Verlagsgruppe Droemer Knaur

So liest man heute.

"Dass Kunstwerke eine Seele haben, mag man bestreiten, eine Geschichte haben sie auf jeden Fall."

Einleitung

„Die Frauen meiner Familie“ – zwanzig Jahre von der Idee zum Buch. Tanja Weber beschreibt die Entstehung ihres großartigen Familienromans

Im Juli 1937 besucht der siebzehnjährige Gymnasiast Peter Guenther München, die Hauptstadt der Bewegung. Er stammt aus einem gutbürgerlichen Dresdner Haushalt, wo man der modernen Kunst sehr aufgeschlossen gegenübersteht. Der Vater ist Journalist, die Mutter, eine Jüdin, Fotografin. Zeitgenössische Maler und Schriftsteller gehen in dem Intellektuellen-Haushalt ein und aus.
Der junge Mann reist nach München, weil er die „Große Deutsche Kunstaustellung“, von Hitler drei Tage zuvor eröffnet, besuchen möchte. Er erhofft sich, in den Genuss zeitgenössischer Werke zu kommen und ist voller Vorfreude. Doch die Ausstellung, im eigens dafür gebauten Haus der Kunst, inspiriert ihn nicht im Geringsten, die vom Staat propagierte und sanktionierte Kunst ist enttäuschend und banal. Im Katalog aber steckt ein kleines rotes Kärtchen, welches auf eine benachbarte Ausstellung hinweist, von der Peter Guenther noch nicht gehört hat: „Entartete Kunst“.
Als der junge Mann diese Ausstellung anderntags besucht, ruft sie bei ihm Schock, Bestürzung und Niedergeschlagenheit hervor, Eindrücke, die der Erwachsene, längst in die USA emigrierte, noch Jahrzehnte später abrufen kann (aus: Katalog der Ausstellung, München 1992).

Schock, Bestürzung und Niedergeschlagenheit empfinde auch ich fünfundfünfzig Jahre später, als ich, damals noch Studentin der Kunstwissenschaft, die Ausstellung „Entartete Kunst – Das Schicksal der Avantgarde im Nazi-Deutschland“ besuchte.
Hier wurde dokumentiert und nachgestellt, wie die Nazis in der Ursprungsausstellung Werke moderner Kunst aufs Gröbste diffamiert und der Lächerlichkeit preisgegeben hatten.
Ernst Kirchner, Otto Kokoschka, Max Beckmann, Klee, Corinth, Feininger, Kandinsky – die Liste der als „entartet“ geltenden Künstler ist ebenso prominent wie endlos. Die größten Künstler ihrer Zeit wurden in einer Art und Weise präsentiert, die mit „demütigend“ nur unzureichend beschrieben ist. Die Werke werden entblößt, verletzt und ihrer Würde beraubt – ein Schicksal, das ihre Schöpfer wenig später mit ihnen teilen werden.
Die Berliner Rekonstruktion der Ausstellung, 1992, zeigte das sehr deutlich. Die Hängung und Präsentation wurde bis ins Detail nachempfunden und dokumentiert.
Nie zuvor und nie danach hat mich eine Kunstaustellung so tief berührt. Ich hatte das Gefühl, dass die Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten an den Pranger gestellt wurden, eine Seele haben, eine Seele, der hier Leid zugefügt wurde. Könnten Bilder und Skulpturen weinen, die Besucher wären durch ein Meer von Tränen gewatet.
Diese Ausstellung war für mich eine Initialzündung, mich mit dem Umgang mit Kunst – der gefeierten wie der geächteten – in Hitlerdeutschland zu befassen. Obgleich ich nicht den Weg der Kunsthistorikerin gegangen bin, sondern es mich zum Theater zog, hat mich dieses Thema nicht mehr losgelassen. Enteignung und die damit verbundene Frage nach dem emotionalen Wert eines Kunstwerkes für den Besitzer hat mich immer und bis heute beschäftigt.
In meiner Zeit beim Fernsehen habe ich ein Drehbuch über dieses Thema geschrieben, es war mein erstes, und im Zentrum stand damals noch ein Kunstdieb. Er raubt ein Werk im Auftrag eines Sammlers, stellt dann aber fest, dass es sich um ein Bild aus ursprünglich jüdischem Besitz handelt, und gerät in eine moralische Zwickmühle.
Das Buch wurde nicht verfilmt und das ist sicher auch gut so, denn sonst würde es „Die Frauen meiner Familie“ heute nicht geben.
Im Lauf der Jahre habe ich den Stoff immer wieder modifiziert – aus dem Kunstdieb wurde schließlich Elsa Hannapel, eine der Heldinnen meines Buches. Weil mich letztendlich der moralische Zwiespalt eines Diebes weniger interessiert hat als die Frage, wie man damit umgeht, wenn sich in der eigenen Familie Werke aus Enteignungen befinden.
Als ich das Buch fast beendet hatte, erschien im Magazin der Süddeutschen Zeitung ein Artikel genau darüber („Falsches Erbe“ in: Süddeutsche Magazin Nr. 46/2014). Vier Erben erzählen, wie es war, als sie entdeckten, dass sich Bücher, Bilder oder Möbel ursprünglich im Besitz von Menschen befanden, die von den Nazis verfolgt wurden und die ihre Wertsachen nicht freiwillig zurückgelassen oder zu lächerlichen Preisen veräußert haben. Und wie sie damit umgegangen sind – nicht immer ist es überhaupt möglich, die Nachfahren ehemaliger Besitzer ausfindig zu machen. Und nicht jeder der rechtmäßigen Erben möchte noch einmal mit den enteigneten Stücken konfrontiert werden.
Es hat mich damals sehr berührt, dass ich mir ein Thema gewählt habe, das nicht reine Fiktion, sondern auch heute noch sehr nah am Leben von einigen Menschen ist. Ein Thema, das uns auch noch einige Jahre beschäftigen wird. Schätzungen zufolge hängen in deutschen Museen 5-10% von sogenannten „Raubkunst-Werken“.
Ich finde nicht, dass man darunter einen Schlussstrich ziehen sollte. Dass Kunstwerke eine Seele haben, mag man bestreiten, eine Geschichte haben sie auf jeden Fall. Und diese gilt es, zu erzählen.

Tanja Weber

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