Verlagsgruppe Droemer Knaur

So liest man heute.

Thomas Raab: Still - Chronik eines Mörders

Einleitung

"Hören – das klügere Auge, das vieles deutlicher beschreibt, das überhaupt erst dort, wo der Blick alles zudeckt, ein Wahrnehmen schenkt."

Mit Still. Chronik eines Mörders schlägt der österreichische Bestsellerautor Thomas Raab literarisch ein neues Kapitel auf. Nach sechs Kriminalromanen um den Restaurator Willibald Adrian Metzger besticht die faszinierende Fallstudie Still durch einen neuen Ton, eine sehr literarische Sprache und eine beklemmende Figur. Karl Heidemann sehnt sich nach Liebe und bringt den Tod: Die Geschichte eines Mannes, der - getrieben von den Qualen des Lärms - zum Mörder wird.


Am 6. Dezember des Jahres 1982 durchschneidet ein Schrei die Stille des kleinen Dorfes Jettenbrunn: Karl Heidemann kommt auf die Welt.
 
"Ohrenbetäubend war der Lärm, den dieses kleine Wesen schon in den ersten Stunden seiner Existenz hervorzubringen imstande war ... Karl schrie. Und schrie. Und schrie. Keine mütterliche Liebkosung, kein inniger Gesang, kein Anlegen der Brust vermochten ihn zu trösten. Alles von ihm zum Ausdruck Gebrachte war Verschmähung."
 
Karl wird mit einem Makel geboren: Er verfügt über ein unfassbar sensibles und übernatürlich feines Gehör, das die Welt für ihn nahezu unerträglich macht. Jedes Geräusch, jeder Flügelschlag eines Schmetterlings wird ihm zur unerträglichen Qual.
 
"Von solch feiner, unausnehmbarer Empfindlichkeit war Karl Heidemanns Gehör, wie es in keinem Buch der Rekorde, keinem medizinischen Sammelsurium menschlicher Mutationen nachzuschlagen ist. Er hörte den Flügelschlag eines Schmetterlings, das Rauschen der Wipfel des weit entfernt gelegenen Waldes, hörte eine Blindschleiche durchs Gras gleite, er hörte den Atem und das Pulsieren des Blutes ..."
 
Für Karl besteht die Welt aus reinem Lärm. Ein immerwährendes Dröhnen und Hämmern herrscht in seinem Kopf. Das Schreien ist nur Ausdruck seines Leidens und Martyriums. Seine zudringliche Mutter hört es, aber versteht es nicht. Niemand versteht es. Einzig der schalldichte Keller scheint ihm Ruhe zu bringen. So wächst Karl heran: isoliert, schweigsam, ungeliebt und in einem dauerhaften Zustand des Missverständnisses. Bis zu jenem unheilvollen Nachmittag an den Ufern des Jettenbrunner Weihers, als Karl dem Tod begegnet. In der erlösenden Stille des Todes erkennt er ein Geschenk voll Schönheit und Frieden, das ihm einen noch nie da gewesenen Zustand innerer Ruhe beschert.
 
"Unbeschreiblich der Zustand in Karl Heidemanns Innerem. Als hätte ihn kurz etwas umarmt, um wieder zu verschwinden und nichts zurückzulassen außer Beglückung, Dankbarkeit."
 
Die Stille des Todes erfüllt Karl mit reinem Glück und großer Liebe. So beginnt er, sich auf mannigfaltige Weise dem Tod zu widmen. Er verlässt seinen Keller und erkundet seine Umgebung. Erst zieht er durch das Dorf und die Wälder, dann in die Welt hinaus – in seinem Schlepptau der Tod. Durch sein sensibles Gehör hat er gelernt, sich lautlos wie ein Raubtier seinen Opfern zu nähern, nach Belieben das Geschenk des Todes zu bringen. Bald wählt er seine Opfer bewusster aus, angespornt von seinem Drang, das Üble zu beseitigen. Karl ist im Auftrag seiner selbstgewählten Gerechtigkeit unterwegs und in seinen Gedanken findet sich nicht die geringste Spur des Bösen. Nur Wahnsinn.
 
"Wahnsinn, der den Menschen bis zum Äußersten zu treiben imstande ist, ihn abwärtskriechen lässt in einen Schlund, tiefer und tiefer. Ein Schlund ohne Ausgang, ohne Wiederkehr. Eine Strafe an Leib und Seele."
 
Entgegen allen Erwartungen bringt Karls Kreuzzug ihm keine Erfüllung und nicht den ersehnten Frieden. Er findet nicht, wonach er sich sehnt: Liebe. Bis er auf Marie trifft – ein Schatz aus Fleisch und Blut. Ein Schatz, der alles ändert.
 
"Finger, die seine umschlossen, wie selbstverständlich, sich ineinander verwoben, als wären die beiden Hände zwei Teilstücke eines Ganzen. Nur Fühlen, in den anderen hinein. Einigkeit ohne Erklärung, dankbar. Hände, die bald emporgestreckt Geschichten malten zwischen Himmel und Erde."

 

Ein aufwühlendes Leseerlebnis und eine virtuose literarische Komposition! Von der ersten Seite an dominieren ein ganz eigener Ton und eine faszinierend-beklemmende Atmosphäre, die den Leser bis zum Ende in ihren Bann ziehen. Mit Still steht Thomas Raab in der Tradition der großen österreichischen Autoren Robert Schneider, Christoph Ransmayr und Norbert Gstrein.

↑ nach oben