Verlagsgruppe Droemer Knaur



"Der Circus kommt!" Tanja Weber schreibt über den Zauber des Zirkuslebens

Einleitung

Recherchearbeit in der Welt von Seiltänzern, Clowns und Pferden

„Ringling, das war monumentaler als alles, was Elly zuvor erlebt hatte. Die Artisten kamen aus allen Ecken der Welt. Man unterhielt sich auf Englisch, Spanisch, Französisch, mit Händen und Füßen. Elly war es vorgekommen, als habe ihre kleine Zirkusfamilie sich einfach ums Doppelte, Dreifache, vergrößert. Noch mehr Artisten, noch mehr Tiere, noch mehr Kunststücke. Wenn die Ringling Brothers reisten, dann in einem Zug, der über sechzig Waggons umfasste. Es war der Traum, den Hans Stosch-Sarrasani geträumt hatte, der Traum vom größten Zirkus der Welt. Und sie waren ein Teil davon gewesen, Hans und Elly Simon."

So schreibe ich in meinem neuen Buch „Mein Herz ist ein wilder Tiger“ über den größten Zirkus der Welt, Ringling bros. and Barnum & Baileys. Doch gerade jetzt macht eine traurige Nachricht die Runde, denn eben dieser Zirkusgigant schließt im Sommer endgültig seine Pforten.

Seit vielen Jahren schon macht das Zirkussterben die Runde, zunächst traf es kleine Familienunternehmen, nun den größten Traditionsbetrieb der Branche. Ausschlaggebend war zuletzt der Verzicht auf die monumentalen Elefantenshows, für die Ringling Bros. berühmt war. Dass es mit dieser Tierquälerei ein Ende hat, begrüße ich absolut. Auch ich bin strikt für ein Wildtierverbot im Zirkus.

Dennoch: dass dies gleichbedeutend ist mit dem Aussterben einer jahrhundertealten Kulturtradition, macht mich sehr traurig.

Für das Buch „Mein Herz ist ein wilder Tiger“ habe ich über hundert Jahren Zirkusgeschichte recherchiert und dabei eine großartige und faszinierende Welt entdeckt. Wir blicken in Deutschland auf eine große und sehr berühmte Zirkustradition zurück. Zirkus Busch, Renz, Sarrasani, Hagenbeck – der als Zirkus begonnen hat – und in München immer noch Zirkus Krone, um nur die uns noch bekannten Betriebe zu nennen. Alle sind sie Familienbetriebe, die Kindeskinder setzen in vierter und fünfter Generation fort, was ihre Großväter und -mütter begonnen haben.

Zirkusfamilien vererben ihr Handwerk, ihre Liebe zu den Tieren, mit denen sie arbeiten, und ihren Stolz auf ihre Geschichte schon an die Allerkleinsten. Zu einer Zirkusfamilie gehören nicht nur diejenigen, die miteinander blutsverwandt sind, sondern alle, die im Zirkus beschäftigt sind – die Tiere miteingerechnet.

Zirkusmenschen sind eine ganz besondere Spezies, sie lebten und leben unter schwierigen Bedingungen: sie arbeiten mit vollem Körpereinsatz, oftmals in lebensgefährlichen Nummern, sie sind immer unterwegs, sind nicht versichert und nicht festangestellt. Ihre Lebensverhältnisse sind prekär, aber sie würden niemals mit einem „normalen“ Beruf tauschen wollen. 

Ich bewundere das Ethos der Zirkusmenschen und ich bin im Verlauf der Beschäftigung mit dieser fremden und reizvollen Welt auf die verrücktesten Anekdoten gestoßen. So zum Beispiel auf diese hier:

„Erfinde die Brillantbrosche, die 1 Mark kostet und für 10 Mark Krawall macht.“

So der Auftrag von Paul Busch, Zirkusdirektor a.D. an seine Tochter, Paula Busch. Und die gibt ihr Bestes, um den Papa nicht zu enttäuschen. Sie schreibt erfolgreiche "Pantomimen", für die die Buschs weltberühmt werden. Der größte Knüller jedoch sind die Wasserpantomimen. Der Boden der Manege des Zirkus Busch kann 3,5 m hydraulisch abgesenkt werden und wird allabendlich mit 30 000 Litern Spreewasser geflutet.

Artisten und Tiere schwimmen, tauchen, gleiten über Rutschen ins Wasser (auch Elefanten und Tiger!), können durch Unterwassertunnel sogar ungesehen aus dem Bassin verschwinden. Segelboote und Dampfer fahren auf den künstlich aufgepeitschten Wellen, Artisten stürzen sich auf ihren Pferden von der Zirkuskuppel in die Fluten.

Anfang des 20. Jahrhunderts!

Wer braucht da noch Fernsehen?

Wagemutige Frauen, starke Männer, tolldreiste Clowns und anbetungswürdige Artisten entführen uns für die kurze Zeit einer Vorstellung in einen phantastischen Traum.

Um wie viel ärmer wären die Literatur und auch der Film ohne Werke wie „Wasser für die Elefanten“, „Schifffahrt mit Tiger“, „Artisten in der Zirkuskuppel ratlos“ oder „Zirkuskind“.

Wer als Kind selbst den Zirkus geliebt hat und heute Kindern dabei zusieht, wie sie mit offenem Mund die Kunststücke der Zirkuskünstler verfolgen, muss um jeden Zirkus, der seine Pforten dicht machen muss, trauern.

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