Verlagsgruppe Droemer Knaur



Heidi Rehn über ihren Roman "Tanz des Vergessens"

Einleitung

Von Figuren, die nicht gehen wollen, und dem Recherchieren in der eigenen Stadt

Wochen sind vergangen, seit ich den letzten Punkt unter den Roman gemacht habe, aber Lou sitzt weiter fest in meinen Gedanken und will diesen Platz partout nicht freigeben.

Anfangs habe ich mir nichts dabei gedacht. Figuren sind die Seelen meiner Geschichten. Sie gehören für mich zur Familie, sind wie Kinder, die ich von der ersten vagen Idee an großziehe und denen ich mit bangem Herzen zusehe, wie sie die ersten Schritte in die Welt hinaus wagen. Mitunter streiten wir heftig miteinander, weil sie nicht so wollen, wie ich will, weil ich ihnen etwas zumute, was ihnen nicht gefällt. Irgendwann aber raufen wir uns immer zusammen und finden eine Lösung, wie es mit ihnen und damit auch mit der Geschichte am sinnvollsten weitergeht.

Über Monate sind die Figuren also fester Bestandteil meines Alltags, begleiten mich tagsüber gern auch jenseits des Schreibtischs durch alle nur erdenklichen Situationen und geistern nachts umso lieber noch durch meine Träume. Selbst nach Abschluss eines Manuskripts schauen sie immer mal wieder bei mir vorbei, bis die Protagonisten der neuen Geschichte ihren Platz einnehmen und die alten mehr und mehr verdrängen. Wenn das bei Lou ein wenig länger dauerte als bislang, ist mir das zunächst gar nicht aufgefallen. Ich habe es sogar ein wenig genossen, denn irgendwie ist es mit ihr von Anfang an besonders gewesen.

Aber Lou will überhaupt nicht weg. Obwohl bereits die nächste Geschichte mit ihren Figuren vor meiner Tür steht, weigert sie sich weiterhin hartnäckig zu gehen.

Englischer Garten MünchenZugegeben, Lou hat es auch sehr übel erwischt und Sorgenkinder stehen einem bekanntlich ganz besonders nah. Anders als Selma, Constanze, Robert, Gero und Grischa aus meinem vorangegangenen Roman Sommer der Freiheit (2014), die vor Ausbruch des Großen Krieges 1914 schon ein wenig vom Leben geschmeckt haben, gehört sie zu der bedauernswerten Generation, die während des Krieges heranwächst und deren ganze Hoffnung sich letztlich darauf richtet, dass mit Kriegsende für sie das wahre Leben endlich richtig beginnt. Wie bitter sie sich darin täuscht, das erlebt sie ausgerechnet am ersten Nachkriegsfrühlingstag Anfang Mai 1919, mit dem der Roman einsetzt.

Hinter ihr und den Münchnern liegen an jenem Maisonntag die schlimmsten Tage, die man sich vorstellen kann. Ein Generalstreik hatte zuvor das öffentliche Leben lahmgelegt, Freikorpsverbände und Truppen der Reichswehr hatten einen undurchdringlichen Ring um die Stadt geschlossen. Der offene Kampf der Weißgardisten gegen die roten Spartakisten tobte mitten in der Stadt. Kein halbwegs vernünftiger Mensch wagte sich mehr vor die Tür. Im Zweifelsfall genügte ein falsches Wort, um auf offener Straße standrechtlich erschossen zu werden. Oder es erwischte einen ein Querschläger und man starb, nur weil man zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort unterwegs gewesen war.

An jenem 4. Mai 1919, als die Frühlingsboten Einzug in die Münchener Straßen halten, scheint dieser Alptraum vorbei. Wie Lou im Roman so wachen auch die Münchner an diesem Morgen tatsächlich mit strahlendem Sonnenschein und einer ungewohnten Ruhe in den Straßen auf. Oskar Maria Graf schildert das sehr anschaulich in seinem Buch Wir sind Gefangene (1927): Auf einmal spazieren die Bürger wieder draußen durch die Straßen, tragen nun allerdings die weißen Binden der Freikorpsler am linken Oberarm und tun ganz so, als hätten sie sich niemals mit den Revolutionären gemein gemacht. Alles Rote, Umstürzlerische ist ihnen fortan zutiefst verhasst, steht es doch für blutige Kämpfe, zahllose Tote, Chaos und Untergang. Nichts wollen sie lieber als endlich dauerhaft Ruhe und Ordnung. Gustav Ritter von Kahr, der erste nachrevolutionäre Ministerpräsident, verspricht ihnen das und erklärt Bayern kurzerhand zur „Ordnungszelle“, die das einzig aufrechte Bollwerk gegen die verhasste, angeblich weiterhin revolutionär-chaotische Berliner Republik darstelle. Wohin das letztlich führte, war im November 1923 wiederum in München und ab Januar 1933 in ganz Deutschland, ab September 1939 sogar in der ganzen Welt zu sehen.

Feldherrnhalle MünchenDiese Wandlung von der ehemals so aufrührerischen Stadt der Räterepublik hin zum quasi ersten Ort, an dem man Hitler und seinen Braunhemden begeistert zujubelte, habe ich bis heute nicht so recht begriffen. Hinzu kommt als Zweites: Was ich in meiner Schulzeit im Rheintal nur so am Rande mitbekommen habe, ist mir seit meinem Studium in München plötzlich sehr nahe gerückt. Auf einmal handelt es sich um Ereignisse, die „gleich ums Eck“ von meiner Wohnung geschehen waren. Den Stiglmaierplatz und den Stachus, die Ludwigstraße wie auch den Odeonsplatz und die Feldherrnhalle, die mit dem 9. November 1923 zum Schauplatz einer noch ganz anderen Geschichte geworden ist, sehe ich oft so vor mir, wie sie auf jenen Fotos von Anfang Mai 1919 zu sehen sind: mit umgestürzten Barrikaden, brennenden Fässern und schwer bewaffneten Truppen. Schlendere ich über den Ostfriedhof, suche ich dort nach Gräberreihen, in denen die annähernd tausend Toten – größtenteils übrigens zivile Opfer und keine aktiven Kämpfer der Roten oder Weißen – bestattet gewesen sein könnten. Natürlich sind ihre Gräber größtenteils längst aufgelassen, aber irgendwie streift mich nach wie vor der Atem der Geschichte, wenn ich mir ausmale, wo sie gelegen haben könnten.

„Der beste Weg, etwas zu verstehen, was man bis dato nicht verstanden hat, ist, ein Buch darüber zu schreiben“ – dieser Ausspruch eines meiner Uni-Professoren kam mir irgendwann in den Sinn, als ich wieder einmal an der Ecke Theresien-/ Ludwigsstraße innehielt und viel mehr vor Augen hatte als nur die ehrfurchtgebietende Fassade der Staatsbibliothek und den stockenden Autoverkehr, den man heutzutage dort erlebt. Wie aus dem Nichts war Lou plötzlich bei mir und nahm mich an die Hand, um mich zur Kaulbachstraße zu führen, wo sie mit Curd im Dachjuchhe gewohnt hatte, fuhr mit mir in die Aventinstraße in der Isarvorstadt, wohin sie nach seinem Tod umgezogen war, begleitete mich durch die Sendlinger Straße, wo sie beim Lederwarenhändler Prantl Krachlederne und Geldkatzen ausgebessert hatte. Am Karolinenplatz standen wir schweigend vor der Villa, in der Elsa Bruckmann einst Hitler in die „bessere Gesellschaft“ der Stadt einführte, um ihm Tür und Tor zu so einflussreichen wie auch wohlhabenden Unterstützern zu öffnen. Ein sehr düsteres Kapitel, für das ich die realen historischen Ereignisse in meinem Roman um zwei Jahre vorverlegen musste und eine fiktive Figur für das historische Vorbild der Verlegersgattin erfand. Das allerdings ist die einzige Abweichung vom realhistorischen Hintergrund geblieben.

Lou und ich fanden uns auf unserer gemeinsamen Erkundungstour in der Augustenstraße irgendwann vor einem gesichtslosen Bau aus den Fünfziger Jahren wieder, in dem einige Jahrzehnte zuvor einmal die Münchener Kammerspiele gewesen waren, die 1926 mit dem Schauspielhaus fusionierten und in die Maximilianstraße umzogen. Nicht einmal eine schlichte Tafel erinnert heute noch an diese ersten Anfänge in der Maxvorstadt.

Cafe Luitpold MünchenDank Lou ist das alles für mich sehr lebendig geworden. Ich gehe mit völlig anderen Augen durch meine Stadt und nehme plötzlich Dinge wahr, die mir vorher nicht aufgefallen sind. Das ist noch einmal ein ganz anderes Recherchieren als für die anderen Romane, für die ich eigens gut geplante Recherchereisen unternommen habe. Jetzt sind es oft Zufälle, die mich auf Details der Geschichte stoßen, etwa, wenn ich in meinem Lieblingscafé Luitpold in der Briennerstraße sitze und mir ein Stück Luitpoldtorte gönne oder in Schwabing die großen Atelierfenster der Altbauten bewundere, hinter denen einst die rauschenden Faschingsfeste gefeiert wurden, oder wenn ich in der Staatsbibliothek in alten Ausgaben der Münchener Neuesten Nachrichten schmökere.

Ein klein wenig ahne ich inzwischen, wie groß die Sehnsucht nach Ruhe gewesen sein muss, nachdem im Frühjahr 1919 der pure Wahnsinn in den Straßen vor der eigenen Haustür getobt hat. Auch von Kahr ist mit seiner Ordnungszelle letztlich jedoch gescheitert und an den Geistern, denen er anfangs selbst in die Steigbügel half und die er im November 1923 noch einmal zu bändigen suchte, übel zugrunde gegangen. Im Juni 1934 wurde er im Konzentrationslager Dachau erschossen.

Lou hilft mir zwar keineswegs, Dinge zu verstehen, die nicht zu verstehen sind, aber sie hilft mir, Dinge zu sehen, wie sie gewesen sein könnten. Und damit hat sie mir Lust gemacht, in meiner eigenen Stadt noch ein wenig länger auf Spurensuche zu gehen und noch einige weitere Geschichten aus der jüngeren Vergangenheit auszugraben.

Es wäre schön, wenn Sie, meine lieben Leserinnen und Leser, mich dabei ebenfalls noch etwas länger begleiten. Es gibt noch einiges Aufregendes zu entdecken auf der Recherchetour durch die eigene Stadt. Versprochen!

Ihre Heidi Rehn

Heidi Rehn im Mai 2015

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