Verlagsgruppe Droemer Knaur

So liest man heute.

Latifa Nabizada: "Greif nach den Sternen, Schwester!"

Einleitung

Afghanistan ist mein Schicksal – die Geschichte einer starken Frau

Den Schwestern Latifa und Lailuma gelang, wovon die meisten Frauen in Afghanistan nur träumen können: Sie wurden Pilotinnen beim afghanischen Militär und durchbrachen damit die traditionelle Geschlechtertrennung der patriarchalischen Gesellschaft Afghanistans. Bewegend erzählt Latifa Nabizada in Greif nach den Sternen, Schwester von ihrem außergewöhnlichen Leben und gewährt dem Leser ungeahnte Einblicke in ein zerrissenes Land.

Frauen haben in Afghanistan möglichst unsichtbar zu sein. Ein verbreitetes afghanisches Sprichwort lautet: "Der Platz der Frau ist entweder das Haus ihres Mannes oder ihr Grab." Bis heute hat sich an der Stellung der Frau innerhalb der Familie wenig geändert. Der Mann ist das unantastbare Oberhaupt der Familie, die Frau, die für Kinder und Haushalt zuständig ist, hat zu schweigen und ist in der Öffentlichkeit möglichst unsichtbar.

"Die ideale Ehefrau in Afghanistan muss jung sein, am besten noch Teenager. Sie hat keinen Beruf erlernt und ihr Elternhaus nie verlassen. Eine gute Ausbildung ist in den Augen der Öffentlichkeit kein Pluspunkt, sondern eher ein Argument gegen die Frau, von der man nichts weiter erwartet, als dass sie folgsam ist und ihrem Gemahl viele Kinder gebärt."

Zwangsheirat, Unterdrückung und Gewalt gehören zum Alltag vieler Frauen in dieser patriarchalisch geprägten Gesellschaft. Häufig werden Frauen wie Leibeigene behandelt und sind den Männern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, denn Entscheidungen über das Leben der Frauen hängen weitgehend vom Willen der Väter oder Ehemänner ab. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass fast 90 Prozent aller afghanischen Frauen im Alltag körperliche oder seelische Gewalt erleben.

Doch es gab und gibt auch Lichtblicke in diesem archaischen und vom Krieg zerrütteten Land. Immer wieder eroberten sich Frauen kleine, zerbrechliche Freiräume und brachen in Männerdomänen ein, wie die Erinnerungen von Latifa Nabizada auf eindrucksvolle Weise schildern. Latifa und ihrer Schwester Lailuma gelang es, sich subtil der Männerherrschaft zu widersetzen und sich ihren Kindheitswunsch, Pilotinnen zu werden, zu erfüllen.

Die 1971 geborene Latifa hatte das Glück, einen weltoffenen, gebildeten Vater zu haben, der seinen Töchtern eine Ausbildung ermöglichte. Während ihre Mutter, die nie eine Schule besucht hatte, als typisch afghanische Ehefrau das öffentliche Leben ganz ihrem Mann überließ und die Welt außerhalb der eigenen Gartenmauern kaum kannte, stammte der Vater aus einer gebildeten Familie und schickte seine Kinder zur Schule. Später ermutigte er seine jüngeren Töchter zum Studium.

Nabizada_Bild1

Seit ihrer Kindheit war Latifa von der Vorstellung des Fliegens fasziniert und wünschte sich, Pilotin zu werden, auch wenn die Vorstellung einer Frau im Cockpit in der afghanischen Kultur eigentlich völlig abwegig war. Doch die ehrgeizige Latifa wurde bei ihrem Wunsch von ihrem Vater unterstützt und profitierte von den liberalen und modernen Vorstellungen der sowjetischen Besatzungsmacht in den 1980er-Jahren, die auch Frauen als Nachwuchs im Militär anwarben. Die Schwestern wurden dank ihrer Hartnäckigkeit und trotz vieler Widerstände zum Studium auf der Air-Force-Hochschule in Kabul aufgenommen und zu Hubschrauberpilotinnen des afghanischen Militärs ausgebildet. Sie waren die ersten Frauen, die in Afghanistan den Pilotenschein machten.

"Ich roch das Kerosin, spürte den Fahrtwind in meinem Gesicht und war glücklich: Genau dieses Gefühl war es, nach dem ich mich mein Leben lang gesehnt hatte. Das Gefühl von Abenteuer, das Gefühl unbegrenzter Freiheit. (...) Unser erster Flug hatte nur etwa zehn Minuten gedauert. Trotzdem hatte er unser Leben verändert. Danach waren meine Schwester und ich nicht mehr dieselben Menschen wie vorher: Wir waren Pilotinnen!"

Als junge Fliegerinnen erlebten Latifa und Lailuma den Abzug der Sowjets aus Afghanistan und kämpften im Helikopter gegen den Vormarsch der Mudschaheddin. Mit der Machtübernahme der Taliban mussten sie ihren Beruf aufgeben und sich verstecken, da sie mit dem Tod bedroht wurden. Schließlich flohen sie nach Pakistan, um ein Jahr später versteckt unter der Burka zurückzukehren. Nach dem Sturz der Taliban und dem Einmarsch westlicher Truppen konnten sie wieder als Pilotinnen arbeiten, doch dann erwiesen sich Heirat und Mutterschaft als gefährlichste aller Prüfungen.

"Die Geburt eines Kindes ist für afghanische Frauen immer noch ziemlich risikoreich ... Jede achte Frau stirbt bei der Geburt."

Nabizada_Bild2Als ihre Schwester Lailuma bei der Geburt ihres Kindes starb, musste Latifa nicht nur diesen Verlust verwinden. Sie stand vor der Frage, wie sie es schaffen sollte, gleichzeitig junge Mutter, Ehefrau - und Pilotin zu sein. Latifa sah sich gezwungen, zu ungewöhnlichen Lösungen zu greifen, wo andere aufgeben würden: Als sie keine Betreuung für ihre kleine Tochter fand, nahm sie das Baby kurzerhand in einem selbstgebastelten Sitz mit zu Transportflügen in den Hubschrauber. Bei zahlreichen Einsätzen für die ISAF-Truppen hatte sie erst den Säugling, dann aber ein kleines Mädchen bei sich und zeigte ihm von oben das Land, das sie liebt.

Latifa setzte es sich zur Aufgabe, die Bedingungen für die Frauen in ihrem Land zu verbessern. Sie arbeitete für das afghanische Verteidigungsministerium als Leiterin der Abteilung "Human Rights and Gender Politics".

"Innerhalb der Familien hatte sich durch den Sturz der Taliban an der Stellung der Frau nichts verändert. Der Mann war weiterhin das unantastbare Oberhaupt der Familie, eine Frau hatte nichts zu sagen."

Doch Latifas Engagement ist nicht unumstritten. Unter Todesdrohungen lebt sie heute in Kabul und setzt sich auf ihre Weise für die Zukunft der Frauen in ihrem Land ein. Denn eines hat ihr das Leben nicht nehmen können: ihren Mut.

 

Alexandra Plath für www.droemer-knaur.de

↑ nach oben