Verlagsgruppe Droemer Knaur



Das Haus der schönen Dinge

Einleitung

Eine kleine Geschichte von Kauf- und Warenhäusern

Welche Pracht und welche Verlockungen! Bis heute kann man im KaDeWe in Berlin, in den Galeries Lafayette in Paris, bei Harrod´s in London oder bei Macy´s in New York bewundern, welche Paläste man vor allem gegen Ende des 19. und im frühen 20. Jahrhundert dem Einkaufen errichtet hat. Dort, wo einen gigantische Lichthöfe, marmorverzierte Säulen, kostbare Kristalllüster und atemberaubende Glaskuppeln empfangen, wird Einkaufen zum Fest der Sinne. Online-Shopping kann dabei nicht mithalten. Umso erstaunlicher, dass die meisten dieser Konsumtempel ebenso wie das dort praktizierte Marketing Errungenschaften schon des 19. Jahrhunderts sind.

Davon erzählt mein neuer Roman „Das Haus der schönen Dinge“, in dessen Zentrum die jüdische Kaufhausdynastie Hirschvogl steht. Ihre Geschichte beginnt im München der Prinzregentenzeit und reicht bis in die Jahre, in denen der Terror der Nationalsozialisten der einstigen Pracht ein bitteres Ende setzte. Die Hirschvogls wie auch ihr Kaufhaus am Rindermarkt, im Herzen Münchens, gleich ums Eck von Marienplatz und Rathaus, sind zwar frei erfunden, aber ihr Schicksal orientiert sich an der wahren Geschichte jüdischer Kaufmannsfamilien, die zu jener Zeit mit ihren Kauf- und Warenhäusern in München ansässig waren – ganz nach dem Motto „erzählen, wie es gewesen sein könnte“. 

Gleich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eröffneten in der damaligen Kunststadt an der Isar binnen weniger Wochen gleich zwei monumentale Warenhäuser nah beieinander – der Hermann Tietz am Münchner Bahnhofsplatz (damit übrigens das erste große Haus des später marktbeherrschenden Unternehmens) und der Oberpollinger eingangs der Neuhauser Straße, beide errichtet nach Plänen des berühmten Architekten Max Littmann, der nicht zufällig auch für seine Theaterbauten (u.a. Kammerspiele und Prinzregententheater in München, Schiller-Theater in Berlin-Charlottenburg) berühmt ist. Beides Warenhäuser über mehrere Etagen! Mit pompösen Treppenaufgängen im riesigen Lichthof! Und einem Warenangebot, das einem der Mund vor Staunen offen stehen blieb: Galanteriewaren, Kleidung, Stoffe, Parfums, Lebensmittel, Geschirr, Spielzeug, und, und, und … So etwas kannte man damals noch nicht – zumindest nicht in München. Kein Wunder, dass diese Läden zu gefeierten Attraktionen wurden.

So muss es auch schon den Menschen Mitte des 19. Jahrhunderts ergangen sein, als in Paris mit dem Au Bon Marché oder in London mit Harrod´s oder Liberty´s die ersten großen Warenhäuser Europas eröffneten. So etwas hatte es zuvor nirgendwo gegeben. Neu war vor allem: Man durfte in diese Kaufhäuser einfach hineingehen, ohne Eintritt zu bezahlen (wie das zuvor etwa in den Grand Bazars in Paris üblich gewesen war), durfte das Warenangebot bestaunen, ohne etwas kaufen zu müssen, und entdeckte an jedem einzelnen Stück einen feststehenden Preis. Im Gegenzug wurde bei Kauf Barzahlung verlangt, auch war kein Feilschen möglich, denn die Preise lagen eindeutig fest. Dafür gab es Sonderpreisaktionen oder Rabatte sowie bald auch saisonbedingte Angebote. Die Revolution des Einkaufens begann! Das sind die Grundlagen dessen, was wir bis heute mit „Shoppen“ verbinden und natürlich auch genießen. 

Kaufhaus Barrasch in Breslau, bauliches Vorbild "meines" Hischvogls

© Alexander Rehn

Es dauerte nicht lange, bis auch in Deutschland die ersten Kauf- und Warenhäuser nach den Mustern aus Paris und London entstanden. Berühmt sind vor allem die Familien Tietz, Wertheim und Schocken geworden, die in mehreren Städten Filialen eröffneten und auch die Unternehmen Kaufhof und Karstadt gründeten. Daneben gab es natürlich zahlreiche Lokalmatadoren, die mit einem einzigen großen Haus in ihrer Stadt für Furore sorgten. In Berlin etwa das KaDeWe und in München Heinrich Uhlfelder im Rosental, Roman Mayr und Ludwig Beck am Marienplatz sowie Isidor Bach (heute Konen) in der Sendlinger Straße. Selbst Hermann Tietz hatte sein erstes großes Warenhaus in München (und nicht in Berlin) – am Bahnhofsplatz, wo es bis heute steht und inzwischen als Karstadt firmiert. 

Ganz egal, ob klein oder groß, regional oder überregional: Wie schon die Vorbilder vor allem in Paris prägten diese Kaufhäuser die Einkaufskultur nachhaltig. Hermann Tietz etwa und sein Neffe und zugleich auch Adoptivsohn Oscar erwiesen sich als wahre Marketing-Genies. Zum einen verstanden sie es, beispielsweise die Advents- und Weihnachtszeit zu einem Höhepunkt des Einkaufens zu machen. Das Haus wurde von oben bis unten weihnachtlich dekoriert, es gab Sonderverkaufsflächen für Spielzeug, Luftballons für die Kinder, Blumen für die weibliche Kundschaft, Rauch- und Lesezonen für die Herren, die auf ihre einkaufsbegeisterten Damen warteten. Die ruhigere Nachweihnachtszeit belebten sie dann etwa mit den „weißen Wochen“, in denen es vor allem weiße Wäsche, weißes Geschirr u.v.m. zu Sonderpreisen gab. Daneben machten sie den Münchnern etwa die damals noch sehr exotischen Tomaten schmackhaft, ließen sie waggonweise aus Italien heranschaffen, um die Kundschaft dank niedriger Preise zum Kauf zu verlocken und an das neue Gemüse zu gewöhnen. Fortan war es von den Speisezetteln nicht mehr wegzudenken.

Die meisten der Kaufhausunternehmen in Deutschland befanden sich ganz oder mehrheitlich im Besitz jüdischer Eigentümer. Das führte schon bald dazu, dass die Kritik an solchen „Großbetrieben“ in antisemitischen Angriffen gipfelte. Man warf den Besitzern vor, mit ihren riesigen Warenhauspalästen die ansässigen kleinen Geschäfte zu verdrängen, weil sie eine größere Auswahl an Waren zu natürlich besseren Preise bieten würden. Weil sie außerdem große Warenmengen zu für sie günstigen Bedingungen bei den Lieferanten bestellten, würden sie angeblich auch die Lieferanten und letztlich die Hersteller unter Druck setzen. Überhaupt sei die internationale Verflechtung der jüdischen Kaufleute schädlich, denn, so hieß es weiter, damit beherrschten sie im In- und Ausland den gesamten Markt und saugten den Kunden das Geld aus der Tasche. Sehr früh schon wurde deshalb etwa eine gesonderte „Warenhaussteuer“ erhoben, die den Gewinn dieser Geschäftsform schmälern sollte und sich vorrangig an die überwiegend in jüdischer Hand befindlichen Unternehmen richtete. 

Ab dem Ersten Weltkrieg verstärkte sich der Antisemitismus und führte in München schon in den Zwanziger Jahren zu ersten Ausweisungsaktionen (1920 und 1923) gegen (ost-)jüdische Bürger. Den Kauf- und Warenhausbesitzern warf man neben der Verdrängung kleiner, nicht-jüdischer Geschäfte jetzt ganz offen gewissenloses Gewinnstreben vor. Die Nazis forderten eine komplette Zerschlagung der Warenhäuser und gründeten dazu einen „Kampfbund für den gewerblichen Mittelstand“, der den Einzelhandel stärken sollte. 

Mit Beginn der Machtergreifung durch Hitler und die NSDAP 1933 setzten binnen weniger Wochen massive Boykottaktionen und zahlreiche Restriktionen gegen jüdische Geschäfte und Kaufhäuser ein. Interessanterweise aber wurde zur selben Zeit der nationalsozialistische „Kampfbund für den gewerblichen Mittelstand“ aufgelöst. Die braunen Machthaber hatten schnell erkannt, welch wirtschaftliche Bedeutung vor allem die großen Warenhausunternehmen für Deutschland besaßen. Sie schufen Arbeitsplätze, sicherten die Versorgung der Bevölkerung und gewährleisteten dank ihrer internationalen Geschäftskontakte, dass das Misstrauen gegen Hitler-Deutschland im Ausland nicht zu schnell wuchs. Statt die (jüdischen) Warenhäuser zu zerschlagen, ging man dazu über, sie nach und nach in „arischen“ Besitz zu bringen. Natürlich nicht zu fairen Konditionen. Je weiter die Gesetze und Maßnahmen gegen Juden ausgearbeitet wurden, je größer wurde der Druck auf die jüdischen Unternehmer, ihren Besitz zu verkaufen. So wurden auch die Kauf- und Warenhäuser mit immer größeren Verlusten an neue – arische – Besitzer überschrieben. Einige – wie etwa Heinrich Uhlfelder in München – wurden allerdings komplett liquidiert. 

Das war das Ende einer ganzen Kultur. Auch wenn viele der Häuser in den Händen der neuen Besitzer den Krieg überstanden und nach 1945 ein Ausgleich mit den einstigen jüdischen Besitzern erfolgte, waren es nicht mehr dieselben Kauf- und Warenhäuser wie zuvor.

Der Standort "meines" Hirschvogls in München - 2016 eine Baulücke 

© Heidi Rehn

In meinem Roman „Das Haus der schönen Dinge“ durchlebt die Familie Hirschvogl die Höhen und Tiefen der Warenhausdynastien jener Zeit, verknüpft mit ihren ganz persönlichen Geschicken. Drei Generationen werden Sie mit nervenaufreibenden Rivalitäten über Beinahe-Konkurse, unerfüllte Liebe, Eifersucht, dreisten Betrug bis hin zu hinterhältigen Intrigen und heldenhaftem Mut in Atem halten. Ob es ein Happy End gibt? Das wird hier natürlich nicht verraten!

Natürlich biete ich zu diesem Buch auch wieder meine beliebten „Romanspaziergänge“ an, bei denen ich zu einigen wichtigen Schauplätzen der Geschichte führe und dort viele weitere Infos aus meinen umfangreichen Recherchen als Hintergrundwissen beisteuere. Außerdem gibt es dabei ausreichend Gelegenheit, einen Einblick in meine „Romanwerkstatt“ zu bekommen und mitzuerleben, wie aus realer Geschichte Fiktion wird. Dieses Mal geht die Tour auf den Spuren der Warenhausdynastien durch die Münchner Innenstadt. Weitere Infos und Termine auf meiner Homepage www.heidi-rehn.de. Ich freue mich auf Sie!

Ihre Heidi Rehn

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