Verlagsgruppe Droemer Knaur



Mechtild Borrmann hat die andere Hälfte der Hoffnung gesucht

Einleitung

Auf Recherchereise zu ihrem Roman "Die andere Hälfte der Hoffnung" besuchte die Autorin die Ukraine - ein Bericht!

Die Idee, einen Roman über Tschernobyl und die Auswirkungen des Reaktorunglücks bis in die Gegenwart zu schreiben, entstand im Frühjahr 2011, als im März  – ausgelöst durch ein Erdbeben - ein Tsunami die japanische Nordostküste verwüstete. Die Meldung von dem havarierten Kernkraftwerk folgte einige Stunden später. In den nächsten zwei Tagen wurde das Gebiet rund um die Reaktoren evakuiert. Erst in einem Radius von zwei Kilometer, dann drei Kilometer, dann zehn und schließlich betrug der Radius 20 Kilometer.
Was würde aus diesen Menschen werden?
Aus dieser Frage ergab sich ganz selbstverständlich eine andere. Was ist aus den Menschen geworden, die 1986 rund um Tschernobyl evakuiert worden waren? Und was aus all den Menschen aus der gesamten Sowjetunion, die nach dem Unglück als sogenannte Liquidatoren im Sperrgebiet eingesetzt worden waren?
 
Ich recherchierte zunächst im Internet, las Publikationen zum Thema und entdeckte bald, dass es wenig über die Schicksale der betroffenen Menschen gab. Viele sind inzwischen gestorben, andere leiden bis heute an den Folgeschäden der Strahlenbelastung, der sie vor Ort ausgesetzt waren. Da die Menschen aus der gesamten Sowjetunion damals zu diesen „Aufräumarbeiten“ herangezogen wurden und später in ihre Heimatländer zurückkehrten, gibt es keine verlässlichen Zahlen über die tatsächlichen Opfer. Die IAEA (International Atomic Energie Agency) spricht bis heute von lediglich 57 Toten. Das sind die Menschen, die unmittelbar an den Folgen der Strahlung starben, oder anders formuliert, die, die man nicht leugnen kann. 
Aber was war aus den Menschen geworden, die in der Stadt Pripjat, in der Stadt Tschernobyl und in den Dörfern gelebt hatten, die heute Sperrgebiet sind?
Das Thema ging mir nicht mehr aus dem Kopf, und 2013 entschied ich mich, in die Ukraine zu reisen und dieser Frage nachzugehen.

Die Suche nach den Menschen aus dem "Sperrgebiet"

Gemeinsam mit der Dolmetscherin Iryna Kyrychuk besuchte ich Trojeschtschina, eine Trabantenstadt am Rand von Kiew. Viele der Menschen, die vor dem Unglück in der heutigen Sperrzone zuhause waren (die Ukrainer nennen dieses Gebiet „Entfremdungszone“), leben hier. Der typische Anblick in der Trabantenstadt TrojeschtschinaTrojeschtschina liegt auf der anderen Seite des Flusses Dnepr, und so fuhren wir zunächst mit der Metro und dann mit einem Bus. Ich lernte, dass nicht alle Busse, die auf dem Fahrplan angekündigt wurden, auch fuhren. Somit brauchten wir für die etwa 10 Kilometer fast eine Stunde. Keine große Sache, aber als wir mit den Menschen vor Ort sprachen, wurde uns klar, was dieser Umstand für diejenigen bedeutet, die einer Arbeit in der Stadt nachgehen. „Manchmal brauchen wir für den Hin- und Rückweg bis zu vier Stunden“, wurde uns gesagt.
Trojeschtschina ist von einer bedrückenden Tristess. Die Wohnsilos verfallen, oft gibt es tagelang keinen Strom, im Winter fallen regelmäßig die Heizungen aus, und oft dauert es Wochen, bis sie wieder repariert werden.
Wir trafen uns mit Bewohnerinnen in einer Sozialstation, die von einigen Frauen ehrenamtlich betrieben wird. Sie hatten in Pripjat oder in den Dörfern der Entfremdungszone gelebt, als es 1986 zur Katastrophe kam. Sie erzählten von ihrem Leben „davor“ und „danach“, von der Ungewissheit, den Beschwichtigungen, den Lügen und was dieser Gau bis heute für ihr Leben bedeutet. In allen Familien gibt es Krankheitsbilder, die mit erhöhter Strahlenbelastung in Verbindung zu bringen sind - ein direkter Zusammenhang wird jedoch geleugnet. Die Menschen haben ein Recht auf Arztbesuche, aber Therapien und Medikamente müssen sie selber bezahlen, und das übersteigt ihre finanziellen Möglichkeiten.

Zwei Tage später trafen wir uns in Kiew in einem Cafe mit einer Krankenhausangestellten, die 1986 im Krankenhaus von Pripjat gearbeitet hatte und später Mitarbeiterin im Krankenhaus Tschernobyl Stadt war. Mehrmals hatte sie Dokumente, die sie zur Verschwiegenheit verpflichteten, unterschreiben müssen -  und sich all die Jahre daran gehalten. Selbst als sich in den neunziger Jahren die politischen Vorzeichen in der Ukraine änderten. Doch jetzt berichtete sie detailliert über die Ereignisse innerhalb des Krankenhauses rund um den 26. April 1986 und den Tagen und Wochen danach. Selbst 25 Jahre danach war, in der Art wie sie erzählte, die damalige Hilflosigkeit herauszuhören.

Ein Mahnmal in Tschernobyl-Stadt: der Engel steht auf einem Untergrund von Orten, die es nicht mehr gibtZwischen den Wohnsilos von Trojeschtschina ist inzwischen eine kleine Parkanlage entstanden. Eine Skulptur am Eingang symbolisiert, wie sich der Mensch über die Erde erhebt. Dahinter findet sich eine Backsteinmauer, in die Bildplatten der vergrabenen oder unbewohnbaren Dörfer und Orte eingearbeitet wurden.

Am nächsten Tag fuhren wir in die „Entfremdungszone“. Man kann das Sperrgebiet heute mit einer Genehmigung besichtigen. Es gibt Reiseveranstalter, die einen Besuch des havarierten Reaktors anbieten, und inzwischen fahren fast täglich Busse mit Touristen aus aller Welt auf festgelegten Routen durch diese Zone.
Ein Fernsehteam aus Tokio und zwei Journalisten aus London waren gleichzeitig mit mir vor Ort. Es fand sich eine Reiseleiterin, die uns anbot, uns das Gebiet abseits der Touristenwege zu zeigen. Außerdem vermittelte sie uns eine Begegnung mit sogenannten „Samosjoli“, den Menschen, die inzwischen wieder in der Sperrzone leben. Die Ukraine duldet solche Rückkehrer seit einigen Jahren – vorausgesetzt, die Person, die in die Entfremdungszone zurückkehren will, ist über 50 Jahre alt.

Wir passierten die „Grenze“ bei Tschernobyl-Stadt. Ich hatte ausgiebige Kontrollen erwartet, doch der Grenzübertritt verlief völlig unspektakulär. Unsere Reiseführerin stieg aus, wechselte ein paar freundliche Worte und wies ein Papier vor, auf das wir uns zuvor eingetragen hatten. Dann konnten wir passieren.
In der Stadt Tschernobyl leben die etwa 200 Mitarbeiter des Kernkraftwerks. Bis 2000 waren Block 2 und 3 noch in Betrieb. Heute kümmern sich die Arbeiter um die Wartung und Kontrolle des Kernkraftwerks und um den Sarkophag, der Block 4 abdeckt, inzwischen aber überall Risse aufweist. Die Menschen arbeiten im 14-Tage Rhythmus ( 2 Wochen vor Ort/ 2 Wochen frei). Die Arbeit ist sehr gut bezahlt und sehr begehrt.

Wir fuhren durch Waldgebiete und wild bewachsene Felder, auf denen zwischen jungen Bäumen allerlei blühte. Eine trügerische Idylle.
Ab und an hielten wir, kämpften uns auf bewachsenen Wegen ein Stück in die wilde Landschaft hinein und kamen schließlich an Hügel, unter denen ganze Dörfer begraben liegen. Manchmal konnte man noch ein einzelnes Haus sehen, das abseits des Dorfkerns gelegen und in der Eile vergessen worden war.
Andere Orte waren nicht vergraben worden, aber die Natur brach durch Dächer und Mauerwerk und eroberte sich auch diese Orte zurück.  

Die Natur sucht sich ihren Weg zurück zur Idylle

Anschließend besuchten wir Pripjat, die damalige Musterstadt. Der Himmel war bedeckt und über allem lag eine Stille, die ich kaum beschreiben kann. Vereinzelt hörte man einen Vogel, das Summen eines Insekts oder das Rascheln, wenn einer von uns auf trockenes Laub trat. Aber keines der Geräusche schien zu tragen, alles schien ohne Hall.
Auch hier eroberte die Natur die Stadt. Bäume wachsen auf Dächern, aus Fenstern, und Birken haben die Straßen aufgebrochen und den Beton gesprengt.
Im Innern der Gebäude war alles geplündert, was sich irgendwie zu Geld machen ließ, und auch heute noch fahren LKWs nachts in das Gebiet und holen die letzten Heizkörper, Rohre und andere Metalle heraus, um sie zu verkaufen.
Wir besahen uns das Hotel, das Kino und den Palast der Kultur von innen. Das Riesenrad im Vergnügungspark von Pripjat - ein Symbol vergangener ZeitenDanach gingen wir über den legendären Rummelplatz, mit Riesenrad und Autoscooter, der zum ersten Mai eröffnet werden sollte. Die Kunststoffgondeln des Riesenrads hängen leuchtend im Himmel. Der Rost nagt an den Gestängen und Halterungen, aber diese Gondeln trotzen in leuchtendem Gelb jedem Verfall.
Anschließend besuchten wir einen kleinen Ort, in dem ein Ehepaar und eine alte Frau lebten. Das Ehepaar war schon Ende der neunziger Jahre hierher zurückgekehrt. Sie bewirtschafteten einen großen Garten und wiesen fast trotzig darauf hin, dass sie fast alles selbst anbauten, dass das Wasser aus dem Brunnen gut schmecken würde, deutlich besser als das Wasser, das sie im Hochhaus in Trojeschtschina getrunken hatten. Voller Stolz zeigten sie uns ihre Kuh und den großen Gemüsegarten, in dem sie Gemüsesorten in akkuraten Pflanzreihen angelegt hatten. Sie waren Bauern und hatten es in den Wohnsilos, in die sie evakuiert worden waren, nicht mehr ausgehalten. Eine Tochter und zwei Söhne lebten noch dort, kamen sie aber nicht besuchen. Dafür versorgten sie sie mit allem, was sie nicht anbauen konnten. Alle paar Wochen kam einer der Mitarbeiter des AKWs und überbrachte ihnen von ihren Kindern eine Tasche mit Salz, Zucker, Mehl und Petroleum. Seit sie hierher zurückgekehrt waren, hatte keiner der beiden das Gebiet je mehr verlassen.
Die alleinstehende Frau, die in einem Nachbarhaus lebte, war krank, konnte kaum gehen, wurde aber von ihren Nachbarn mitversorgt. Ihre größte Sorge war ihre Beerdigung. Dass kein Priester herkommen würde und sie ohne den Segen der Kirche gehen würde.

Am Abend, auf dem Weg zurück, aßen wir in Tschernobyl-Stadt in einer Kantine, in der auch die AKW-Mitarbeiter aßen. Man versicherte uns immer wieder, dass alle Lebensmittel von außerhalb geliefert würden.
Bevor wir die Zone wieder verlassen konnten, mussten wir einzeln durch eine Schleuse gehen, die unsere Strahlenbelastung messen sollte. Die Vorrichtung war sicher noch aus den achtziger Jahren. Beim Betreten leuchtete ein rotes Lämpchen, das dann auf grün umsprang und den Weg frei gab. Unsere Reiseleiterin erklärte, dass sie noch nie davon gehört habe, dass es rot geblieben wäre.
Zurück im Hotel hieß es dann, heiß duschen, den Körper gut abschrubben und die Kleidung, die man in der Sperrzone getragen hatte, in einen Plastiksack stecken und entsorgen.

Spuren, die sich nicht mit einer heißen Dusche abwaschen lassen

Am nächsten Tag besuchten wir das Tschernobyl Museum in Kiew, das auf Initiative ehemaliger Liquidatoren entstanden ist und den Verlust der Heimat und den Tod so vieler Liquidatoren dokumentiert.
Ortseingangsschilder aller Orte, die vergraben worden waren oder unbewohnbar sind, schweben über dem Kopf des Besuchers, wenn er die Treppe zum Museum hinaufgeht. Das Museum zeigt Bilder von den Einsätzen der Liquidatoren und der Evakuierung, aber vor allem dokumentiert es das Leben der Menschen vor dem Unglück. Fotos, Dokumente, Zeitungsmeldungen, Stickereien, die in bestimmten Gebieten Tradition hatten, sind zu sehen und immer wieder Fotos junger Männer, die mit einem Radioaktiv-Zeichen beklebt wurden – als Zeichen dafür, dass sie bereits gestorben sind. Fotos der Männer, die aufgrund von radioaktiver Strahlung gestorben sindViele von ihnen sind nicht einmal vierzig Jahre alt geworden, und die Namen und Fotos derjenigen, die hier im Museum erfasst sind, stellen nur einen Bruchteil der Männer dar, die nach dem Gau in der Sperrzone eingesetzt wurden.
Wenn man das Museum wieder verlässt und die Treppe hinuntergeht, blickt man wieder auf die Ortseingangsschilder. Jetzt aber sind sie schwarz und die weiße Schrift ist mit rot durchgestrichen. Der Weg hinunter zum Ausgang erscheint einem ungleich länger.

In diesen Sommertagen 2013 zeichnete sich in Kiew noch nicht ab, was dann drei Monate später seinen Anfang nahm. Was aber bereits im Juni überall zu hören war, war die Klage über die Chancenlosigkeit - auf den Ämtern, in der Universität, bei der Polizei, auf der Suche nach einem Zimmer oder einem Job -, wenn man seiner Bitte oder Frage nicht mit einem „Geldgeschenk“ Nachdruck verleihen konnte.
Im August 2014 bin ich noch einmal in Kiew gewesen. Der Maidan war teilweise geräumt, aber es hielten sich immer noch viele Menschen in den Zelten auf. Im September 2013 waren es zu Anfang vor allem die jungen Ukrainer/innen, die protestierten. Sie forderten ein Ende der Korruption. Heute stellen sie ernüchtert fest, dass ihr Land zum Spielball zwischen Ost und West geworden ist und die nächsten Jahre für sie nicht leichter werden.
 

 

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