Verlagsgruppe Droemer Knaur



Auf dem roten Teppich: Arvid Heubner

"Man sollte all die Dinge betreiben, die der Vervollkommnung des eigenen persönlichen Anspruches dienen"

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Beschreiben Sie sich mit drei Worten

Empathisch. Weltoffen. Pedantisch.

Was macht Ihnen schlechte Laune, was macht Ihnen Freude?

Also von der AfD bekomme ich schlechte Laune bis hin zum Brechreiz. Leute, die sich anmaßen, über Dinge den Hammer des Urteils zu schwingen, von denen sie rein gar nichts verstehen.

Freude bereiten mir hingegen Menschen wie die tschechische Pfadfinderin Lucie Myslíkova, die sich wildgewordenen Neonazis mit einem Transparent entgegengestellt hat, auf welchem stand „Wir werden eure Kinder erziehen“. So couragiert und souverän für ein friedliches Miteinander und Zusammenleben mit Menschen aus aller Welt zu werben, kann ich einfach nur bewundern. Jugend voran!

Sie können Frühstück, Mittag- und Abendessen an drei unterschiedlichen Orten auf der Welt einnehmen – wohin führt Sie diese Reise?

Als überzeugter Europäer: Frühstück in Madrid, Mittagessen in Prag und zum Abendessen finden wir uns schließlich auf Schloss Tjolöholm am schwedischen Kungsbackafjord ein; dort, wo Lars von Triers „Melancholia“ spielt.

Kaffee oder Tee?

Tee natürlich. Was für eine Frage!

Wie sieht ein perfekter Tag für Sie aus?

Da lohnt es sich, über Theodor Storms „O süßes Nichtstun“ nachzudenken. Für sich genommen eine Tagesaufgabe, wenn man es ernsthaft betreibt.

Woher kommen die Inspirationen zu Ihren Büchern?

Ich bin grundsätzlich ein sehr politisch denkender Mensch, also finde ich da meine Themen. Und die besten Geschichten schreibt immer noch das Leben selbst.

Neben der Arbeit als Schriftsteller – was wären alternative Berufe für Sie? Und warum?

Ich habe ja bereits ein abgeschlossenes Musikstudium. Aber mal ehrlich: Wozu die Ausschlusskriterien? Winston Churchill zum Beispiel war Politiker, Schriftsteller, Maler und Schöngeist in einem. Ergo: Man sollte all die Dinge betreiben, die der Vervollkommnung des eigenen persönlichen Anspruches dienen.

Haben Sie einen Lieblingsautor? Wer ist es und weshalb?

Sir Arthur Conan Doyle. Seinen Sherlock Holmes habe ich bestimmt schon gefühlte tausend Mal gelesen und es gibt immer noch Neues zu entdecken. Der Autor erweist sich als kritischer Chronist seiner Zeit, der in seinen Sittenbildern die menschlichen – oft nachvollziehbaren – Abgründe von Verbrechen beschreibt, ohne den Leser in irgendeiner Weise zu bevormunden. Dazu war er ein journalistisches und wissenschaftliches Genie, der es als einer der ersten wagte, Robert Kochs Tuberkuloseforschungen anzuzweifeln.

Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?

Michael Connellys „Black Box“.

Welches Buch sollte jeder einmal gelesen haben?

Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“. Fallada hat eine so ungekünstelte, menschlich anrührende Sprache. Der erste Roman eines deutschen nicht-emigrierten Schriftstellers über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus beschreibt das Leben und Sterben des Ehepaars Quengel. Zivilcourage ist ein Thema, das niemals an Aktualität verliert.

Welche Person – aus Roman, Film oder dem öffentlichen Leben – würden Sie gerne treffen? Und was würden Sie zu ihm/ihr sagen?

Die Schauspielerin Emilia Schüle. Ich würde ihr sagen: „Ihr Spiel finde ich ganz famos!“

Bei welchem historischen Ereignis wären Sie gerne Zeuge gewesen?

Bei einem Ereignis, dessen Zeuge ich war, ohne es bewusst realisiert zu haben: Der friedlichen Revolution von 1989/90. Damals war ich gerade einmal in der 1. Klasse. Ich muss gestehen, dass ich ein ziemliches sozialistisches Musterkind war. An Dinge wie die unverbrüchliche Treue zu den Freunden in Moskau habe ich geglaubt, Erich Honecker war so etwas wie ein Idol. Aus meinem Elternhaus kam das nicht, da hat das staatliche Erziehungssystem ganze Arbeit geleistet. Als ich eingeschult wurde, war für uns Kinder die Welt noch in Ordnung. Persönlich hatte ich auch nie das Gefühl, mir würde irgendetwas fehlen, ich wuchs ziemlich behütet auf. Von den Bevormundungen, der Willkür und Gängelei, welche meine Eltern im Alltag zu ertragen hatten, wusste ich ja nichts. Nichts von dem sinnlosen und hohlen Phrasengewäsch, das bei jedem mit Vernunft ausgestatteten Menschen dazu führen musste, die Schnauze einfach nur noch gestrichen voll zu haben. Auch nicht davon, dass zum Zeitpunkt meiner Einschulung es bereits an allen Ecken und Enden brodelte und brannte, die Leute in Scharen das Land verließen.

Vom ostdeutschen Filmkomponisten Peter Gotthardt („Die Legende von Paul und Paula“) gibt es ein Lied mit dem Titel „Mami, wo ist Onkel Erich?“, das meine Gefühlslage ziemlich genau beschreibt. Zu jung, um zu verstehen, was da vor sich ging. Alt genug, um am Ende mit der Erkenntnis dazustehen, dass einem irgendwas weggenommen wurde.

Plötzlich durfte man in den Westen, Onkel Erich gab es nicht mehr, denn er hatte „einen Fehler gemacht“. Eines Tages war man „Westen“. Das kann ziemlich beunruhigend sein, wenn man es nicht versteht, weil es einem niemand erklärt.

Heute bin ich in dem Alter, in welchem meine Eltern damals waren. Ich wünschte mir, es als Erwachsener noch einmal erleben zu können, um endlich zu verstehen, ab welchem Moment damals alles kippte und die gewohnte Welt zusammenbrach. Vielleicht würde das jenen letzten Rest von Verlustgefühl beseitigen, welches ich unwillkürlich manchmal noch empfinde. Was war es, das einen in unschuldigen Jahren so verführen konnte?

Wenn Sie die berühmten drei Wünsche frei hätten, wie sähen sie aus?

Da halte ich es mit dem US-amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr.

1. Die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann.

2. Den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann.

3. Die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Was ist Ihre Lebensphilosophie?

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Erich Kästner

Haben Sie schon das nächste Projekt im Kopf?

Ja.

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