Verlagsgruppe Droemer Knaur



Petra Busch über "Das Lächeln des Bösen"

»Ich bin ganz sicher, dass jeder zum Mörder werden kann – unter entsprechendem innerem Druck durch externe Faktoren. Kurz: Es ist normal, dass Normale zum Verbrecher werden.«

Lächeln_des_Bösen

Sie leben in einem eher beschaulichen Schwarzwaldort, im malerischen Meersburg sind Sie geboren - wie kommt man da auf die Ideen von so schrecklichen Verbrechen, wie Sie sich in Ihren Krimis finden?
Die Idylle trügt ;-) Und das, was mich fasziniert und worum es in meinen Romanen geht, gibt’s zwischen Dorfkneipe und Kuhstall genauso wie im Betonmoloch: innere Abgründe.

Ihre Krimis haben durchaus Lokalkolorit, aber sie verstehen sich eigentlich nicht als Regionalkrimis, oder? Warum lassen Sie Ihre Krimis so häufig in Südwest-Deutschland spielen? Über  Sie wird berichtet, dass Sie gerne Urlaub in Krisenregionen machen?

Ich schreibe gern über Rätselhaftes, die Schattenseiten der Menschen. Und jeder Roman braucht einen Handlungsort. Für meine drei Bücher um Hauptkommissar Ehrlinspiel und sein Team habe ich Freiburg und das dortige Umland gewählt, der neue Thriller, „Das Lächeln des Bösen“, spielt in einer (nicht genannten) Großstadt in Mitteldeutschland.
Freiburg deshalb, weil ich dort zwanzig Jahre gelebt habe. Ich kenne dort jedes Haus, jede Straße, jeden heimlichen und unheimlichen Winkel. Auch habe ich dort Uralt-Freunde bei der Kripo und in der Rechtsmedizin. Das alles sind ideale Grundlagen zum Recherchieren und authentischen Schreiben. Der Schwarzwald, Freiburg oder die mitteldeutsche Großstadt selbst sind nicht tragend für die Handlung. Es sind die Menschen und ihre Psyche, ihre Not und innere Verzweiflung, das, was sie antreibt, die meine Bücher prägen. Meine Geschichten könnten also genauso in Frankfurt, auf Sylt oder in Bayern spielen.
Urlaub in Krisenregionen? Ich bin unschuldig! Die Krisen sind immer dann ausgebrochen beziehungsweise Kriege wieder aufgeflammt, als ich gerade in das betreffenden Land – meist im Nahen Osten, Russland oder Afrika – eingereist war. Oder bin ich doch nicht unschuldig …? Nein, im Ernst: Es war nicht immer ein Vergnügen, dem zu entkommen. Und meine Urlaube der letzten Jahre beschränken sich aufs friedliche Europa und Balkonien.

Ihre Figuren haben häufig ihre Ecken und Kanten oder sogar einen Hang zur Spleenigkeit. Sind spleenige Menschen interessant oder warum zeichnen Sie Ihre Romanfiguren so?
Wirklich? Meine Figuren sind spleenig? Da muss ich lachen. Ich hoffe, dass es so ist. Aber mal andersherum: Wer liest denn 450 Seiten über Menschen ohne Ecken und Kanten, über Biedermänner und Alltagsfrauen, die tagein, tagaus durch Bürojob, Windelwechseln und Staubsaugen trotten, mit niemandem je in Streit geraten und schon ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn sie in der geschlossenen Ortschaft 52 Kilometer pro Stunde fahren? Als Leser – und auch als Autorin möchte man ja mitfiebern. Man, genauer: die Hauptfigur(en) hat ein Ziel, das sie antreibt, sie Hindernisse überwinden und am Ende (des Buches) gewinnen oder scheitern lässt. Das funktioniert nicht, wenn die Figur morgens gähnend ihren lauwarmen Kaffee schlürft, dann acht Stunden im Büro Daten eintippt und am Abend mit ’nem Bier vor dem Tagesschau einschläft.
Ganz persönlich habe ich eine große Schwäche für Außenseiter und Menschen, die „anders“ sind. Das können genauso erfolgreiche Menschen sein, die etwas verändern durch ihr Tun, wie gescheiterte Existenzen. Was sie antreibt, ist meist sehr ungewöhnlich. Und auf viele passt das Motto (ich weiß nicht, von wem es stammt): „Alle sagten, das geht nicht. Da kann einer, der wusste das nicht, und hat es gemacht.“
So ein richtiger Spleen kann Menschen übrigens sehr liebenswert machen – solange man sie nicht 24 Stunden am Tag um sich hat ;-) Auf jeden Fall aber sehr individuell.
 
Sie haben für ihren auch bei Knaur erschienenen Debütroman „Schweig still, mein Kind“ 2011 den Friedrich-Glauser-Preis erhalten. Was hat das in Ihrem Leben als Kriminalschriftstellerin verändert?

Ehrlich gesagt: nichts. Natürlich war – und ist es noch – Motivation und Bestätigung. Dennoch schreibe ich nicht anders oder lieber als vor dem Preis. Bei der Verleihung habe ich bereits am dritten Roman gearbeitet.

Auch im „Lächeln des Bösen“ liest man, wie in Ihren vorigen Kriminalromanen, unterschwellig mit, dass auch der „Normalmensch“ schnell zu Verbrechen fähig wird – ist das nicht eine ziemlich pessimistische Weltsicht?

Im Gegenteil. Wenn alle Mörder Zeit ihres Lebens schon böse oder gewalttätig gewesen wären, würde es in der Welt von der Spezies des Bösen wimmeln. Fast immer sind es Menschen wie Sie und ich, die durch extreme Belastungen, Notsituationen oder Provokationen zuschlagen, erpressen, töten … Jeder trägt Licht- und Schattenseiten in sich, und niemand ist vor zwischenmenschlichen Abgründen gefeit. Interessant ist ja letzten Endes, was einen Menschen zum Verbrecher oder Mörder werden lässt. Wann und warum man Grenzen des Gesetzes oder der Moral oder Religion überschreitet. Ich bin ganz sicher, dass jeder zum Mörder werden kann – unter entsprechendem innerem Druck durch externe Faktoren. Kurz: Es ist normal, dass Normale zum Verbrecher werden.

Parallel dazu gibt es mittlerweile zahlreiche Studien aus der Hirnforschung, die die Ursache „des Bösen“ als mögliche falsche Weichenstellung im Gehirn identifizieren. Tumore, Unfälle … Dass bestimmte verletzte Gehirnareale Menschen zu (Trieb)Tätern machen, ist längst belegt. Es gibt aber auch zunehmend Thesen, die bei einigen Menschen das Vorhandensein „des Bösen“ seit Geburt nahelegen. Grund seien fehlende oder entgleiste Gehirnfunktionen – vereinfacht gesagt. Was das für die Gesellschaft bedeuten würde, ist ein schwieriges und komplexes Thema. Schließt aber nicht aus, dass Sie oder ich oder der liebenswerte Nachbar mit den braven Rauhaardackel eines Nachts und bei silbrigem Mondlicht den Spaten tief in die Erde stoßen … ;)
 
Sie haben mit Kriminalgeschichten, Erzählungen begonnen, ist das ein empfehlenswerter Weg für eine Kriminalschriftstellerin oder lieben Sie einfach die „kleine Form“?

Habe ich das? Dann habe ich auch Alzheimer. Der Roman „Schweig still, mein Kind“ ist mein erstes Werk. Zwar habe ich davor eine Kurzgeschichte geschrieben, aber die ist erst viel später und überarbeitet in einer Anthologie erschienen.
Nichtsdestotrotz gibt’s inzwischen zahlreiche Kurzstorys von mir. Ich mag diese Form sehr. Sie wird leider oft unterschätzt. Denn man muss genauso wie beim Roman Figuren und eine stimmige Handlung entwickeln. Auch die kürzeste Geschichte braucht einen Anfang, Punkte, an denen die Handlung sich unerwartet wendet, sie braucht einen Konflikt, der sich zuspitzt und schließlich zum Höhepunkt und Showdown führt. Und natürlich muss in einem Schluss alles ausklingen.
Insofern ist die Kurzgeschichte sicherlich ein prima Weg, um auszuprobieren, zu experimentieren, sein Schreibtalent zu testen und zu schulen. Und manchmal wird ja tatsächlich ein Roman daraus.
 
Sie nehmen auf Ihrer Homepage den Leser richtig mit, in den Schreibprozess, in die Arbeit mit dem Verlag – warum machen Sie das, wollen Sie neue Autoren motivieren? Da ist das Zitat von Mark Twain besonders interessant, das Sie auf Ihrer Homepage zitieren:
„Es ist idiotisch, sieben oder acht Monate an einem Roman zu schreiben, wenn man in jedem Buchladen für zwei Dollar einen kaufen kann."

Recht oft fragen Leser oder Bekannte mich, wie denn das so funktioniert mit dem Schreiben. Viele denken, man setzt sich hin, tippt mal rasch 400 bis 500 Seiten, schickt das dann weg und hat einige Wochen später sein Buch in der Hand. Das Erstaunen ist umso größer, wenn ich erzähle, dass ich erst alles entwerfe: Figuren mit einer Biographie, einen Plot mit mehreren Handlungssträngen, die Atmosphäre, das Lebensumfeld der Figuren; dass ich dann ein Exposé schreibe und an den Verlag schicke, wir auf dieser Basis einen Vertrag machen: dass erst dann das Schreiben beginnt; ich parallel viel recherchiere; am Ende alles ins Lektorat und in die Redaktion gebe; währenddessen schon Umschlagtexte, Cover und Vorschau für den Buchhandel entstehen; dann noch die Druckfahnen korrigiert sein wollen und erst nach insgesamt rund einem bis eineinhalb Jahren mit viel Arbeit der Krimi oder Thriller im Regal der Buchhandlungen steht.
Mir macht es Spaß, mit den Lesern zu kommunizieren. Sie haben oft auch richtig gute Ideen, und die ein oder andere Figur im neuen Thriller trägt ihren Namen dank eines Leser-Brainstormings in sozialen Netzwerken.
Mark Twain sagt idiotisch dazu, ich nenne es verrückt: ein Buch zu schreiben statt mir eines für zehn Euro zu kaufen. Genauso verrückt wäre es für mich aber, nicht zu schreiben. Es erfüllt mich und macht mich glücklich.

Auf was dürfen sich die Leser als nächstes freuen?

Dieses Jahr wird es noch drei Kurzgeschichten geben. Zwei davon im Droemer Verlag, davon eine Weihnachten, die zweite ganz unweihnachtlich, aber länger – mit rund 30 Seiten. Auf die freue ich mich ganz besonders, weil in der besonderen Anthologie all meine preisgekrönten Verlagskollegen versammelt sind. Die dritte Story ist Teil einer Anthologie, die ich im KBV-Verlag selbst herausgebe und die im Herbst erscheint.
Und seit einigen Wochen bevölkern natürlich auch neue Romanfiguren meinen Kopf und die Festplatte des Rechners. Wie „Das Lächeln des Bösen“ wird der nächste Roman wieder ein Thriller werden.

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