Verlagsgruppe Droemer Knaur

So liest man heute.

Erik Brandt-Höge über seinen Roman "Flamingostar"

Einleitung

Let us entertain us!

Über die Liebe der Musikindustrie zur Musikindustrie!


Katastrophenalarm. Ausnahmezustand. Dramen, gleich um die Ecke. Politiker ahnen das Schlimmste, Bürger spüren es längst. Jeder spürt das. Alle haben Angst. Alle?
Eine Menschengruppe, eine ganz kleine, kriegt von all dem nichts mit. Kriegt gar nichts mit. Für sie gibt es Wichtigeres.

Krisenstimmung? Juckt sie nicht. Bedrohte Menschheit? Peanuts. Unser aller Ende? Pah! Nichts überschattet ihr Geschäft. Ihr Ding ist DAS Ding. Ihr Laden unschließbar.

Ihr Name: Musikindustrie. Ihr Anliegen: sie selbst.

Seit Jahrzehnten kümmern sich A&Rs, Manager, Promoter, Produzenten, Autoren darum, dass es ihnen gut geht. Dass ihre Story gekauft wird. Ihre Lüge nicht auffliegt. Alles tun sie, damit es weitergeht, immer weiter. Für sie.

Auch für ihre Künstler, logisch. Für die sind sie ja da. Ihr Herz gehört den Sängern, Songschreibern, Musikern. Das Geld, das sie mit denen verdienen? Nebensache. Die Partys, die sie wegen ihnen feiern? Ehrensache. Die Prahlerei mit ihnen am Tresen? Alles für die Kunst. Und die läuft und läuft und läuft.

Die läuft so gut, dass sich die kleine Menschengruppe in Platin und Gold spiegeln kann. Hängt bei ihr zu Hause an der Wand. Sie fragt sich: Wer ist die schönste Menschengruppe im ganzen Land? Und lacht sich an.

Und überhaupt: Was soll das Trara der anderen? Die Beschwerden über den Weltuntergang? Ist doch alles gut: Taylor Swift steigt gerade von null auf eins in die Charts ein.

Abends zum Konzert. Überstunden. Gästeliste plus ein, zwei oder drei. Anstrengend, genau wie die ständige Sauferei. Wer hat mehr Stress im Job als sie? Niemand, wirklich niemand.
Bei ihr muss alles schnell passieren, „a.s.a.p.“, sagt sie, denn nur so geht’s. So ist der Deal.

Und sie macht’s möglich: Popstars bringen zum dritten Mal in Folge „ihr bisher persönlichstes, facettenreichstes, bestes Album“ raus. Grund genug: Gläser her, Sekt auf. „Auf uns! Und schmeißt endlich diesen Mir-doch-scheiß-egal-wie-der-heißt-Singer/Songwriter raus, hat eh keinen Erfolg.“

Es stimmt: Schlimmes passiert vor ihrer Tür, und davon immer mehr. Egal. Zumindest ihr. Hat für sie „nicht die höchste Prio“. Steht nicht „oben auf dem Schedule“. Voll „unimportant“, wenn ihr sie fragt.

„Let us entertain us!“, singt die kleine Menschengruppe, während alle anderen fürchten, fliehen, rennen. Sie bleibt, wo sie ist. Erkennt, was wirklich zählt. Und genießt. Sich.

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