Verlagsgruppe Droemer Knaur



Heidi Rehn über "Spiel der Hoffnung"

Einleitung

Historische Romanspaziergänge mit der Autorin höchstselbst. Oder auch: Liveschaltung von der Realität ins Buch.

Oft sind es die spontanen Schnapsideen, die ohne langes Grübeln plötzlich einfach da sind, die sich letztlich als die besten erweisen. So war es auch mit meinem Einfall, meinen Leserinnen und Lesern die realen Schauplätze meiner fiktiven Geschichten vorzuführen und ihnen dabei zu schildern, wie sich Realität und Fiktion zu dem vermischen, was letztlich im Buch steht. Wie hätte ich ahnen können, welche Lawine ich damit lostreten würde? Inzwischen reichen meine Planungen schon weit ins Jahr 2017 und umfassen dann insgesamt drei historische Romane, die jeweils eine ganz besondere Epoche in München und Deutschland schildern. Die unerwartet positive Resonanz hat dazu geführt, dass aus der ursprünglich nur für zwei-, dreimal geplanten Tour eine regelmäßige Einrichtung geworden ist, auf die ich immer wieder angesprochen werde.

 

Die Idee rührt letztlich vor allem von meiner großen Leidenschaft fürs Recherchieren und meinen regelmäßigen Besuchen an meinem ganz persönlichen Lieblingsort, der Bayerischen Staatsbibliothek (StaBi) in der Münchner Maxvorstadt. Erstere sorgt dafür, dass ich die Schauplätze meiner Romane immer auch persönlich erleben muss, was mich schon mehrere Male nach Polen und einmal sogar bis Estland, Litauen und Russland geführt hat. In meiner Heimatstadt München zu recherchieren, ist dagegen geradezu ein Heimspiel und quasi auch „mal eben so zwischendurch“ zu erledigen. Mein Lieblingsort StaBi beschert mir zudem viele wundervolle Entdeckungen in alten Büchern, Aufzeichnungen, Zeitungen und Fotobänden aus der Zeit, in der meine Romane spielen. Das kurbelt meine Phantasie gehörig an ….

Wenn ich von meiner Wohnung zur StaBi radele, komme ich jedes Mal an sehr vielen Ecken und Straßen vorbei, die in meinen Romanen eine wichtige Rolle spielen. Zwar sieht es dort heute ganz anders aus als in den Zwanziger Jahren, in denen die Romane angesiedelt sind, aber genau darin liegt für mich auch der besondere Reiz: Ich stehe vor den Häusern oder an den Mauern und male mir aus, was diese Steine schon alles erlebt, diese Bäume schon gesehen und diese Straßen schon ertragen haben. In meinem Kopf verknüpft sich das ganz automatisch mit dem, was meine Figuren in meinen Geschichten an diesen Ecken erleben und so startet jedes Mal aufs Neue mein ganz persönlicher Kinofilm in meinem Kopf.

 

Weil die Anfragen aus Hollywood zur Verfilmung leider immer noch auf sich warten lassen, kam mir pünktlich zum Erscheinen vom „Tanz des Vergessens“ (Juli 2015) die verrückte Idee, die Sache einfach selbst in die Hand zu nehmen: Warum das Ganze nicht einfach eine Nummer kleiner realisieren und meine Leserinnen und Leser höchstpersönlich an die Romanschauplätze führen? So kann ich demonstrieren, was beim Schreiben in meinem Kopf passiert: wie sich reales historisches Geschehen mit dem vermischt, was ich mir dazu ausgedacht habe, und so letztlich zu dem wird, was im Roman zu lesen ist. Quasi eine eins zu eins Liveschaltung von der Realität ins Buch.

 

Rehn_Dezember

Romanspaziergang Dezember 2015

 

Ein weiterer Effekt: meine Leserinnen und Leser und ich kommen direkt miteinander ins Gespräch. Während ich an Ort und Stelle Passagen aus den Romanen vorlese, alte Fotos zeige und die Hintergründe erläutere, entsteht vor ihren Augen das Geschehen, sie können mir dazu direkt Fragen stellen, eigene Gedanken mitteilen oder aber auch Dinge über die Orte und die Ereignisse erzählen, die auch mir neu sind. Daraus ergeben sich jedes Mal verblüffende Gespräche und sehr lebendige Touren, die allen Beteiligten ganz neue Blickwinkel eröffnen. Eins sind sie in jedem Fall auch immer: sehr unterhaltsam für alle Beteiligten.

Bundesarchiv

Bundesarchiv Bild 146_2006_0049 Revolution in Bayern, Gardeschützendivision (Ludwig-, Ecke Theresienstraße, Mai 1919)

Maxvorstadt

München, Maxvorstadt, Ludwig-, Ecke Theresienstraße Mai 2015

 

Aus organisatorischen Gründen habe ich die Tour auf eine bestimmte Ecke – eben die Münchner Maxvorstadt – begrenzt. Das hat zwar den Nachteil, nicht wirklich alle interessanten Orte zeigen zu können und vor allem vorrangig die Münchner Leserschaft zu erreichen. Inzwischen reisen einige Interessierte allerdings schon extra von auswärts zu den Romanspaziergängen an, was mich natürlich ganz besonders freut. Außerdem kann ich auf dem knapp zweistündigen Rundgang einen repräsentativen Querschnitt durch das Roman- und das historische Geschehen geben, das den Hintergrund für die Geschichten in meinen Büchern liefert.

 


Cafe Stefanie

Das Café Stefanie in der Theresien-, Ecke Amalienstraße, Treffpunkt der Münchner Bohème und Revolutionäre (Aufnahme 1905)

Beim Romanspaziergang

Beim Romanspaziergang im Juli in der Theresien-/ Ecke Amalienstraße (ich bin übrigens die mit der Sonnenbrille und dem Mikrophon vor der Nase)

 

Aus der anfangs nur für einen Roman gedachten Tour ist inzwischen eine zu beiden und zur gesamten Epoche der Zwanziger Jahre geworden. Der „Tanz des Vergessens“ erzählt Lous Erlebnisse vor den Ereignissen der frühen Zwanziger Jahre, von Mai 1919 (Niederschlagung der Münchner Räterepublik) bis November 1923 (Hitler-Putsch). Nach den Ereignissen im Mai 1919 haben sich viele Menschen in München von der Politik abgewandt und mit einem „jetzt erst recht“-Gefühl ins Vergnügen gestürzt, während sich andere politisch radikalisiert haben. Zwar war München nie ein solches „Sünden-Babel“ wie das Berlin der Zwanziger Jahre, aber einige Bars, Künstlerkneipen und „Vergnügungsetablissements“ wie etwa im Luitpold-Block mit seinem weltberühmten Café, den Billardsälen und dem Ballsaal Luitpold Tabarin gab es trotzdem. Auch davon erzähle ich bei meinen Spaziergängen und zeige das, was davon noch übrig geblieben ist. Leider ist das nicht mehr sehr viel.

Cafe Luitpold

Das heutige Café Luitpold im Luitpold-Block Brienner Straße

 

Im „Spiel der Hoffnung“ sieht es von Beginn an rosiger für meine Heldin aus: Ella verschlägt es 1927 verwaist und völlig mittellos nach München. Um diese Zeit sind die Zwanziger Jahre jedoch tatsächlich so golden, wie immer behauptet wird: Die Wirtschaft brummt, jeder hat eine Wohnung und ausreichend zu essen, das Geld besitzt wieder einen Wert - und man vergnügt sich jetzt erst recht nach Herzenslust. Selbst das behäbige München ist damals an vielen Ecken mondän – und verwandelt sich für Ella in eine wahre Märchenkulisse, in der ihr sogar der berühmte schöne Prinz auf dem Silbertablett serviert wird. Ob man all dem Glitter und Glamour aber wirklich trauen und ihn als Dauereinrichtung begreifen darf oder ob das Ganze nicht doch eher ein Tanz auf dem Vulkan ist, der bald ausbrechen und alle Hoffnungen unter sich begraben wird, davon erzählt der Roman „Spiel der Hoffnung“.

 


Karolinenplatz 

Am Münchner Karolinenplatz, Frühjahr 2016

Bei meinen Spaziergängen führe ich vor, wie sich das München der frühen Zwanziger zum München der Goldenen Zwanziger verhält, welche Parallelen und Gemeinsamkeiten, aber auch welche Unterschiede es gegeben und was es für den einzelnen, wie etwa meine Ella, die damals hier lebte, bedeutet hat.

Eins verspreche ich schon jetzt: es war niemals alles wirklich golden, was glänzt. Warum, das lässt sich am besten erleben, wenn man es einmal vor Ort mit eigenen Augen gesehen hat. Kommen Sie also am besten einmal selbst mit auf die Tour und lasst es euch von mir an den Romanschauplätzen ganz unmittelbar zeigen. Ich freue mich auf Sie!

Ihre Heidi Rehn

 

© für die Fotos 2015/2016: Heidi Rehn

 

Die nächsten Termine:

Sonntag, 25. September 2016

Sonntag, 9. Oktober 2016

Sonntag, 13. November 2016

Beginn jeweils 11 Uhr
Treffpunkt: Brunnen vor dem Hauptgebäude der Universität München, Geschwister-Scholl-Platz
Kosten: 12 EUR pro Person

Anmeldung unter heidi(at)dierehn.de

oder unter 01577/ 93 97 801

 

Weitere Termine und Infos unter www.heidi-rehn.de

 

 

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