Verlagsgruppe Droemer Knaur

So liest man heute.

Gabriella Engelmann im Interview zu "Strandfliederblüten"

Gabriella Engelmann gewährt Einblicke in ihren neuesten Roman "Strandfliederblüten", in die wunderbare Welt der Halligen und darauf, wie gut ein Perspektivwechsel dem Leben tut!

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Liebe Leserin, lieber Leser,

ich möchte Sie herzlich dazu einladen, in die Welt meines neuen Romans „Strandfliederblüten“  einzutauchen. Eine Welt, in der Familiengeheimnisse, Selbsterkenntnis, Achtsamkeit und die Liebe zur Natur eine große Rolle spielen. Steigen Sie gemeinsam mit mir auf einen Leuchtturm, und verändern Ihre Sicht auf die Dinge. Folgen Sie mir in die zauberhafte Welt der Halligen, und verfallen Sie dem Charme der nordfriesischen Städte Husum und Friedrichstadt. Aber vor allem: Genießen Sie das Leben im Hier und Jetzt, denn jeder Augenblick ist unendlich kostbar.

Ihre Gabriella Engelmann

Ihr Roman "Strandfliederblüten" spielt auf der fiktiven Hallig Fliederoog. Wieso haben Sie sich einen fiktiven Handlungsort ausgesucht?

Keine der real existierenden Halligen entsprach dem Bild, das ich mir vor meinem inneren Auge vom Handlungsort gemacht hatte. Ursprünglich hatte ich Langeneß, aber vor allem Oland als Setting gewählt, weil beide Halligen eine tolle Romankulisse geboten hätten. Auf Oland steht aber schon ein Leuchtturm, da hätte ich noch einen zweiten und eine weitere Warft dazu „bauen“ müssen. Also erschuf ich in meiner Fantasie Fliederoog, und konnte mich dabei so richtig austoben. Die Endung „Oog“ bedeutet auf Friesisch Insel. Und da auf den Halligen traumschöner Strandflieder wächst, wurde aus dem Eiland zwischen Amrum und Föhr passenderweise Fliederoog.

Können Sie uns etwas zu den Halligen des nordfriesischen Wattenmeers erzählen? Was gefällt Ihnen an den Halligen besonders?

Ich habe unzählige Bücher über die Halligen gelesen, sowohl Sachbücher als auch Romane, und fast alle Dokumentationen geschaut, die ich in die Finger kriegen konnte. Halligen sind keine Inseln im klassischen Sinn und zumeist winzig klein, teils nur schwer erreichbar. Dass die Naturgewalten diesen „Perlen im Wattenmeer“ noch mehr zusetzen als den Inseln oder der nordfriesischen Küste, das fasziniert mich. Ebenso, dass in einem solchen Mikrokosmos jede einzelne Romanfigur, jeder einzelne Handlungsschritt von noch größerer Bedeutung ist, als es sonst der Fall wäre. Auch der Zusammenhalt der „Halliglüüd“ ist für mich faszinierend. Man kann sich nicht aus dem Weg gehen, ist aufeinander angewiesen – das macht etwas mit den Menschen, die dort leben. Ein nahezu beispielloses Zusammenleben, das sicher nicht immer einfach ist, aber wunderschöne Realität.

Zum Zusammenleben auf der Hallig gehören auch Schafe - auf der Wiese oder auf der Straße!


Welche der zehn Halligen haben Sie während Ihrer Recherche zu "Strandfliederblüten" besucht? 

Während meiner Recherche-Reise zu Strandfliederblüten habe ich die Hamburger Hallig besucht. Schon der Weg zum Restaurant Hallig Kroog war ein echtes Abenteuer, denn die Schafe haben dort das Sagen und zeigen sich nicht im Mindesten davon beeindruckt, wenn man mit dem Auto oder dem Fahrrad an ihnen vorbei will. Auch nicht, wenn man als Autorin auf Recherche-Trip ist ;-) 

Ich fand es ganz wunderbar auf der Hamburger Hallig, denn dort herrscht eine ganz besondere Atmosphäre: Es ist alles winzig klein, erinnert an das Auenland, und macht Lust auf mehr. Darum  möchte ich, sobald es meine Zeit und die Wetterverhältnisse zulassen, sehr gerne so bald wie möglich nach Oland, Hooge und Langeneß.

Neben der Hallig Fliederoog kommen auch die Schauplätze Husum und Friedrichstadt in Ihrem Roman "Strandfliederblüten" vor. Können Sie uns etwas zu diesen beiden Städten erzählen? 

Um meine Leserinnen im Roman auch an real existierende Orte zu führen, spielen einige Kapitel in Husum, der grauen Stadt am Meer, die – egal bei welchem Wetter – wunderschön ist und viel zu bieten hat: den Hafen, das Schloss, süße Läden, jede Menge Historie, ein schönes Umland und natürlich ganz viel Theodor Storm. Besonders gut hat mir das ganzjährig geöffnete Weihnachtsmuseum gefallen, in dem es echte Schätze zu entdecken gibt und nordfriesische Tradition liebevoll bewahrt wird.

Ein weiteres ganz besonderes Recherche-Highlight war für mich das Holländerstädtchen Friedrichstadt, wo ich zum ersten Mal war. Idyllisch an der Treene gelegen, wunderschöne Architektur, malerische Giebelhäuser, rosenumrankte Eingänge und die zahllosen Grachten, die man am besten mit dem Schiff oder einem Boot erkundet. Sehr zu empfehlen: die Seerosenblüte, ein wunderschönes, nahezu magisches Erlebnis.

Eine Grachtenfahrt auf der Treene - wunderschön!


Wie sind Sie zum Thema Achtsamkeit gekommen? Hatten Sie sich privat bereits vor dem Roman "Strandfliederblüten" mit Achtsamkeit beschäftigt?

Ich beschäftige mich seit Langem mit Psychologie und Spiritualität, und im Zuge dessen seit nunmehr zehn Jahren mit Buddhismus, ganz speziell mit dem Thema Achtsamkeit. Hier haben es mir ganz besonders die Schriften des vietnamesischen Zen-Mönchs Thich Nhat Hanh angetan, weil ich seine Lehre als sehr liebevoll, lebensnah, bodenständig und gut umsetzbar empfinde. Letztlich geht es immer darum, wieder zu unseren Ursprüngen zurückzukehren und intuitiver zu leben – so wie wir es als Kind getan haben. Leider haben wir vieles, das uns eigentlich guttut, im Laufe des Älterwerdens verloren, oder es wurde uns regelrecht „abtrainiert.“

Inwiefern spielt Achtsamkeit heute eine Rolle in Ihrem eigenen Leben?

Ich arbeite in einem Beruf, der mich auf vielen Ebenen fordert, und habe auch insgesamt sehr viel „um die Ohren“, wie man so schön sagt. Dabei verzettle ich mich häufig, und fühle mich dann sehr schnell erschöpft. Dem wollte ich entgegensteuern. Mir die genauen Begleitumstände und Ursachen eines dauerhaften Stresspegels klar zu machen, war der erste Schritt. Den Fokus auf das Hier und Jetzt zu legen und darauf zu achten, nicht alles auf einmal und möglichst schnell zu erledigen, hilft mir enorm. Die meisten werden das kennen: Man beeilt sich aus irgendeinem Grund, wird dadurch hektisch, und es unterlaufen einem plötzlich Fehler, die gar nicht entstanden wären, wenn man zuvor fokussierter und ruhiger an alles herangegangen wäre. Doch natürlich klappt das alles nicht immer, wie ich es gern hätte, weil ich immer mal wieder in alte Muster zurückfalle, obwohl sie mir schaden. 

Es geht deshalb darum, in jedem Augenblick im Hier und Jetzt zu sein, und die Dinge möglichst wertfrei zu nehmen, anstatt sie zu Tode zu analysieren. Alles kann sich innerhalb weniger Sekunden ändern, und da wäre es doch schade, wenn man die Kostbarkeit des jetzigen Moments zerstört, indem man ständig grübelt oder in Gedanken schon im Morgen ist. „In der Ruhe liegt die Kraft“ ist ein sehr, sehr weiser Spruch, den man sich täglich mehrmals sagen und verinnerlichen sollte. Jeder, der das einmal ausprobiert hat, weiß, wie viel Wahrheit in diesem simplen Satz steckt. Und wie viel Kluges. Konkrete Anregungen für den Alltag finden Sie auch in meinen Achtsamkeits-Tipps im Roman Strandfliederblüten. Zum Beispiel keine Probleme beim Essen zu wälzen, sich jeden Tag über kleine Dinge zu freuen – und nicht alles auf einmal zu tun. 

In "Strandfliederblüten" spielt unter anderem ein Leuchtturm eine wichtige Rolle. Welche Bedeutung beziehungsweise welchen Symbolgehalt haben Leuchttürme für Sie?

Leuchttürme erheben sich majestätisch über der Landschaft und dem Meer. Ihre weiß-roten Streifen harmonieren tagsüber perfekt mit dem blauen Himmel, die langen Leuchtfinger des Turms streifen in den Nächten über die dunkle See und malen Lichtbilder aufs Wasser. Kein Wunder, dass Leuchttürme ein klassisches Postkartenmotiv sind. Ihre eigentliche Anziehungskraft besteht für mich jedoch darin, dass sie zugleich Wegweiser und Beschützer sind. Bevor sie erfunden wurden, verloren unzählige Menschen ihr Leben auf See, heutzutage kaum vorstellbar. 

Wer einmal auf einen Leuchtturm geklettert ist, wie ich auf den von Westerheversand (dem realen Vorbild von „Adas“ Turm), weiß, dass der Blick von oben völlig neue Perspektiven eröffnet und sprichwörtlich den Horizont erweitert.

Der Leuchtturm und ein Blick von oben - die Welt sieht ganz anders aus!

Die Hauptfigur Juliane deckt in "Strandfliederblüten" ein Familiengeheimnis auf. Was macht für Sie die Faszination von Familiengeheimnissen aus?

Zunächst einmal finde ich den Kosmos Familie an sich schon faszinierend. Menschen unterschiedlichster Art, mit verschiedenen Temperamenten, die sich unter anderen Umständen vielleicht nie zusammengetan hätten, werden von einem Band zusammengehalten, das man gemeinhin als Blutsbande bezeichnet. Diese Form der Zwangsgemeinschaft kann, wenn sie ins Negative kippt, auch bis aufs Blut reizen. Vieles, das als sogenanntes Familiengeheimnis unter den Teppich gekehrt wird, bahnt sich früher oder später seinen (oft unguten) Weg an die Oberfläche. Wir alle kennen Beispiele dafür und haben sie nicht selten selbst erlebt. Juliane leidet darunter, dass sie nichts von ihrer verstorbenen Großmutter wusste. Adas Tod löst eine Fülle von Ereignissen aus, die Juliane überrollen, weil sie sie nicht kommen sieht …

Passend zum Roman "Strandfliederblüten" entstand der Song "Bring mich zurück zu mir "(Leuchtturm). Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Song zum Buch aufzunehmen?

Beim Schreiben habe ich meistens einen „Soundtrack“ im Ohr – in jedem meiner Bücher taucht mindestens ein Lied auf, das eine zentrale Rolle spielt, weil es entweder das Thema aufgreift oder die Gefühlswelt meiner Figuren widerspiegelt. Diesmal wollte ich nicht auf einen bereits existierenden Song zurückgreifen, sondern, parallel zum Buch, etwas Eigenes kreieren, das den Romanstoff auf einer anderen Ebene weitererzählt. Ähnlich wie Illustrationen im Bilderbuch, die die Geschichte nicht eins zu eins abbilden und stattdessen eine ganz eigene, magische Welt erschaffen. Da ich keine Musikerin bin, übergab ich den Zauberstab an Tico von Ticos Orchester.

Kannten Sie die Band Ticos Orchester schon vor der Zusammenarbeit? Wie kam die Zusammenarbeit zustande?

Ich kenne die Band durch einen guten Freund und begleite sie quasi schon von Beginn ihrer Karriere an. Mal abgesehen davon, dass diese fünf Musiker äußerst talentiert und sympathisch sind, ihre Musik mitreißend und tanzbar ist, faszinierten mich die Texte. Sie stammen aus der Feder von Bandleader Tico. Er ist ein echter Wortkünstler, und ich finde mich in allem wieder, was ihn bewegt. Wir ticken teilweise ähnlich und beschäftigen uns beide mit dem Thema Achtsamkeit.

Schon bei der Release-Party ihres ersten Albums Wir sind hier dachte ich: Mit dieser Band würde ich gern mal zusammenarbeiten. Als die Idee zu "Strandfliederblüten" geboren wurde, habe ich Tico gefragt, und er war spontan Feuer und Flamme, genau wie der Rest der Band.

Literatur trifft Musik – keine seltene Kombination, aber immer eine spannende.

Inwiefern waren Sie an der Entstehung und Aufnahme des Songs "Bring mich zurück zu mir" (Leuchtturm) beteiligt? 

Ich habe Ticos Orchester von Anfang an gesagt: Das ist euer Song! Für mich war es unglaublich aufregend zu sehen, was das Exposé, also der kurze inhaltliche Abriss des Romans, in Tico auslösen und welche Bilder es in seinem Kopf entstehen lassen würde. Auch beim Titel habe ich ihm freie Hand gelassen und bin sehr glücklich mit „Bring mich zurück zu mir“, weil es wunderbar zusammenfasst, worum es im Roman geht: darum, zu sich selbst zurückzufinden, und sein Glück selbst in die Hand zu nehmen. Der Kapitän seines eigenen Lebens zu sein, und sich nicht willenlos von den Wellen und Wogen hin- und herschaukeln zu lassen. 

Nachdem der Song fertig komponiert war, stellte sich die Frage, ob ich selbst mitsingen würde – wozu ich große Lust hatte. Aber auch da habe ich dem Orchester die Hoheit überlassen. Nach einer Probe war klar: Ich durfte als Begleitstimme zwei Strophen singen. Die Aufnahme im Studio gehört zu meinen absoluten Highlights, das war ein ganz besonderes Erlebnis, das ich sicher nie vergessen werde. Ich freue mich jetzt schon auf Konzertlesungen mit der Band.

© aller Fotos Gabriella Engelmann

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