftliche Edition aufbereitet und herausgegeben. Dabei hat die Geschichte jener Frau auch heute noch für uns eine gewisse Bedeutung. Wir sind noch weit davon entfernt, Menschen, die nicht unseren Vorstellungen entsprechen, gleichberechtigt zu behandeln. Hier in Deutschland haben wir zwar schon sehr große Fortschritte auf rechtlicher Ebene gemacht, aber Vorurteile halten sich hartnäckig in den Köpfen der Menschen. So entscheid ich mich Schandweib zu schreiben.

Bis ich dann aber die Zeit fand, mich an den Roman zu machen, vergingen noch einige Jahre, in denen ich wissenschaftliche Bücher schrieb und mich auch habilitierte. Das war gut, denn so hatte ich für die Niederschrift von Schandweib den Kopf frei und konnte mich ganz auf dieses Abenteuer einlassen.

Es war mir bei dem Roman ein Anliegen, den fiktiven Teil feinfühlig mit den historischen Tatsachen und Ereignissen der damaligen Zeit zu verweben. Als Historikerin bin ich es mir und meinen Lesern schuldig, keinen Blödsinn über die Vergangenheit zu erzählen. Ich recherchierte gründlich über das damalige Leben, die Finanzmärkte und vor allem das Gerichtswesen in Hamburg, beschäftigte mich mit dem Stand der Heilkunst an der Wende des 17. zum 18. Jahrhundert, wie auch mit der Diskriminierung der Juden in Hamburg. Selbst der Name des Henkers wie auch der des Direktors der Gelehrtenschule Johanneum entsprechen den historischen Tatsachen.

Natürlich sind nicht alle meine Nachforschungen akribisch im Buch wiedergegeben. Dann wäre es wohl unlesbar geworden. Sie webten aber den Teppich, auf dem die Geschichte spielt. Und sie waren ein reicher Fundus bei Autorenlesungen. Denn ich konnte viele Fragen zu historischen Details beantworten und so die Zuhörer noch tiefer in die Zeit führen, in der sie lebte. Das führte zu angeregten Gesprächen und zeigte mir immer wieder, dass ein wesentliches Anliegen geglückt war: Das Schicksal dieser Frau meinen Lesern nahezubringen.
Auf der anderen Seite ist auch Anna Ilsabe Bunk etwas mit mir geglückt: Sie hat mir einen neuen Beruf beschert, der mir viel Freude bereitet.

Claudia Weiss

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