Verlagsgruppe Droemer Knaur



Interview mit Cecilia Ekbäck über "Schwarzer Winter"

Ich liebe die Fehler anderer Menschen

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Existiert der Berg Blackåsen wirklich?

Nicht als real existierender Ort, aber seine Landschaft kenne ich aus meiner Kindheit: eine Mischung aus den Erinnerungen an Hudiksvall, wo ich aufgewachsen bin, Knaften und Vormsele, den Dörfern in Lappland, wo meine Großeltern lebten, sowie Såfjället, einem Berg nahe der norwegischen Grenze, wo meine Familie eine Blockhütte hatte.
Blackåsen zeigt, wie es ist, im Norden Schwedens aufzuwachsen. Dieser Ort repräsentiert die Angst, die Zweifel, den religiösen Eifer, die Einsamkeit und das Bedürfnis, einer Gemeinschaft anzugehören.

Warum haben Sie Schwarzer Winter geschrieben?

Mein Vater war mein bester Freund. Die Zeit vor und kurz nach seinem Tod war mein schwarzer Winter. Als er im Sterben lag, befragte ich ihn zu seinem Leben. Er starb, und ich sprach weiter, mit meiner Großmutter, ihrer Schwester, ihren Freunden, meiner Mutter… Schwarzer Winter entstand aus diesen Gesprächen.

Würden Sie Schwarzer Winter als historischen Roman bezeichnen?

Ich sehe das Buch nicht direkt als historischen Roman. Ich habe es insgesamt viermal geschrieben. Das erste Mal spielte es 2005 und war eine Familiensaga, dann spielte es 1930, anschließend 1865 und fand letztendlich seine Heimat im Jahr 1717.
Bezüglich des "historisch" in "historischer Roman": Ich habe ein schlechtes Gedächtnis und wenig Geduld für Details. Aber die Geschichte spielt nun einmal 1717, und so musste ich mich arrangieren. Ich habe alles gelesen, das mir in die Finger kam, und habe mit sehr viel gebildeteren Menschen gesprochen, als ich es bin, aber geschrieben habe das Buch ich, und letztendlich würde ich eine packende Geschichte immer einer trockenen Tatsachenschilderung vorziehen.

Woher kommt der Begriff "Wolf Winter", der Titel der englischen Originalausgabe?

Der Ausdruck "Wolfswinter" ("Vargavinter") bezieht sich im Schwedischen auf einen besonders langen und kalten Winter, wird aber auch verwendet, um die dunkelsten Zeiten im Leben eines Menschen zu beschreiben – jene, die einen daran erinnern, dass man sterblich und am Ende immer allein ist. Die alten nordischen Religionen sprachen von "fimbulvetr", dem "großen Winter", der der Zerstörung der Welt vorausgehen sollte, ausgelöst durch "Fenrisulven", den Wolf der Wölfe, der die Sonne gegessen hatte.

Ihr Roman beinhaltet viele religiöse, schamanische und magische Motive. Sind Sie gläubig?

Ich wurde im Glauben der Pfingstgemeinde erzogen, und es fällt mir schwer, mich davon gänzlich loszusagen. Aus Prinzip möchte ich an keinen Gott glauben, den ich mir nicht selbst ausgesucht habe, aber der Glaube scheint mir eingepflanzt worden zu sein. Um Glauben zu ringen ist ein großer Teil dessen, was ich bin.

Was haben die Charaktere in Ihrem Roman für Ziele?

Ich glaube, Maija und der Pfarrer wollen unbedingt alles wieder in Ordnung bringen, eine zweite Chance bekommen. Unglücklicherweise sind sie nun einmal so, wie sie sind. Es fällt ihnen schwer, nicht die gleichen Fehler noch einmal zu begehen.

Und Frederika?

Sie ist noch formbar. Die Geschichte hat großen Anteil an ihrer Entwicklung.

Einige sehr unglückliche Fehler werden von den Charakteren von Schwarzer Winter begangen.

Ja, aber es gibt auch Momente der Gnade.

Ist es eine skandinavische Eigenschaft, über den Tod nachzudenken?

Dunkelheit inspiriert dunkle Gedanken. Genau wie Einsamkeit. Aber die Sommer sind hell erleuchtet und scheinen nie zu enden.

Warum schreiben Sie?

Alle meine Charaktere sind fehlerhaft. Ich liebe die Fehler anderer Menschen, habe ich schon immer, die physischen wie die psychischen. Ich hasse sie an mir selbst. Einer der Gründe, warum ich schreibe, ist meine Fehlerhaftigkeit. Ich wünschte, ich wäre so weise wie meine Mutter, so loyal wie mein Ehemann. Ruhig und gefasst, selbstlos, verlässlich, diszipliniert … Die Liste ist lang.
Die Geburt unserer Zwillingstöchter veränderte meine Meinung über "Nurture vs. Nature". Ich glaubte immer mehr an Ersteres, aber jedes der Mädchen hatte seine ganz eigene Persönlichkeit, von Anfang an. Es gibt so viele Dinge, für die wir uns nie bewusst entscheiden, sondern die einfach in uns existieren, vererbt von Generation zu Generation. Das befreit uns von keiner Verantwortung, und natürlich hat unser Handeln immer Konsequenzen, aber der Gedanke beruhigt mich irgendwie.

Haben Sie einen Lieblingscharakter aus Ihrem Buch?

Maija und den Pfarrer.

Nicht Frederika?

Nein, mit meinem Hintergrund fühlt sie sich ein wenig zu sehr nach zu Hause an.

Als Sie Schwarzer Winter geschrieben haben, hatten Sie einen Vollzeitjob und Zwillinge. Wann haben Sie geschrieben?

Zwischen vier und acht Uhr morgens und in jedem anderen freien Moment. Manchmal, nachdem die Mädchen im Bett waren. So habe ich vier Jahre gebraucht, um das Buch zu beenden.

Was sind die Einschübe?

Früher, als es noch keine Straßen in Lappland gab, kam es immer wieder vor, dass der Schnee das Gewicht eines Mannes nicht mehr tragen konnte, entweder, weil er frisch gefallen, oder weil er am schmelzen war, und die Siedler einige Tage zu Hause festsaßen. Mir gefiel diese Idee, da die Charaktere so zur Ruhe gezwungen sind und nicht handeln können, sondern nur das reflektieren, was schon geschehen ist und sich Gedanken darüber machen, was noch kommt. Gegenüber den Gezeiten sind sie letztendlich machtlos.
Ich habe im Roman versucht, den Ort, also den Berg, fast selbst zu einem Charakter werden zu lassen. In den Einschüben konnte ich ihm eine Stimme geben, und das hat sich einfach richtig angefühlt. Er beobachtet die Siedler. Ihm ist jedoch alles egal. Er ist leidenschaftslos. Er hat schon viele von ihnen kommen und gehen gesehen, und es werden noch viele folgen.

War das Schreiben eine Erfahrung, die von Ihrem Berufsleben extrem abweicht?

Ja, ganz und gar. Das Schreiben ist ein innerlicher Vorgang, im Gegensatz zu den äußerlichen, die ich gewohnt war. Schreiben bedeutet eine Menge einsame Zeit, in der man denken muss. Als junges Mädchen habe ich viel geschrieben, und so scheint diese Zeit etwas zu sein, das ich auf der einen Seite vermisst habe, auf der anderen Seite jedoch auch schwer wieder aufzunehmen fand. Ich bin nicht sehr geduldig. Ich habe immer auf Deadlines hingearbeitet. Ich bin Multitasking gewohnt und dass man beim Arbeiten ständig unterbrochen wird. Ich mag es, schnell Ergebnisse sehen zu können. Das Schreiben verlangt eine ganz andere Arbeitsweise, die teilweise so schmerzhaft ist, dass ich das Gefühl habe, einfach gehen zu müssen, rauszukommen, unter Menschen, irgendetwas zu tun, was mich von meinem Schreibtisch lockt.
Auf der anderen Seite hilft mir meine Arbeitsdisziplin, auch beim Schreiben diszipliniert zu sein.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, drei Stimmen in der Geschichte zu Wort kommen zu lassen?

Die Gesellschaft war zu dieser Zeit eher in Teile gespalten. Lappland war sehr isoliert. Ich wollte, dass mehrere Figuren die Geschichte aus ihrer Perspektive erzählen. Ich wollte, dass keiner von ihnen die ganze Wahrheit besitzt. Ich wollte, dass der Leser keinem von ihnen wirklich trauen kann.
Ich habe den Pfarrer aus drei Gründen ausgewählt: weil er schwedisch ist, weil er ein Mann ist und weil er gebildet ist und daher Zugang zu höheren Gesellschaftsschichten hat. Maija gibt es wegen ihrer finnischen Herkunft, weil sie eine Siedlerin ist und eine Frau, die für ihre Zeit sehr rational und fortschrittlich ist. Frederika habe ich ausgewählt, weil sie ein Kind ist, das sich noch entwickelt und weil sie spirituell ist. Diese drei sehr unterschiedlichen Perspektiven stehen sich gegenüber und ermöglichen so unterschiedliche Interpretationen dessen, was geschehen ist.

Ist das Ende eher tragisch oder hoffnungsvoll gedacht?

Das zu entscheiden, möchte ich dem Leser überlassen. Für einige der Figuren sind die Folgen des Geschehenen sehr tragisch, doch wie alle Menschen es nun einmal tun, werden auch sie von vorne anfangen …

Gibt es andere Schriftsteller, die Sie mögen?

Ich liebe Hilary Mantels Bücher über Cromwell. Ich liebe den norwegischen Autor Alex Sandemose, Philip Roth, Graham Greene, Ali Smith, Siri Hustvedt.
Es gibt ein Buch, das immer auf meinem Nachttisch liegt, und das ich vielleicht nie zu Ende lesen werde. Es ist Saul Bellows Herzog. Jedes Mal, wenn ich es zu lesen beginne, denke ich, dass es wohl das beste jemals geschriebene Buch ist, und kann es nicht weiterlesen. Was, wenn ich niemals etwas Besseres finde? Und so lege ich es wieder auf den Nachttisch.

In welcher Sprache fällt Ihnen das Schreiben leichter, Englisch oder Schwedisch?

Ich habe Schweden verlassen, als ich zwanzig Jahre alt war. Mein Schwedisch ist also immer noch das einer jungen Erwachsenen in den 1990ern. Ich habe lange gebraucht, um auf Englisch schreiben zu können, aber mittlerweile fällt es mir leichter als auf Schwedisch. Ich mache immer noch viele grammatikalische Fehler und merke oft, dass bestimmte schwedische Ausdrücke sich nur schwer übersetzen lassen. Manchmal benutze ich sie dennoch oder übersetze sie stümperhaft, weil sie eine bestimmte Denkweise demonstrieren oder eine bestimmte Weisheit vermitteln.
Ich fixiere mich oft auf Wörter und gebrauche sie inflationär – aber das liegt daran, dass ich obsessiv bin, und nicht daran, dass ich in einer Fremdsprache schreibe. Die erste Version von Schwarzer Winter beinhaltete mehrere Hundert "Türen" und mehrere Hundert "Augen".
Seit der Geburt meiner Töchter spreche ich wieder wesentlich mehr Schwedisch, da ich mit ihnen in meiner Muttersprache rede. Früher habe ich je nach Thema in unterschiedlichen Sprachen gedacht, nun ist mein Geist wieder vollständig schwedisch. Ich habe ein wenig Angst davor, was das für mein Schreiben bedeuten könnte.
Ich schreibe langsam. Ich brauche ein Wörterbuch und einen Thesaurus. Ich brauche andere Leute, die Korrektur lesen.

Ist es eine große Herausforderung, über ein Land zu schreiben, in dem Sie nicht mehr leben?

Schwarzer Winter ist nicht der Versuch, etwas über Schweden zu schreiben. Es ist der Versuch, etwas über mich selbst zu schreiben.

Schreiben Sie über Dinge, die Sie kennen?

Ja und nein. Ich denke, es ist einfacher, tiefe Einblicke in etwas zu gewinnen, mit dem man sich auskennt. Man muss auch nicht so viel recherchieren, aber letztendlich muss man vor allem wissen, worüber man schreiben möchte.
Für mich war es wichtig, jeden Tag zu schreiben ("ohne Hoffnung, ohne Verzweiflung"). So kann man in seinem Schreiben leben und seinen Kopf darin festhalten.

Wird Ihr nächstes Buch von denselben Figuren handeln?

Nein, ich denke, wir müssen sie an diesem Punkt verlassen.
Ich würde selbst sehr gerne wissen, was mit dem Pfarrer passiert – ich glaube, ihm ist Großes vorbestimmt. Frederika, Fearless und Maija nähern sich am Ende von Schwarzer Winter alle den Geistern – das könnte problematisch für sie werden.
Ich denke aber, dass ein zweiter Roman dem ersten zu ähnlich werden würde.

Würden Sie es in Betracht ziehen ein Buch zu schreiben, das keinen Bezug zu Schweden hat?

Ja. Ich habe mein halbes Leben im Ausland verbracht und fühle mich in einer Vielzahl von Kulturen zuhause. Im Moment aber habe ich schreckliches Heimweh nach Schweden, daher wird das wohl eine Weile dauern.

Haben Sie einen skandinavischen Lieblingsautor?

Ich habe das Werk einiger schwedischer Denker gelesen: Ylva Eggehorn, Olof Wikström, Thomas Sjödin.
Wenn es um Romane geht, mag ich unter den übersetzten besonders die finnische Schriftstellerin Sofi Oksanen und den Schweden Torgny Lindgren. Ich liebe die schwedische Krimiautorin Åsa Larsson und die frühen Bücher von Henning Mankell und Jo Nesbø.

 

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