Verlagsgruppe Droemer Knaur



Yael Adler im Interview zu "Haut nah"

"Treiben Sie Sport, lieben Sie, finden ausreichend Schlaf und seelische Entspannung!"

Bild

Frau Dr. Adler, was können wir tun, damit wir uns in unserer Haut rundum wohlfühlen?

Wir sollten unsere Haut viel mehr in Ruhe lassen. Denn sie kann sich selber helfen.

Es fängt an bei der Pflege. Hier ist weniger mehr. Duschen am besten nur mit Wasser und vielleicht grade mal die stinkigen Stellen mit einer milden Seife oder besser einer synthetischen Waschsubstanz mit dem saurem pH-Wert von 5,5 ohne Duftstoffe, Farbstoffe und Konservierungsstoffe.  

Auch beim Eincremen tun die meisten zu viel und überfetten gerade im Gesicht die Poren. Es resultieren Kontaktallergien, Kosmetikakne, Stewardessen-Krankheit,  Bläschen durch Überfeuchtung der Haut,  Juckreiz und andere Irritationen.

Aber auch von innen gilt es, die Haut zu schützen und zu pflegen und das gelingt über die Nahrung: Geheimtipps sind dabei Lebensmittel, die Hautschutzstoffe, die sogenannten Antioxidantien, Omega 3 Fettsäuren und diverse andere Mikronährstoffe, wie Zink, Selen, Vitamine und auch Ballaststoffe enthalten. Besonders wirksam sind Tomatenmark, grüner Tee, Möhrensaft, überhaupt buntes Obst und Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse, Leinöl und fetter Seefisch.

Ein gesunder Darm, Sport, ausreichend Schlaf, Liebe und Sex und nicht zu viel Stress spiegeln sich an der Haut zu unseren Gunsten wider.

Sie sind Dermatologin. Was ist so spannend an der Haut, dass man darüber ein ganzes Buch schreiben kann?

Dermatologie ist ein sehr ganzheitliches Fach, das auch Innere Medizin, Allergologie, Venenheilkunde, Psychologie und Sexualmedizin mit einschließt.

Dermatologen sind sehr sinnliche Ärzte. Wir schauen, fühlen und riechen. Die Haut ist nicht nur unser größtes Organ, unsere erste Schutzbarriere, unsere größte Hormonfabrik, sondern  ist extrem vernetzt mit allen unseren Körperfunktionen, unserer körperlichen  und seelischen Gesundheit.  An der Haut zeigen sich Spuren und Symptome, die man als Hautarzt wie ein Detektiv  zu lesen versucht, um am Ende auf die Ursache und die Diagnose einer Hautkrankheit zu kommen.

Außerdem birgt das Thema Haut eine Menge Tabus, über die immer noch zu wenig gesprochen wird. Ich möchte einige dieser Tabus brechen und Themen wie Körpergeruch, Fußpilz, Anal-Juckreiz aus der Igitt-Ecke herausbringen. Nur wer Bescheid weiß, kann sich schließlich auch um diese Themen kümmern.

Nun schauen wir Frauen ja ständig in den Spiegel. Beschäftigen wir uns sogar zu viel mit unserer Haut?

Immer wieder erlebe ich Frauen, die mit sich unzufrieden sind:  Themen, die Frauen Unlust bereiten, sind Fettpolster, Cellulite, Pigmentflecken, Dehnungsstreifen und Falten. Interessanterweise erleben Betroffene es als größer und schlimmer, als es die Umwelt je wahrnehmen würde. Oder haben Sie schon mal einen verliebten Mann sagen hören: "Du hast da ja Dehnungsstreifen, ach nee, jetzt gefällst du mir nicht mehr.“

Ein Mensch ist ein Gesamtkunstwerk, echte oder meist sind es vermeintliche Makel, gehören dazu. Wären wir alle Puppen, wären wir langweilig. In den Medien wird Frauen ein falsches Frauenbild vorgesetzt: Fotos von Frauen die mit Fotoshop bearbeitet worden sind. Das setzt Frauen wahnsinnig unter Druck.

Mein Buch soll helfen, dass wir Frauen uns selbst gnädiger und liebevoller betrachten. Aber natürlich gebe ich auch ein paar Tipps, wie man sanft „manipulieren“ kann, um unsere Hautgesundheit und Schönheit zu erhalten – in jedem Alter.

Die aus Ihrer Sicht 3 spannendsten Fakten zur Haut?

1. Die oberste Hautschicht ist so dünn, dass sie durchsichtig ist und doch ist sie alleinige heldenhafte Trägerin unserer Dreifach-Schutzbarriere. Die  besteht aus dem Säureschutzmantel, der krankmachende Erreger an der Vermehrung hindert,  der  natürlichen Fettbarriere, die unsere Haut vor dem Eindringen von Allergenen Erregern und Chemikalien schützt so wie vor Verdunstung bewahrt und schließlich aus dem dritten  Bollwerk - unser Mikrobiom.  Das Mikrobiom ist die Gesamtheit aller auf uns lebenden Mikroorganismen, die  unser Immunsystem unterstützen, trainieren und unerwünschte Eindringlinge abhalten.

2. Das unfassbar differenzierte Fingerspitzengefühl erklärt sich durch 2.500 Nervenempfangsstellen auf einem Quadratzentimeter Haut auf der Fingerbeere.

3. Die Haut  besitzt eine eigene Ausstattung an den Duftdrüsen, die unserem Duftmarketing und der nonverbalen Kommunikation mit der Umwelt dienen. Wir sprechen also nicht nur mit Worten, Mimik und Körpersprache, sondern auch mit dem Duft unserer Haut.

Reden wir übers Schreiben: Wann finden Sie die Muße dazu?

"Haut nah" ist mein erstes Buch für jedermann und jederfrau. Davor habe ich bereits zwei Fachbücher geschrieben. Das Schreiben ist wie ein Ablassventil. Es läuft besonders gut, wenn sich in meinem Kopf genügend Themen zu Bildern zusammengefügt haben und ich einen Druck verspüre, dieses nun in die Form eines Textes zu gießen. Die Stunden am PC sind ein schönes Kontrastprogramm zum Trubel des Praxisalltags mit vielen Menschen und Gesprächen. Ich empfinde Schreiben als einen Prozess des Sammelns, der inneren Zwiesprache  und des Fokussierens. Bei Romanschreibern und Poeten kommen dabei literarische Kunstwerke heraus, wenn eine Hautärztin schreibt, dann kommt ein hoffentlich unterhaltsames Sachbuch über die Leidenschaft für Haut heraus.

Sie sind eine exzellente Geschichtenerzählerin – was lesen Sie denn gern? Und welches Buch liegt aktuell auf Ihrem Nachttisch? 

Ich lese selber gerne Sachbücher. Besonders neugierig bin ich auf Themen rund um Psychoanalyse und Neurowissenschaften.  Ich finde, dass diese Themen die Medizin, die ich betreibe und die mich auch erfüllt, wunderbar ergänzt.

Soeben abgeschlossen habe ich das Buch „Fischer im Recht“. Ich habe mich da zum ersten Mal mit Rechtsthemen beschäftigt und war erstaunt wie viel aus den Themenbereichen Psychologie, Philosophie  und Gesellschaft unterkommen. Der Autor, Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof, ist ein extrem kluger Querdenker und Rebell und hat zugleich sehr viel Humor und Leidenschaft, das Thema Recht überhaupt nicht trocken rüber zu bringen.

Thema Älterwerden. Wird es irgendwann das Mittel für ewige Jugend geben? Und wie stehen Sie dazu?

Wir altern vom ersten Tag unseres Lebens. Uns alle eint die Angst vor dem Tod. Jugendlichkeit erinnert an das Leben, das Altern an das Sterben. Daher wehren wir Menschen das Thema Sterben in uns eher ab. Verzweifelt versuchen wir mit Wunder-Cremes, Spritzen, Schönheitschirurgie und Anti-Aging Pillen dieser Realität nicht ins Auge zu sehen. Doch, wer lebt, der stirbt. Das Leben ist lebensgefährlich und endet unweigerlich mit dem Tod. Dagegen wird es niemals ein Mittel geben. Das wäre womöglich auch fatal.

Natürlich macht es auch Spaß, sich zu verschönern und vital zu halten. Lachen lässt uns zudem anziehend und jung wirken. Leider gleitet es aber manchmal in einen Beauty-Wahn ab, der eher unattraktiv macht.

Was man selber tun kann, sind alles Langzeitprojekte: gesunde Ernährung, Sport,  Liebe und Lebensfreude.

Meiden sollte man dagegen die massiven Altersbeschleuniger Rauchen, zuviel Sonne und Solarium sowie Industriekost.

Kleinere Manipulationen wie Haarefärben, Laserbehandlungen und der sehr dezente Einsatz von Botulinumtoxin und Hyaluronsäure können ebenfalls schöne Effekte bringen. Ich sage aber bewusst dezent, denn ich bin absolut keine Freundin von massivem Einsatz dieser Stoffe, denn ein Zuviel kann die Mimik und das Aussehen maskenhaft  und grotesk verändern. Doch sind diese Mittel nicht mehr wegzudenken.  In meinem Buch leiste ich daher akzeptierende Aufklärungsarbeit und zeige Chancen und Grenzen einiger dieser  Schönheitsbehandlungen auf.

Geben Sie uns doch bitte Ihren ganz persönlichen Tipp für schöne und gepflegte Haut.

Nutzen Sie weniger Pflegeprodukte. Vermeiden Sie ein zu viel an Seife und Cremes. Geben Sie Ihrer Haut die Chance, in ein natürliches Gleichgewicht zu kommen. Vermeiden Sie Rauchen, zu viel Sonne und Solarium.  Nutzen Sie Sonnencreme, Hut und Sonnenbrille. Machen Sie einen großen Bogen um Industriekost, die ballaststoffarm ist, reich an gefährlichen Transfetten und Zucker. Treiben Sie Sport, lieben Sie, finden ausreichend Schlaf und seelische Entspannung.

Lässt sich Ihre Haut so nicht ins Gleichgewicht bringen, dann kann der Hautarzt helfen.

 

↑ nach oben