Verlagsgruppe Droemer Knaur



Auf dem roten Teppich: Charlotte Roth

Ich versuche, Geschichten zu erzählen, die ein bisschen in der Erde buddeln. Die Autorin über geheime Wünsche, perfekte Tage und klebrige Geschichten.

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Beschreiben Sie sich mit drei Worten!

Zur Zeit: verliebt, verbohrt, verwundert.

Was macht Ihnen schlechte Laune, was macht Ihnen Freude?

Schlechte Laune macht mir meine Langsamkeit. Ich bräuchte dringend drei Köpfe mit optimierter Hirnausnutzung und die Software zur Verlängerung der Tage – bitte in der Turbo-Version.
Freude macht mir die Aussicht, schon bald wieder eine Traumreise antreten zu dürfen, und die Tatsache, dass mir mein freundlicher Postbote gerade einen Stapel Bücher zur Vorbereitung gebracht hat. Und eine CD …

Sie können Frühstück, Mittag- und Abendessen an drei unterschiedlichen Orten auf der Welt einnehmen – wohin führt Sie diese Reise?

Im Augenblick fürchte ich: Morgens Yerevan, mittags Yerevan, abends Yerevan. Aber ich soll ja wechseln. Also fliege ich zum Frühstück nach Yerevan, reise zu Mittag nach Rhodos und treffe mich abends mit meiner Sippe in den „Zwölf Aposteln“ nahe der Berliner Museumsinsel.

Kaffee oder Tee?

Bitte unbedingt beides – Kaffee pechschwarz und Tee in der Früchtevariante.

Wie sieht ein perfekter Tag für Sie aus?

Perfekt sind die Tage, die ich mit meinem Mann und meinem Sohn auf Recherchereisen verbringe – am liebsten den ganzen Tag zu Fuß und ohne Handy und Computer. Abends gehe ich dann mit meinem Sohn schwimmen, um den Staub von Jahrhunderten abzuspülen, während mein Mann die ortsüblichen Alkoholika (e.g. Ouzo, Raki, Ararat Brandy) ausprobiert, und zum Schluss spielen wir beim Abendessen „Monarchs of England“.

Woher kommen die Inspirationen zu Ihren Büchern?

Sicher bin ich mir nicht. Geschichten sind ja klebrig, und wer wie ich ein tollpatschiger Mensch ist, tritt ständig in welche hinein. In Museen liegen, glaube ich, besonders viele herum. Im British Museum ist es am schlimmsten. Jedes Mal, wenn ich da rauskomme, klebt mir eine an den Beinen.

Neben der Arbeit als Schriftsteller – was wären alternative Berufe für Sie? Und warum?

Ich bin Übersetzer und das mit bleibender Begeisterung. Ein bisschen (und manchmal auch ein bisschen mehr) bedaure ich, dass es mir aus finanziellen Gründen nicht möglich ist, mehr aus alten Sprachen zu übersetzen. Und dass ich nicht mehr alte Sprachen kann.
Ich wäre gern Archäologe geworden. Je älter ich werde, desto klarer wird mir, dass ich als Philologe völlig richtig gelandet bin – und trotzdem furchtbar gern Archäologe geworden wäre. Ich denke, in meinem nächsten Leben werfe ich beides in einen Hut und werde Keilschrift-Experte. Und bis dahin versuche ich weiter, Geschichten zu erzählen, die ein bisschen in der Erde buddeln.

Haben Sie einen Lieblingsautor? Wer ist es und weshalb?

Unter den Romanschriftstellern John Steinbeck. Weshalb weiß ich nicht so genau. Weil seine Figuren schon seit mehr als dreißig Jahren meine Freunde sind. Weil seine Bücher Best- und Longseller sind und er sie trotzdem nur für mich geschrieben hat. Weil er immer da ist. Auch dann, wenn ich nicht mit ihm rechne.

Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?

Zuletzt gelesen habe ich „Holzfällen“ von Thomas Bernhard. Zuletzt verliebt habe ich mich in „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ von Franz Werfel. Ich kann kaum glauben, dass mir das bis jetzt entgangen ist. Es ist eine typische Spätliebe: Heftig, selten, zartbitter. Umwerfend!

Welches Buch sollte jeder einmal gelesen haben?

Jedem das seine. Ich könnte auf der Stelle eine Liste von Büchern herunter rattern, die ich gelesen haben sollte, weil ich mir mich ohne diese Bücher nicht vorstellen kann. Aber für einen anderen kann ich das nicht. Das muss der andere selbst machen.

Welche Person – aus Roman, Film oder dem öffentlichen Leben – würden Sie gerne treffen? Und was würden Sie zu ihm/ihr sagen?

Wie gesagt, ich bin derzeit verliebt und somit leicht monomanisch. Ich würde gern Gabriel Bagradian aus „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ treffen. Aber sagen könnte ich ihm wohl nichts. Ich fürchte, ich wäre stumm.

Bei welchem historischen Ereignis wären Sie gerne Zeuge gewesen?

Derzeit: Bei der Bergung der Armenier vom Musa Dagh.

Wenn Sie die berühmten drei Wünsche frei hätten, wie sähen sie aus?

Gesundheit für meine Familie.
Geld.
Da wir alles andere haben, darf ich den dritten Wunsch an puren Luxus verschwenden: Ich wünsche mir Kraft, Schneid und Talent, um das Buch zu schreiben, das ich so gern schreiben würde.

Was ist Ihre Lebensphilosophie?

Das weiß ich nicht. Ich glaube, mein Leben ist so ein quirliges Dingens, das hat zum Philosophieren zu wenig Geduld.

Haben Sie schon das nächste Projekt im Kopf?

Oh ja! Im Kopf, in den Fingern, in den Beinen – und derzeit mächtig im Rücken.

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