Verlagsgruppe Droemer Knaur



Abenteuer in Transnistrien

Michael Tsokos und Andreas Gößling über ihren neuen True-Crime-Thriller „Zersetzt“

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Berlin-Wilmersdorf, fünfter Stock eines Altbaus. In der Dachgeschosswohnung sitzen sich Michael Tsokos und Andreas Gößling gegenüber. Es gibt Kaffee, Kekse und Wasser. Rechtsmediziner Michael Tsokos ist nicht zum ersten Mal zu Gast bei Andreas Gößling. Gemeinsam mit dem Literatur- und Sozialwissenschaftler, der zahlreiche Bücher veröffentlicht hat, schreibt Tsokos eine True-crime-Trilogie, die auf authentischen Fällen und echten Ermittlungen basiert. Nach „Zerschunden“ nun Teil 2, „Zersetzt“. Ein temporeicher Mix aus Polit- und Psychothriller mit rechtsmedizinischen Details. Und mit Hauptfigur Fred Abel, dem versierten BKA-Ermittler. Diesmal muss Abel in Transnistrien obduzieren – und um sein Leben rennen ...

Stellen Sie sich vor, Sie sind in einem düsteren Keller. Macht Ihnen das Angst?

Michael Tsokos: Nein. Nicht einmal als Kind habe ich mich vor Dunkelheit oder Kellerräumen gefürchtet. Das würde ich als Abenteuer sehen. 

Andreas Gößling: Mir geht es genauso. Ein dunkler Keller mag gruselig sein, aber ich finde so etwas eher prickelnd. 

In Ihrem neuen Thriller „Zersetzt“ spielt ein Handlungsstrang in einem Keller. Und Ihre Hauptfigur, der Rechtsmediziner Fred Abel, arbeitet im Untergeschoss. Was reizt Sie als Autoren am Keller? 

Michael Tsokos: Das ist ein klassisches Horrorelement. Die Angst, ins Dunkle hinuntergehen zu müssen, kennen viele Menschen. Keller scheinen Urängste auszulösen und spielen in der Spannungsliteratur eine wichtige Rolle, auch im Kino. Dazu kommt: Früher waren Keller die einzigen kühlen Räume zur Lagerung von Leichen. 

Wie ist das heute – arbeiten Rechtsmediziner tatsächlich immer im Keller? 

Michael Tsokos: Wir haben in Berlin zwar Kühlräume und eine Asservatenkammer im Keller, aber wir sezieren im Erdgeschoss. Das hat den großen Vorteil, mit Tageslicht zu arbeiten. So können wir Befunde besser sehen und ihre Farbe wird nicht von künstlichem Licht verfälscht. Fred Abels Arbeitsplatz könnte allerdings wirklich genau so existieren, wie wir ihn beschreiben.

Wie nah an der Realität sind Ihre True-Crime-Thriller generell?

Michael Tsokos: Sehr nah. Die Fälle sind zu 80-90 Prozent real. Was in „Zerschunden“ und „Zersetzt“ steht, ist wirklich passiert. Selbstverständlich verfremden wir vieles, aber nur die Figuren und ihre Interaktion sind fiktional, und dennoch in der Realität verankert. 

Andreas Gößling:  In der Praxis sieht das so aus, dass wir 40 Seiten Material haben und daraus einen Roman mit 400 Seiten machen. 

Bitte beschreiben Sie Ihren Arbeitsprozess.

Andreas Gößling: Wir treffen uns zunächst hier bei mir und lassen unseren Gedanken freien Lauf. Wir diskutieren und tauschen uns über neue Ideen aus. Denn nichts ist langweiliger, als immer wieder das Gleiche zu schreiben. Diese Gespräche zeichnen wir auf. Sie sind die Grundlage für jedes Buch. 

Michael Tsokos: Das Setting steht relativ schnell fest. Danach schreiben wir getrennt weiter und sprechen uns ab. Zu unseren Treffen bringe ich übrigens auch immer einige Mappen aus der Rechtsmedizin mit. Das sind Obduktionsprotokolle und Ermittlungsakten, um die herum wir die Geschichten bauen. Wichtig sind auch Originalfotos.

Wie fühlen Sie sich dabei, Herr Gößling?

Andreas Gößling: (lacht) Ich brauche so etwas nicht jeden Tag. Aber da ich nicht permanent mit Toten zu tun habe wie Michael Tsokos, sind solche Aufnahmen tatsächlich sehr wichtig. Nur wenn ich weiß, wie die Leichen aussehen, kann ich sie und das Leiden, das die Opfer zuvor erlebt haben, authentisch beschreiben. 

Das Label „True-Crime-Thriller“ ist noch sehr frisch. Betrachten Sie Ihre Bücher als Werke eines neuen Genres? 

Michael Tsokos: Wir haben diese Gattung vielleicht nicht erfunden, aber auf jeden Fall wiederbelebt und weiterentwickelt. Einer der ersten Autoren dieses Genres war wohl Thomas Harris, der sich für Das Schweigen der Lämmer an einem realen Fall orientiert und beim FBI recherc¬hiert hat. Im Bereich der Rechtsmedizin gab es so etwas vor uns jedoch noch nicht. 

Andreas Gößling: Die Zeit war reif für eine neue Form. Und die Transformation vom Sachbuch in die Belletristik verlief wie eine natürliche Evolution. Man fängt ganz sachlich an und wird immer spielerischer. Je solider das Fundament aus Fakten und Realität, auf dem die Fiktion aufbaut, desto dichter die Atmosphäre und desto intensiver das Leseerlebnis. Inzwischen sind wir darin ein gut eingespieltes Team. 

Michael Tsokos:Und wir sind beide Fans der US-Serie „24“. Deren Tempo und Cliffhanger versuchen wir auf unsere Trilogie zu übertragen. 

In „Zersetzt“ reist Fred Abel nach Transnistrien, um einen bizarren Fall zu lösen: Zwei völlig zersetzte Leichen sind in Metallfässern aufgefunden worden. Basiert das auf einem echten Fall? 

Michael Tsokos: Ja. 2011 erhielt ich eine ganz besondere, ungewöhnliche Anfrage per E-Mail. Darin erkundigte sich eine Anwaltskanzlei, ob ich bereit wäre, in eine in Zentralasien gelegene ehemalige Sowjetrepublik zu fliegen. Dort sollte ich zwei zersetzte Leichen obduzieren. 

Wie haben Sie reagiert?

Michael Tsokos: Als ich sah, dass es in meinem Kalender ein Zeitfenster gab, habe ich zugesagt. Mit einem Privatjet wurde ich mit zwei Kollegen nach Zentralasien geflogen. In der Landes-hauptstadt waren sämtliche Straßen komplett für unseren Konvoi gesperrt. Bis an die Zähne bewaffnete Soldaten einer Spezialeinheit waren ständig in unserer Nähe. Im Buch haben wir aus dem Land Transnistrien gemacht. Um auch hier unseren Anspruch zu er¬füllen, sehr realitätsnah zu schreiben, ist Andreas Gößling extra dorthin gereist. 

Was haben Sie in Transnistrien erlebt?

Andreas Gößling: Es war ein großes Abenteuer! Einerseits postsowjetische Folklore, andererseits Fortschritt. Ich habe die moldawische Hauptstadt Chisinau und die transnistrischen Städte Tiraspol und Bender durchstreift. Nicht zuletzt habe ich mich an der Demarkationslinie entlang des Dnjestr herumgetrieben, denn in unserem Buch wird Fred Abel im Ufergebiet von seinen Verfolgern gejagt. 

Michael Tsokos: Diese Hetzjagd basiert auch auf meinen eigene Erfahrungen als Soldat bei den Fern-spähern der Bundeswehr. Sie sehen: auch bei kleinsten Details versuchen wir wirklichkeits-getreu zu schreiben.

Gilt das auch für die unglaublichen Obduktionsszenen in Transnistrien? Fred Abel obduziert 15 Stunden am Stück und die Bedingungen in einer heruntergekommenen Klinik sind katastrophal. 

Michael Tsokos: Fred Abel ist nun einmal ein Actionheld – ich nicht! (Lacht) Andererseits war es tatsächlich unglaublich, auch für mich. Im Sektionssaal war es so dreckig, dass ich glaubte, mit den Schuhen am Boden festzukleben. In einer Ecke lag eine weitere Leiche am Boden, aber niemand kümmerte sich darum. 

Wie haben Sie es geschafft, trotzdem 15 Stunden durchzuhalten? 

Michael Tsokos:Das Adrenalin hält einen wach. Und das Jagdfieber, das unsere Hauptfigur empfindet, kenne ich durchaus selbst. Man will in solchen Fällen einfach wissen, was passiert ist. Ich muss allerdings einräumen, dass nur die wenigsten Fälle so spannend sind: 99 Prozent der Todesfälle, die in der Rechtsmedizin landen, werden relativ schnell geklärt. 

Was tun Sie als Ausgleich für Ihre Arbeit? 

Michael Tsokos: Beim Taekwondo und mit meiner Familie kann ich total abschalten. 

Andreas Gößling: Ich bin ein leidenschaftlicher Spaziergänger. Drei bis vier Stunden durch Berlin laufen oder durch einen Wald, das bringt mir am meisten. Und das Reisen. Schreiben ist ja vor allem Output, aber man braucht auch Input. 

Michael Tsokos: Stimmt! Wie Sebastian Fitzek immer sagt: „Man kann nicht immer nur Geschichten erfinden. Man muss sie auch erleben.“ 

Interview: Günter Keil für die Verlagsgruppe Droemer Knaur 

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