Verlagsgruppe Droemer Knaur



Mhairi McFarlane im Interview zu "Es muss wohl an dir liegen"

Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach‘ Limonade daraus!

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Was hat dich zu Es muss wohl an dir liegen inspiriert?

Ich glaube, die Leute erwarten als Antwort auf diese Frage immer eine Art genialen Geistesblitz oder Erleuchtung, als ob es einen Moment göttlicher Eingebung und Inspiration gäbe nach dem Motto „Hier ist es, hier ist dein Buch“, was aber leider nicht der Fall ist. Für mich ist es meistens ein Zusammenspiel aus verschiedenen Dingen. Delia war eine Heldin, die ich schon lange sehr klar vor Augen hatte, und ich wusste, dass ich Newcastle als Setting benutzen wollte, denn ich liebe diese Stadt. Und dann, als ich wusste, dass Delia ein Geordie (Anm.d.Red.: Einwohner von Newcastle) sein sollte, fügte sich alles zusammen. Außerdem wollte ich ein klassisches Thema aufgreifen – eine Frau findet heraus, dass ihr Freund sie betrügt – und überlegen, wie so eine Geschichte abläuft, wenn der Freund kein eindeutiger bad guy ist, den man einfach abschießt. Wie geht man mit so einer Situation um, wenn man den anderen immer noch liebt und die Beziehung nicht aufgeben will? Paul ist kein schlechter Kerl, denn dann wäre es für Delia ja einfach, ihn zu verlassen. Er ist ein guter Kerl, der etwas Schreckliches getan hat, und für ihn und Delia ist es ein längerer Prozess herauszufinden, wie sie in diese Situation gekommen sind.

Woher kam die Idee für Pauls fehlgeleitete SMS an Delia?

Hah! Diese Idee kam eigentlich von einer Freundin von mir, die sich auf der Arbeit furchtbar über ihren Chef aufgeregt hat und anstatt die SMS an ihren Freund zu schicken, hat sie sie aus Versehen an ihren Chef gesendet. Und sie war so mutig – viel mutiger, als ich es gewesen wäre –, denn als sie bemerkte, was sie getan hatte, hat sie ihren Chef angerufen und ihren Fehler gebeichtet. Als ich diese Anekdote hörte, hatte ich so einen besitzergreifenden Gollum-Schriftsteller-Moment, wo ich dachte: „Oooh, das ist wirklich ein guter Aufhänger für eine Story!“ Es ist echt schrecklich, wenn die Technik dich in peinliche Situationen bringt, aber für die Schriftsteller von Frauenunterhaltung ist es ein Segen. Wie heißt es so schön: Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach‘ Limonade daraus. Ich habe die Zitronen von meiner Freundin genommen und Lemontinis gemixt.

Deine Leserinnen betonen immer wieder, wie gut sie sich mit deinen Protagonistinnen identifizieren können. Was hältst du davon?

Das finde ich total toll, und ich freue mich sehr darüber. Denn meiner Meinung nach ist es wichtig, in der Frauenunterhaltung über tatsächliche zwischenmenschliche Probleme und emotionale Erfahrungen nachzudenken. Wenn du über Beziehungen schreibst – ich meine jetzt im weitesten Sinne, es muss nicht unbedingt um Liebesbeziehungen gehen –, dann solltest du auch wirklich etwas über Beziehungen aussagen. Achte auf deine Probleme und Verwicklungen und auf die der Menschen um dich herum! Alles ist Material! (Meine Freunde müssen schon total genervt davon sein, denn immer wenn sie mir etwas anvertrauen, bekomme ich dieses Glänzen in den Augen …). Wenn ich ehrlich bin, dann spricht mich purer Eskapismus alleine nicht an. Ich mag gut durchdachte Liebeskomödien, aber ich will darin auch ein wenig Wahrheit wiederfinden. Als ich mit dem Schreiben anfing, hatte ich die Nase voll von Geschichten, in denen die Heldin urplötzlich zur persönlichen Assistentin eines millionenschweren Rockstars in Cancun oder sonstwo wird. Ich hatte das Gefühl, dass ein Teil der Literatur aus diesem Genre überhaupt keinen Bezug mehr zu mir, meinem Leben und dem Leben meiner Freunde hatte. Aber über authentische Probleme und Versuchungen zu schreiben, über die Dinge, die wir erst nach ein paar Gläsern Wein besprechen, das hat mich wirklich gereizt. Wenn Emma Delia am Ende von Es muss wohl an dir liegen von Adam abrät, hat sie, denke ich, in gewisser Weise nicht unrecht. Sie präsentiert Delia die Argumente, die gegen Adam sprechen. Aber im Leben kann man nicht glücklich werden, wenn man sich immer nur auf das Urteil anderer verlässt oder wenn man immer die sichere Bank wählt. Das ist Delias mühsam erworbene Weisheit. Ich habe mal einen großartigen Ratschlag erhalten (viel besser als „Schreibe, was du weißt“, denn das kann sehr einschränkend sein): „Du kannst bei allem lügen, außer bei Emotionen“. Dementsprechend gibt es in Delias Geschichte zwar viel Erfundenes, aber sie durchlebt dennoch einen, wie ich hoffe, realistischen inneren Prozess, der sie zu mehr Akzeptanz und Verständnis für sich selbst und für Paul bringt. Schließlich geht es im Leben nicht nur um Kreditkarten und Rockstars und Designershopping, und es gibt auch keinen magischen Zauberstab, der nur einmal geschwungen werden muss, damit sich alle Probleme in Luft auflösen.

Du bist dafür bekannt, dass deine Romane sehr witzig sind und es beim Lesen sehr viele Momente gibt, in denen man herzhaft lachen kann. Wie machst du das?

Dankeschön! Als ich mit dem Schreiben anfing, wollte ich keine witzigen Bücher schreiben. Ich dachte – so sehen es wahrscheinlich viele Leute –, schreiben sei eine humorlose Angelegenheit. Es gibt ein schreckliches erstes Manuskript zu Wir in drei Worten, das wirklich sehr öde und düster ist und ein totaler Reinfall war. Selbst jetzt kann ich mich nicht überwinden, es nochmal anzuschauen. Meine Mutter sagte damals: „Vielleicht funktioniert der Text nicht, weil du witzig bist.“ (Bin ich das, Mum? Bin ich das wirklich?) Ich realisierte, dass niemand von sich selbst denkt „Hey, ich kann lustig sein“ – außer natürlich, wenn man Stand-up-Comedy machen will. Deshalb war ich meine Arbeit als Schriftstellerin todernst angegangen. Als ich Wir in drei Worten dann nochmal schrieb, entspannte ich mich und ließ die Figuren lustige Dinge sagen – einfach, um mich selbst zu amüsieren. Und so kam dann der Roman zustande. Ich überlege mir also nicht bewusst die nächste Pointe oder denke: Die Leute sollen sich totlachen, wenn sie das lesen! Ich glaube, das würde auch nicht funktionieren. Ich möchte einfach selbst von meinen Figuren unterhalten werden.

Was wolltest du werden, als du klein warst?

Mein erster Plan war, eine Weltraumprinzessin mit blauen Haaren zu werden. Danach wollte ich eine Hexe sein – Hexen fand ich damals sehr cool, sie konnten sich in Zauberei versuchen, magische Tränke brauen und schwarze Hüte tragen. Als ich älter wurde, realisierte ich, dass „Hexe sein“ nicht unbedingt ein Berufswunsch ist. Dann wollte ich Schriftstellerin sein. Schon als Kind habe ich immer Geschichten geschrieben: Meine Mutter hat eine davon aufgehoben, die den Titel "Die Abenteuer von Schnecke Schnecki" trägt und die, wie ich finde, bereits mein frühes Talent für Figurennamen zeigt! Viele Leute schreiben Geschichten, wenn sie Kinder sind, es ist also nicht so, dass ich denke, es sei vorherbestimmt gewesen. Ich wusste nur, dass ich es liebe, zu schreiben und mir Geschichten auszudenken.

Du bist überaus präsent auf Twitter und hast in alle deine Bücher auch viele SMS und Emails eingebaut. Was denkst du über die wachsende Bedeutung von Social Media in den letzten Jahren?

Argh, in intensiven Schreibphasen brauche ich auf jeden Fall ein Twitter-Verbot! Aber ich denke, als Schriftsteller kommst du heute gar nicht mehr ohne Social Media aus. Wenn deine Heldin „Ich werde ihn nie wiedersehen“ jammert, kannst du die Tatsache nicht vernachlässigen, dass er sehr wohl in ihrer Freundesliste bei Facebook auftaucht. Abschiede für immer wie zum Beispiel in dem Film Before Sunset gibt es einfach nicht mehr. Heute kannst du online fast alles über jede Person herausfinden. Abgesehen davon bin ich generell ein großer Fan der Möglichkeiten, die Social Media für das Erzählen von Geschichten bietet.

Was sind deiner Meinung nach die schlimmsten Klischees in Liebesromanen?

Ich hasse das Klischee, dass eine Frau einen guten Job hat und dafür bestraft wird. Ich verstehe nicht, warum das selbst im Jahr 2015 noch so ist. Wie in dem Film Selbst ist die Braut – Sandra Bullock spielt darin eine Literaturagentin der Spitzenklasse und Ryan Reynolds ist ihr Assistent, aber sie wird für ihren Erfolg dadurch bestraft, dass sie als eine schreckliche Person und tyrannische Vorgesetzte dargestellt wird. Dann fährt sie mit der Familie ihres Assistenten zu einem Wochenendausflug, um ihre Scheinehe authentisch wirken zu lassen, und ist dort der Idiot, der nicht weiß, dass man mit Louboutins nicht in Boote klettern kann. Sie wird nachgeäfft und lächerlich gemacht. Das macht mich wahnsinnig. Warum läuft das immer noch so? Eine andere Sache, die mich aufregt, ist, wenn Mr. Wrong von Anfang an als Mr. Wrong entlarvt wird. Ist unsere Heldin wirklich so dämlich, dass sie das nicht merkt? Es lässt sie ein bisschen wie einen Trottel dastehen. Ich hasse außerdem diesen „Ich shoppe, also bin ich“-Gedanken. Versteht mich nicht falsch, ich liebe die Pretty Woman-Szene, in der Julia Roberts einkaufen geht, aber ich denke, wir sind an einem Punkt angelangt, wo „shoppen“ als Charakterzug jedem bitter aufstoßen müsste. Frauen definieren sich nicht durch das, was sie kaufen!

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