Verlagsgruppe Droemer Knaur



Mechtild Borrmann über "Die andere Hälfte der Hoffnung"

Die Autorin spricht über die Hintergründe ihres neuen Romans

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Was ist Ihre Motivation beim Schreiben (dieser Mischung aus Spannung und Zeitgeschehen)?
Ich lese gerne gute Spannungsliteratur und interessiere mich für Geschichte und aktuelles Zeitgeschehen. Ich mag es, ein Thema intensiv zu recherchieren, in einer spannenden Rahmenhandlung zu erzählen und eine Perspektive zu wählen, die einen anderen Blick auf die Ereignisse erlaubt. Wenn ich mich mit Einzelschicksalen beschäftige, wird nüchternes Geschichtswissen für mich lebendig und ich hoffe, dass es dem Leser ebenso geht.
Wie wählen Sie ihre Stoffe aus?
Das mit dem „wählen“ ist so eine Sache. Ich habe eher den Eindruck, dass die Stoffe sich immer aus dem Buch davor ergeben. In „Wer das Schweigen bricht“ habe ich mich mit der NS-Zeit beschäftigt und bin bei meinen Recherchen zu einem russischen Kriegsgefangenen auf die Stalinzeit gestoßen. In „Der Geiger“ habe ich mich mit der Sowjetunion und deren Ende beschäftigt. Der Reaktorunfall in Tschernobyl war der Anfang vom Ende der Sowjetunion.
Worum geht es in „Die andere Hälfte der Hoffnung“?
Valentina ist eine Frau, die zum Zeitpunkt der Havarie mit ihrer Familie in Pripjat gelebt hat. Sie kehrt 2010, nachdem ihre Tochter seit über einem Jahr vermisst wird, in das Sperrgebiet zurück. Während des einbrechenden Winters und schreibt ihre Lebensgeschichte für die Tochter auf. Im Schreiben fühlt sie sich ihrer Tochter nah und zugleich wird es immer mehr zu einem ungeschönten Blick auf immer wiederkehrende Lebenslügen.
Oberleutnant Kiyan gehört zu einer Sondereinheit der Miliz die sich mit Menschenhandel beschäftigt. Innerhalb der Miliz ist Korruption und Machtmissbrauch an der Tagesordnung. Erst als er suspendiert wird und die Spur der Ekatarina und ihrer Freundin Jelena auf eigene Faust bis nach Deutschland verfolgt, zeigt sich das ungeheuerliche Geflecht aus korrupten Milizionären und organisiertem Menschenhandel.
Und dann gibt es eine junge Ukrainerin, die kurz vor der holländischen Grenze fliehen kann und auf dem abgelegenen Bauernhof des Matthias Lessmann am Niederrhein Zuflucht findet. Lessmann genießt die Anwesenheit des Mädchens, betrachtet sie wie eine Tochter. Als ihr Zuhälter sie zurückholen will, tötet Lessmann den Mann. Er ahnt lange nicht, dass sie seinen Hof nicht zufällig ausgesucht hat.
Wie haben Sie für „Die andere Hälfte der Hoffnung“ recherchiert?
Im ersten Schritt habe ich viel gelesen und anschießend Kiew und das Sperrgebiet bereist, mit Menschen gesprochen, die zum Zeitpunkt des Unglücks in der heutigen Sperrzone gelebt haben, mit Liquidatoren und anderen Zeitzeugen. Ich habe mir die Trabantenstadt Troieschina bei Kiew angesehen, wo bis heute viele der damals evakuierten Menschen und viele Liquidatoren leben. Troieschina hat bis heute die zweithöchste Kriminalitätsrate in der Ukraine und die höchste Selbstmordrate. In der Sperrzone habe ich die verlassene Stadt Pripjat, Tschernobyl Stadt und den Sarkophag besucht und mit Samosjoli (Rückkehrer) gesprochen, die in der Sperrzone leben. Weitere wertvolle Informationen habe ich im „Tschernobyl Museum“ in Kiew gefunden.
Warum diesmal gerade Tschernobyl?
Der eine Grund ist sicher, weil ich finde, dass dieses Unglück nicht in Vergessenheit geraten darf und weil das tatsächliche Ausmaß dieser Katastrophe bis heute heruntergespielt wird. Die IAEA spricht immer noch davon, dass dem Unglück nur 56 Tote zuzurechnen sind. Fern ab der nachlesbaren Fakten und der politische Dimension interessieren mich aber die Menschen und Schicksale der direkt Betroffenen. Aus dem Blickwinkel dieser Menschen werden geschichtliche Ereignisse erlebbar.

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