Verlagsgruppe Droemer Knaur



John Katzenbach: Der Psychiater

Einleitung

Rache – ein tödliches Spiel

John Katzenbach ist ein Meister psychologischer Spannung. Mit seinen zahlreichen Thrillern wie Die Anstalt, Der Patient oder Der Wolf hat sich der Amerikaner seinen Platz als Spitzenautor von Psychothrillern auf internationaler Ebene erobert. Sein jüngster Streich: Der Psychiater – eine packende Geschichte um einen ehemaligen Psychologiestudenten, der von Rache besessen ist.

Der US-Amerikaner John Katzenbach ist fasziniert von den psychologischen Hintergründen von Gewalt. Seine Thriller gewähren tiefe, manchmal schockierende Einblicke in die menschliche Psyche. Die Neigung zum Genre lässt sich auf seinen Familienhintergrund zurückführen: Der Autor ist Sohn einer Psychologin und eines Generalbundesanwalts und arbeitete lange als Gerichtsreporter in New Jersey und Miami, wo er einen Großteil seines profunden Wissens über Verbrechen und Strafverfolgung erwarb. Seit dieser Zeit interessiert ihn besonders die psychologische Analyse von Tätern und ihren Motiven.

Katzenbach ist ein Autor, der detaillierte Recherchen betreibt, um die Psyche von Mördern und ihre Beweggründe zu beleuchten. Einfache Gegenüberstellungen von Gut und Böse sind nicht seine Sache; die Grenzen sind fließend und auch Täter können Opfer sein. Wer wie Katzenbach nach den Ursachen und Motiven von Kriminalität fragt, stößt unweigerlich auf grundlegende Fragen von Recht und Gerechtigkeit, von Schuld und Sühne.

So steht in seinem Thriller Der Psychiater das existentielle Motiv der Rache im Fokus und Katzenbach wirft interessante Fragen auf: Wie weit darf man gehen, um Gerechtigkeit zu erzielen? Wo beginnt Rache? Was kann Rache auslösen?

Im Mittelpunkt von Der Psychiater steht Moth, ein 24-jähriger Geschichtsstudent aus Miami, der ein massives Alkoholproblem hat. Seit hundert Tagen ist er nun trocken, doch das hat er nur mit Hilfe seines Onkels Ed geschafft, eines prominenten Psychiaters, der so etwas wie Moths Rettungsanker ist. Als Ed tot in seiner Praxis aufgefunden wird, stürzt Moth ins Bodenlose. Die Polizei ist überzeugt, dass es sich um Selbstmord handelt, doch Moth kann und will das nicht glauben. In seiner Verzweiflung ruft er seine Ex-Freundin Andy an, die ihm dabei helfen soll, den Mörder seines Onkels zu finden und die Tat zu rächen. Auch Andy ist labil und die Suche nach dem Mörder gibt den beiden neuen Halt im Leben. Ähnlich geht es Susan Terry, einer Staatsanwältin, die ihre Karriere mit Kokain befeuert hat und einen Ausweg aus ihrer Abhängigkeit sucht. Sie lernt Moth in einer Therapiegruppe für Suchtkranke kennen und klinkt sich in den Fall ein.
 
Ihre Nachforschungen führen Moth zu dem pensionierten Psychiatrieprofessor Jeremy Hogan, der seit einiger Zeit anonyme Drohanrufe bekommt. Ein unbekannter „Student Nr. 5“ kündigt an, ihn umbringen zu wollen. Jedes Mal eröffnet er seinen Anruf mit der Frage: „Wessen Schuld ist es?“

Student Nr. 5 will Rache nehmen für ein Unrecht, das ihm vor Jahren während seines Studiums angetan wurde und ihm seiner Auffassung nach das Leben ruiniert hat. Auf seinem Rachefeldzug geht er systematisch und mit äußerster Präzision vor: Er hat die Kunst des Tötens bis zur Perfektion entwickelt. Das Trauma aus der Vergangenheit ist die Triebfeder seiner Mordpläne: „Sein Verhaltensmuster und sein Temperament machten ihn eher zu einer Vergeltungsinstanz und verliehen seinen wohlüberlegten Akten eine völlig andere Legitimation.“ Student Nr. 5 ist überzeugt, dass er um das Leben gebracht wurde, das ihm zustand und dass er das Recht hat, die Schuldigen dafür mit dem Tod zu bestrafen.

Rache gegen Rache: Im fulminanten Showdown stehen sich Moth und Student Nr. 5 schließlich gegenüber. Beide sind sie von dem Gedanken besessen, dass sie moralisch ein Recht auf Rache haben, das ihre Tat erklärt und legitimiert. Moth und Student Nr. 5 sind sich vollkommen bewusst, dass sie in ein Spiel um Leben und Tod geraten sind:

„Mord ist elementare Psychologie, so komplex wie Schach und so simpel wie Dame. Jeder Zug löst unterschwellige Emotionen aus, bis einer der Könige fällt. Es kann unerwartet schnell geschehen oder schleichend, raffiniert und impulsiv oder kaltblütig ausgetüftelt, als Folge einer Psychose oder eines posttraumatischen Belastungssyndroms. Mord kennt so viele Facetten, wie es Menschen und Temperamente gibt.“

Einmal mehr beweist Katzenbach mit Der Psychiater, dass er ein Meister psychologisch dichter Beschreibungen ist, der unsere Wahrnehmung von Recht und Gerechtigkeit hinterfragt und dabei existentielle Fragen aufwirft. Ein hochspannendes Drama um Schuld und Sühne, das unter die Haut geht!

Alexandra Plath für www.droemer-knaur.de
 

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