Verlagsgruppe Droemer Knaur



Interview mit Charlotte Roth zu "Als wir unsterblich waren"

Those who cannot remember the past are condemned to repeat it (George Santayana)

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Mit ihrem Roman Als wir unsterblich waren hat Charlotte Roth eine große deutsche Familiensaga geschrieben, in der die bewegte Geschichte Berlins die Hauptrolle spielt. Wir sprachen mit der Autorin über ihre Recherchen & Inspirationen, Idealismus & Scheitern und die Generation ihrer Großmütter.

Ihr Roman spielt auf zwei Zeitebenen: zum einen von 1912 bis zur Machtergreifung der Nazis, zum anderen im Wendejahr 1989. Damals durchlebte Deutschland dramatische Zeiten und war im Umbruch begriffen. Wie ist die Idee zu diesem Buch entstanden?

Mit der Idee bin ich mehr als zwanzig Jahre lang herumgelaufen … Die Geschichte gehört nämlich gar nicht mir, sie gehört Margarethe, mit deren Enkeln ich aufgewachsen bin. Margarethe kochte den göttlichsten Kaffee, den ich je getrunken habe, und umso entsetzter war ich, als ich eines Tages zusehen musste, wie sie Salz, Eierschale und Kardamom hineingab.  Als ich sie fragte, wie sie auf diese Idee gekommen sei, erklärte sie, jemand habe es ihr beigebracht. Und dann konnte sie nicht weitersprechen.
Die Geschichte mit dem Kaffee spukte mir seither im Kopf herum, und irgendwann erklärte Margarethe sich bereit, sie ihren Enkeln und mir zu erzählen – an etlichen Abenden, mit etlichen Kannen Kaffee. Der Wunsch, sie irgendwann aufzuschreiben, war sofort da, doch bis ich den Mut fand, sind zwanzig Jahre verstrichen. Zu meinem Glück stellten Margarethes Enkel mir nicht nur die Geschichte, sondern auch das sehr umfangreiche hinterlassene Material zur Verfügung. Dennoch dauerte es weitere Jahre, bis die Sammlung soweit vervollständigt war, dass ich ans Schreiben auch nur denken konnte.
Und dann brauchte ich auch noch einen mutigen Verleger!
Während der Planungsphase entstand schnell der Wunsch, Margarethes Geschichte mit einer Rahmenhandlung zur Zeit des Mauerfalls zu umgeben. In der Schule habe ich zur Republik von Weimar viel darüber gelernt, wie sie gescheitert ist – aber nur wenig über die ungeheure Hoffnung, die sich ihrem Anfang verband. Was Aufbruch, Chancen, Gefahren, Ängste und Träume betrifft, sehe ich die beiden deutschen Revolutionen eng verbunden. Ich wollte gern einen Bogen schlagen, vom 9. November 1918 bis zum 9. November 1989. Und der 9. November 1938, der dramaturgisch in meinem Buch keinen Platz hat, sollte dennoch im Raum stehen. Eine Brücke von dem Tag, den viele Menschen als Geburtsstunde ihres Jahrhunderts erlebten, zu dem, an dem ihr Jahrhundert zerbrach, und schließlich zu dem, der uns die Möglichkeit gab, nicht es zu heilen, aber es zu einem Ende mit einer zaghaften Hoffnung zu führen.

Sind auch Teile Ihrer eigenen Familiengeschichte in den Roman eingeflossen?

Natürlich habe ich Margarethes Geschichte nicht eins zu eins wiedergegeben. Mit eingeflossen sind die Geschichten unzähliger Freunde und Verwandte, ihre Berichte, Briefe, Tagebücher,  ihre Fotografien und Familiendokumente.
Vor allem von meiner Großmutter würde ich mir wünschen, dass sie sich in diesem Buch ab und an wiederfindet – und dann hoffentlich ein wenig schmunzeln muss, auch da, wo die Erinnerung wehtut.
Direkt meiner Familiengeschichte entsprungen ist außerdem der Schauplatz Strandbad Wannsee, der mir – einschließlich Kaffeekoch-Station - ein wenig vorkommt wie ein zweites Wohnzimmer meiner Sippe, Austragungsort von Tragödien und Komödien, inzwischen in der fünften Generation …

In diesem Jahr gedenken wir dem Beginn des 1. Weltkrieges zum 100. Mal. Wie haben Sie sich diesem epochalen Ereignis genähert? Welche Recherchen haben Sie unternommen, um diese Zeit so lebendig zeichnen zu können?

Wenn Leser meine Darstellung als lebendig empfinden, was mich natürlich sehr freuen würde, so hat das vor allem biographische Gründe: Ich bin alt genug, noch mit vielen, vielen Zeitzeugen gelebt und gesprochen zu haben. Und ich gehöre von je her zu den nervigen Leuten, die alles aufschreiben …
Zum zweiten hätte ich mich an einen Roman mit dieser Thematik nicht ohne die Fülle gesammelter Originaldokumente gewagt, die mir durch Margarethe und meine eigenen Verwandten zugefallen sind. Gerade die zahllosen Briefe haben mir langsam und allmählich das Gefühl vermittelt, einen Ton der Epoche ins Ohr zu bekommen, eine Stimme, ein Echo. Für mich ist die Arbeit mit Primärquellen der schönste und wichtigste Teil der Recherche. In dieser Zeit ersteht mir aus Fakten eine Geschichte, die plastisch wird und sich – wenn auch noch scheu - von mir berühren lässt.   
Sekundärliteratur über die Zeit des Ersten Weltkriegs steht ja in derart erschlagendem Umfang zur Verfügung, dass ich mich bei der Auswahl von Experten für die einzelnen Felder beraten ließ. Ohnehin sind für mich lange und häufige Gespräche mit Fachleuten unerlässlich, nicht nur weil ich sie nach winzigen und skurrilen Details fragen kann, die ich in keinem Dokument finde, sondern vor allem weil die Leidenschaft, die Menschen für ihr Wissensgebiet hegen, mir wiederum Teile der Geschichte lebendig, sinnlich und berührbar macht.
Ebenso unentbehrlich sind für mich Reisen an alle Schauplätze. Ich bin kein phantasievoller Mensch. Was ich nicht in der Hand gehabt und von allen Seiten berochen habe, erzeugt kein Bild in meinem Kopf.

Unvorstellbar und grausam, wie viele Menschen in jenen Jahren unter Krieg, Hunger und Gewalt leiden mussten. Wie sehr hat Sie die Dramatik und historische Tragweite des Themas bei den Recherchen und beim Schreiben in Atem gehalten?

Ich war während weiter Strecken der Arbeit kaum ansprechbar, habe schlecht geschlafen und extrem wenig in Jahrhundert Einundzwanzig gelebt. Das ging mir aber schon immer so, wenn ich mich mit dem Scheitern der Weimarer Republik, mit dem sogenannten Bruderkrieg und der Frage: Was wäre zu verhindern gewesen?, befasst habe. Mir schnürt dieses Thema die Kehle zu. Davon zu schreiben, eine Geschichte zu erzählen, die mich dicht an diese Themen heranführt und mir nicht erlaubt, davor zurückzuschrecken, hatte etwas Kathartisches, sogar etwas Tröstliches. Ich bin meinem Verlag sehr dankbar, dass er mir das ermöglicht hat und mir auch die Chance gibt, auf ähnliche Weise weiterzumachen. Ich freue mich über die Fülle von Büchern, die in diesem Jahr zu verwandten Themen erscheinen, und hoffe, es werden im Zuge der anderen Jahrestage, die uns bevorstehen, noch mehr. Vom Unterhaltungsroman bis zum Fachbuch – solange wir die Geschichten dieser Menschen erzählen, erlauben wir nicht, dass sie ein zweites Mal ausgelöscht werden, und behalten George Santayanas Warnung im Gedächtnis: "Those who cannot remember the past are condemned to repeat it."

Es ist besonders beeindruckend, wie gekonnt Sie den politischen und sozialen Hintergrund dieser Zeit mit der Lebens- und Liebesgeschichte von Paula und ihrer Familie verknüpft haben. Wie ist Ihnen dieses Meisterstück gelungen?

Tatsächlich ist es das, was mich an allen Geschichten aus allen Epochen am meisten interessiert: Was passiert denen, die eigentlich nur ihr eigenes Leben meistern, mit ihren eigenen Sorgen kämpfen und ihren eigenen Fetzen Glück festhalten wollen, wenn das Weltgeschehen sich einmischt und sie überrollt? Als Siebzehnjährige bin ich einmal am 1. September mit einer schweren Mittelohrentzündung in Berlin zum Arzt gegangen und habe mich plötzlich gefragt: Was wäre, wenn nicht 1983 wäre, sondern 1939? Hätte ich mich dann auch um mein eiterndes Ohr kümmern dürfen, während ein Krieg losbrach und die Welt in einen Schmerz gerissen wurde, gegen den der in meinem Ohr nicht einmal spürbar wäre? Ich denke, das ist meine Frage geblieben. Ein Jahrzehnt später habe ich junge Leute nach Ausschwitz begleitet und war sehr beeindruckt von einem Mädchen, das nach dem Besuch des Vernichtungslagers furchtbar weinte, weil sie sich unglücklich verliebt hatte. "Ich war heute in Auschwitz", hat sie geweint. "Wie kann ich denn da jetzt an meinen blöden Liebeskummer denken?" Aber die, die in Auschwitz gestorben sind, haben vielleicht auch an ihren blöden Liebeskummer gedacht. Und wir denken immer weiter daran, an unsere Ohrenschmerzen, Nudelsuppen, Geldsorgen, Geburtstagsfeiern, und es ist unser Recht, das zu tun. Es ist unser Leben.

Die Arbeiterbewegung und der Aufstieg der Sozialdemokraten nehmen einen wichtigen Platz in Ihrem Roman ein. Woher stammt Ihr Interesse? Sind Sie ein politischer Mensch?

Ist es möglich, das nicht zu sein?
Ich bin in dem kleinen Rahmen, in dem mir das möglich ist (und der mir stets erheblich zu klein erscheint), ein politisch engagierter Mensch und ich mache auch keinen Hehl daraus, Sozialdemokrat zu sein. Mehr möchte ich darüber aber nicht sagen, denn es war mein Wunsch, eine Geschichte zu erzählen, die nicht wertet. Ich möchte ungern durch Hinweise auf meine persönliche Haltung dem Leser Vorgaben aufdrängen.
Voller Idealismus und Enthusiasmus haben sich Paula und ihre Freunde dem Kampf um Gerechtigkeit verschrieben. Doch ihre politischen Ziele sind zum Scheitern verurteilt und am Ende warten Ernüchterung und Tod. Ist das das Wesen der Politik oder sind Paula und ihre Freunde Opfer ihrer Zeit?
Diese Frage – und alles, was damit zusammenhängt - gehört für mich zu den interessantesten der ganzen Thematik. Ist diese Idee zwangsläufig gescheitert, oder hätte es Wege gegeben, das Scheitern zu verhindern? Sind vermeidbare Fehler begangen worden, oder war der Niedergang unvermeidlich? Dicht dahinter lauert die Frage nach Schuld, die ebenfalls nicht still bleibt. Ich kann auf all die Fragen aber keine Antwort geben und hoffe auch, kein Buch geschrieben zu haben, das behauptet, mit Antworten aufzuwarten. Ich mag Geschichten, die Fragen stellen und dazu stehen, dass wir auf solche Fragen mit keinem Satz, sondern höchstens mit unserem Leben antworten können.

Paula kann mit dem traditionellen Frauenleben zwischen Küche und Kindern nichts anfangen. Leidenschaftlich setzt sie sich in den zwanziger Jahren für Frauen- und Arbeiterrechte ein. War es von vorneherein Ihr Anliegen, mit diesem Roman auch über die Frauenbewegung zu schreiben?

Ich glaube, dass Frauen wie Paula auf eine Frauenbewegung in unserem heutigen Sinn wenig Gedanken verwendeten. Paula hat auch nicht viele Wahlmöglichkeiten, sie nimmt die Brocken auf, die das Leben ihr hinwirft, und da sie zu den Menschen gehört, die wir heute als „extrem resilient“ bezeichnen, findet sie sich zurecht und macht das berühmte „Beste“ daraus. Nein, die Absicht, einen – im modernen Sinn - frauenbewegten Roman zu schreiben, hatte ich nicht. Wohl aber einen über die Frauen, die plötzlich Möglichkeiten – vom Studium bis zum Wahlrecht – in den Händen hielten, die noch ihren Müttern verwehrt geblieben waren, und die an diesen Möglichkeiten festhielten, so widrig die Umstände ihnen auch ins Gesicht schlagen mochten. Etwas, das mich an den Frauen der Zwanziger Jahre sehr fasziniert, ist ihr Individualismus. Auf einmal gab es unzählige verschiedene Arten, eine Frau zu sein.

Paula gründet 1915 den Verein Arche Noah, wo Frauen Schutz vor häuslicher Gewalt finden können. Gab es diesen Verein wirklich?

Nein, diesen Verein gab es in der von mir beschriebenen organisierten Form leider nicht. Er wäre Margarethes Traum gewesen, und ich habe mich entschlossen, ihr die Verwirklichung zumindest auf dem Papier zu schenken. Wohl aber gab es den Kreis von Freundinnen, die Frauen in einer Wohnung im Westend Schutz vor häuslicher Gewalt bot. Er war aus der persönlichen Situation einer der Frauen geboren worden.

In Ihrem Roman sprechen Sie von der "unbändigen Kraft der Frauen, die dieses mörderische Jahrhundert", also zwei Weltkriege, überlebt haben. Was bedeuten Ihnen diese Frauen persönlich?

Meine Großmütter waren solche. Die Erinnerung an sie bedeutet mir in sämtlichen Situationen, in denen mir gehörig der Mut sinkt, die Rückversicherung, dass wir als Art erstaunlich unverwüstlich sind. Es ist nicht leicht, uns kleinzukriegen, uns den Schneid und unsere Würde abzukaufen und unser Lachen stumm zu schreien.
Besonders beeindruckt haben mich die tiefen, oft schier bedingungslosen Freundschaften dieser Frauen, die ich in meiner Familie erlebt habe. Sie waren geprägt von kämpferischer Liebe, hielten erstaunlichsten Belastungen stand und dauerten bis zum Tod. Diese Frauen waren beraubt und gebeutelt, aber sie weigerten sich, allein zu sein.

Die Stadt Berlin nimmt in Ihrem Roman einen zentralen Platz ein. Sie selbst sind Berlinerin. In welchem Teil der Stadt sind Sie aufgewachsen? Und: Was für ein Verhältnis haben Sie zu Berlin?

Ich bin Tempelhofer und sehr stolz darauf! Teile meiner Familie leben in Tempelhof bis heute. Ich liebe Berlin, und die Lieben der Romanfiguren zu bestimmten Orten sind alles meine – vom Leopoldplatz bis zum Strandbad Wannsee.

Wie haben Sie die Maueröffnung 1989 erlebt?

Den 9. November daheim, mit Freunden am Radio. Mein erstes Kind war erst zwei Jahre alt und schlief, sodass wir unsere Wohnung in Berlin Charlottenburg nicht verlassen konnten. Am Morgen fuhren wir mit unserem Sohn zu einem Meeting am Leopoldplatz – in einem vollgestopften U-Bahn-Wagen, in dem kaum jemand etwas sagen konnte, aber alle weinten. Das ist unvergesslich.
Etwas anderes aber auch: In der Nacht des 9. November haben mein Mann und ich spontan beschlossen, dass wir uns ein zweites Kind wünschen, und der Wunsch ist auch in dieser Nacht in Erfüllung gegangen. Unsere Freunde haben daraufhin entschieden, unser Kind müsse nach Krenz den Vornamen „Egon“ erhalten. Ich glaube, sie ist sehr froh, eine Lilly geworden zu sein.

Was war für Sie die größte Herausforderung beim Schreiben dieses Romans?

Das ist nicht leicht zu beantworten, denn es gab so viele. Im Nachhinein denke ich: Die wichtigste Herausforderung, das wichtigste Ziel war es, eine Geschichte zu erzählen, die so viel Trauriges, Belastendes, Unerklärliches enthält und trotzdem nicht hoffnungslos ist, sondern auch etwas von langen Sommern im Strandbad Wannsee hat. Ob das gelungen ist, entscheiden selbstredend die Leser.

Abschließend eine letzte Frage: Wenn Sie es sich wünschen könnten, welches Gefühl würden Sie in Ihren Lesern nach der letzten Zeile geweckt haben wollen?

Wärme! Ein bisschen Wärme, Achtung und Zärtlichkeit für die Republik von Weimar und ihre Menschen. Für die, die es nicht geschafft haben, die auf grausame Weise gescheitert sind und denen wir trotzdem etwas zu verdanken haben. Eine liebevolle Erinnerung, die auch tröstet und versöhnt.

Die Fragen stellte Alexandra Plath im Februar 2014 für www.droemer-knaur.de

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