Verlagsgruppe Droemer Knaur



Harro Albrecht: Den Schmerz verstehen

Einleitung

Eine Einladung zum Umdenken

Der Arzt und Wissenschaftsjournalist Dr. Harro Albrecht hat ein ebenso spannendes wie erkenntnisreiches Buch über das Volksleiden Nummer eins geschrieben: den Schmerz. Um den Schmerz besser zu verstehen, beleuchtet er diese urmenschliche Erfahrung aus den unterschiedlichsten Perspektiven und fordert die Leser zum Umdenken auf. Ein wichtiges Buch, das uns hilft, das rätselhafte Räderwerk hinter dem Schmerz besser zu verstehen und unseren Umgang mit dem Schmerz zu hinterfragen.

"Der Schmerz ist die Grenzfläche, an der Psyche und Körper aufeinandertreffen. Er ist ein Phänomen, welches das ganze menschliche Leben umfasst. Er ist die Grundlage vieler Religionen und Motor der Kultur. Ohne Schmerz keine Kunst, keine Sprache und kein Denken. Damit führt das Nachdenken über diese unangenehme, oft belastende Empfindung weit über die Medizin hinaus."

Bis heute ist der Schmerz ein ungelöstes Rätsel und ein weitverbreitetes Symptom. Allein in Deutschland leiden über 16 Millionen Menschen unter andauernden oder wiederkehrenden Schmerzen. Rücken-, Knie- oder Kopfschmerzen gehören zu den häufigsten Gründen, weshalb Menschen den Arzt aufsuchen. Fast 70 Prozent der Frauen und mehr als 50 Prozent der Männer werden im Verlauf eines Jahres von Kopfschmerzen heimgesucht. Ähnlich verbreitet sind Rückenschmerzen, die rund 15 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage verursachen. Schmerzen sind demnach ein Massenphänomen unserer Gesellschaft. Das spiegelt sich auch im hohen Verbrauch von Schmerzmitteln und in der steigenden Zahl der Operationen an Gelenken und Wirbelkörpern wider. Doch Schmerzmittel haben mitunter schwere Nebenwirkungen und Operationen führen nicht immer zu den erhofften Ergebnissen. Offenbar verfehlen die herkömmlichen Strategien der Medizin im Kampf gegen den Schmerz häufig ihr Ziel und die Lösungsvorschläge der Pharmaindustrie und der Biomedizin erweisen sich als Sackgasse: weder verschaffen sie genügend Linderung, noch führen sie zu einem gesunden Umgang mit dem Schmerz. An ihre Stelle sind Neurobiologen, Psychologen und Soziologen getreten, die einen neuen Blick auf das Phänomen Schmerz erlauben.

Woran liegt es, dass der Schmerz heute trotz aller wissenschaftlichen Fortschritte das Volksleiden Nummer eins ist?, fragt der Mediziner und ZEIT-Journalist Harro Albrecht. Kenntnisreich beleuchtet er das Thema Schmerz aus den unterschiedlichsten Perspektiven und führt den Leser in zehn Kapiteln durch die Geschichte der Schmerzforschung und der Schmerztherapie. Albrecht erzählt vom langen Kampf gegen diese menschliche Urerfahrung, von Fortschritten, ­Fehlschlägen und ungelösten Fragen. Er spricht mit Medizinern ebenso wie mit Menschen, die den Schmerz als Lust 'genießen', mit Menschen, die ihren Schmerz erdulden und erleiden, mit Naturwissenschaftlern und mit Geisteswissenschaftlern, mit religiösen Menschen, mit Sportlern, mit Hoffnungsvollen und mit Verzweifelten. Ebenso spannend wie informativ geht Albrecht dem Wesen des Schmerzes auf den Grund und räumt mit dem Irrglauben auf, dass eine schmerzfreie Gesellschaft erstrebenswert sei. Schmerz, das belegen die Schicksale der Schmerzfreien, ist ein notwendiges Übel. Von Kindesbeinen an, warnt uns das unangenehme Gefühl effektiv vor Gefahren. Daher wird der Schmerz auch als "Lehrmeister des Menschen" bezeichnet.

Einen zentralen Stellenwert räumt Albrecht der Erkenntnis ein, dass Schmerz weit mehr ist als eine körperliche Empfindung. Die psychische Komponente ist ein wichtiger Bestandteil der Schmerzwahrnehmung und -verarbeitung. Albrecht legt dar, dass inzwischen belegt ist, dass das Schmerzempfinden und die Weiterleitung des Schmerzsignals abhängig sind von der psychischen Verfassung und den aktuellen Umständen des individuellen Patienten. Schmerz ist nicht nur ein körperliches Symptom, sondern ein biologisches, psychisches und soziales Phänomen.

Eingängig beleuchtet Albrecht in seinem Buch, dass Schmerz auch eine gesellschaftliche Dimension besitzt und von unserem Geist-Körper-Verhältnis ebenso erzählt wie von kulturellen Prägungen und religiösen Wertorientierungen. Albrechts Auffassung nach ist Linderung möglich, wenn wir bereit sind, das Thema nicht nur medizinisch-therapeutisch, sondern psychosozial zu denken. Er fordert ein Umdenken unserer Gesellschaft: Wir müssen lernen, anders mit Schmerzen umzugehen. Und wir müssen den Schmerz aus der Umklammerung der Medizin befreien.

"Ein erster Akt der Befreiung wäre es, sich nicht dem Dogma der Schmerzfreiheit um jeden Preis zu unterwerfen; so weit es geht, die Geschichte, die der Schmerz erzählen will, zu begreifen; ja, den Schmerz manchmal auszuhalten. Wenn Emotion und Empathie wichtige Faktoren in der Schmerzentstehung sind, dann haben wir es selbst in der Hand, gleichsam prophylaktisch jenseits der Medizin den Schmerz zu bändigen."

Harro Albrechts Schmerz ist ein unterhaltsam und informativ geschriebenes Buch über das Volksleiden Nummer eins, das nicht nur Schmerzgeplagten zu empfehlen ist. Die spannende Darstellung der gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Aspekte des Themas hilft uns, das Phänomen Schmerz besser zu verstehen und unseren Umgang mit dem Schmerz zu überdenken.

Alexandra Plath für www.droemer-knaur.de

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