Verlagsgruppe Droemer Knaur



Ben Berkeley im Interview zu "Haus der tausend Augen"

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Die NSA-Überwachung ist in aller Munde. Wie sind Sie zu dem Thema gekommen?

Edward Snowden, Glenn Greenwald, Laura Poitras und allen anderen, die darüber berichten, gebührt großer Respekt. Ohne sie wären wir ahnungslos. Mir geht es im »Haus der tausend Augen« aber weniger um die technischen Aspekte der Überwachung durch die Geheimdienste als um die Auswirkungen auf unser aller Leben. Der Thriller ist die Geschichte einer Familie, die in das Fadenkreuz der Geheimdienste gerät und die dadurch zerstört wird.

Was verstehen Sie unter »persönlichen Konsequenzen«?

Im »Haus der tausend Augen« bekommt Gary Golay zu spüren, wie gesammelte Daten genutzt und gezielt manipuliert werden können, um einen Menschen zu vernichten. Dabei ist die Überwachung von Telefongesprächen ja nichts Neues. Auch im Kalten Krieg wurden weit mehr Leitungen angezapft als gemeinhin angenommen. Neu ist jedoch das Speichern und automatische Verschlagworten - und das ist der eigentliche Skandal, dass die USA alles bis an unser Lebensende aufheben wird. Die Generation unserer Kinder wird kein Vergessen kennen. Alles über sie wird auf ewig gespeichert sein. Jede kleine Verfehlung, alle Jungendsünden, alle Partyfotos. Vielleicht verbaut so ein banales Ereignis jemand eine Zukunft als Richter oder jemand, der einmal einen Selbstmordversuch als Hilfeschrei unternahm, bekommt keine Lebensversicherung mehr. Ohne Vergessen gibt es keine Zukunft. Denken wir an unsere Kinder, wenn wir uns wieder einmal dabei ertappen, die Welt so hinzunehmen, wie sie geworden ist.

Ihrem Held, Gary Golay, und seiner Familie wird dabei wirklich nichts erspart. Realistisch?

Ich denke doch. Im »Haus der tausend Augen« stehen die USA kurz davor, die Rechte der Geheimdienste massiv einzuschränken. Gary Golay spielt dabei eine Schlüsselrolle. Und in der Geschichte hat noch jede mächtige Organisation alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel genutzt, um ihre Macht zu erhalten. Es ist ein Selbsterhaltungstrieb. Und ich glaube, es würde genau so oder so ähnlich ablaufen.

In Ihrem Buch spielt die amerikanische Politiklandschaft eine große Rolle. Sind Vorkenntnisse wie bei »House of Cards« oder »Homeland« vorteilhaft?

Da hatte ich einen Standortvorteil. Als deutsch-amerikanischer Autor, der bis zur ersten Klasse auf deutsch erzogen wurde, kenne ich sowohl die europäische als auch die amerikanische Sichtweise und konnte von Anfang an darauf Rücksicht nehmen. Die Leser werden etwas mehr von amerikanischer Politik verstehen – auch von der Zwickmühle, in der sich der Präsident befindet – der Rest ein ein sehr persönlich erzähltes Familiendrama und ein Thriller, was ja auch viel interessanter ist.

Ohne zu viel zu verraten: Sie propagieren eine Lösung für das Dilemma von Gefahr durch den Terror und dem Schutz der Bürgerrechte. Glauben Sie auch in der Realität an eine Lösung?

Das ist ehrlich gesagt die schwierigste Frage, die Sie mir stellen konnten. Ich würde es mir so sehr wünschen. Aber ich befürchte, dass es zu spät ist, dass sich die Geheimdienste wehren werden gegen den Machtverlust wie im »Haus der tausend Augen«. Dennoch möchte ich mich weigern, die Hoffnung aufzugeben. Wer ist dabei?

 

 

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