Verlagsgruppe Droemer Knaur



Interview: Helen Callaghan im Gespräch mit Gilly Macmillan

Die Bestseller-Autorinnen Helen Callaghan und Gilly Macmillan im Gespräch

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Gilly Macmillan (GM): Du hast 1990 begonnen »Dear Amy« zu schreiben. Was war deine ursprüngliche Inspiration? Wie sehr unterscheidet sich das fertige Buch von deinem ersten Entwurf?

Helen Callaghan (HC): Oh wow – die Fassungen sind sehr unterschiedlich! Ich war sehr jung, als ich begonnen habe, daher war der erste Entwurf kurzatmig und turbulent aber auch sehr holprig. Unabhängig davon war die Kernidee aber schon immer dieselbe: Die Kummerkastentante, die selbst Geheimnisse mit sich trägt, erhält eigenartige Briefe und findet heraus, dass sie nach einem entführten Mädchen suchen muss. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wann mir der Grundgedanke eingefallen ist, aber von da an kam ich mit dem Schreiben sehr schnell voran.

GM: Wie hast du die Figur der Margot, die fesselnd vielschichtige Protagonistin aus »Dear Amy«, ausgearbeitet?

HC: Ich wusste, dass ich über eine Frau schreiben will, die gespalten ist: jemanden, der auf eine Weise fehlerbehaftet und geheimnisvoll ist, aber sich auch unerschrocken für andere einsetzt und Dinge nicht einfach so hinnimmt. So komisch es klingt, Sigourney Weaver in ihrer Rolle in Alien diente als eine große Inspiration für Margot. 

GM: Wie kam es zu deiner Entscheidung, die schaurigen Verbrechen in »Dear Amy« sowohl aus Täter- als auch aus Opfersicht zu schreiben? 

HC: Die Entscheidung diese Sichtweisen miteinzubeziehen habe ich zu einem sehr späten Zeitpunkt im Entstehungsprozess des Buches gefällt. In früheren Fassungen hatte Margot nur die Briefe und die Leser konnten nur raten, was mit den vermissten Mädchen geschieht. Das hatte unumstritten etwas Eindringliches an sich. Aber umso mehr ich darüber nachdachte, desto mehr schien es an Unmittelbarkeit zu fehlen. Letzten Endes entschied ich, dass der Leser an Katies Seite sein muss um ihre Angst wirklich zu spüren und auch um zu verstehen, dass Margot die Zeit davon rennt. 

GM: Wo beginnst du als Autorin, wenn du eine Figur erschaffst, die in der Lage ist solch grausame Verbrechen zu begehen?

HC: Das war für mich ein drängendes Problem [...]. Daher war es meine Herausforderung, meine Charaktere interessant zu gestalten, aber keine deutlichen persönlichen Grenzen zu überschreiten, die so ein Mensch haben würde.
Ich habe mir eine Weile den Kopf darüber zerbrochen und mich daran erinnert, dass in meinem allerersten Entwurf der Bösewicht ein internationaler Verbrecher mit viel Geld, Besitztum, und Komplizen war (wie ich sagte, ich war sehr jung als angefangen habe zu schreiben!). Eindeutig war das eine furchtbare Idee, aber es hat mich zum Nachdenken gebracht: Was wenn dieser Mann sich einbildet oder tagträumt, dass er so jemand ist und diese Machtspiele über seine Opfer ausübt, um diesen Traum zu befeuern? Das hat ihn für mich einfach um ein Vielfaches angsteinflößender gemacht. 

GM: Inwiefern bereichern die griechischen Sagen, die Margot ihren Schülern beibringt, die aktuelle Story von »Dear Amy«? 

HC: Ich liebe griechische Sagen, schon seit ich ein Kind war! Ich glaube, das hat damit zu tun, dass sie so archetypisch und universal sind. Speziell die Furien haben mich immer fasziniert. Diese Idee von verrückter Rache, mit der man ungeschoren davonkommt und die nicht begründet werden kann. Sie interessieren sich nicht dafür, dass du ein besserer Mensch werden möchtest. Sie wollen dich einfach nur umbringen. 
Ich habe die Sagen im Buch bewusst gewählt, um das, was Margot und Bethan zustößt, zu erleuchten und zu ergänzen. Auf dieselbe Weise wie Demeter fieberhaft Persephone sucht, sucht Margot nach Bethan Avery. Somit können die Leser, wenn Margot mit ihren Schülern von diesen Sagen erzählt, ahnen, in welche Richtung es gehen könnte.

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