Verlagsgruppe Droemer Knaur



Marie Matisek: Mirabellensommer

Einleitung

Ein Buch voller Sonne - und die bitteren Schatten der Realität

Der 14. Juli ist ein wunderbarer Sommertag. Ich habe mir zum Abschluss des Tages ein Glas Rosé eingeschenkt – Reminiszenz an den zurückliegenden Frankreich-Urlaub. So genieße ich den Tagesausklang.

Ich war fleißig an diesem Tag, die Arbeit an meinem Roman „Mirabellensommer“ neigt sich dem Ende zu. Es macht mir großen Spaß, daran zu schreiben, ich liebe die Charaktere, die ich erschaffen habe – Babette und Aristide Babajou, die kleine Haushälterin Ségolène und ihren Mann Gilbert, die allesamt bereits in „Sonnensegeln“ eine kleine Rolle hatten. Aber auch die Neuen mag ich, den jungen Rachid und seine etwas sperrige Liebe Julie.

Kurz nach elf an diesem Abend habe ich das Glas Wein geleert und beschließe, zu Bett zu gehen. Nur noch mal kurz ins Internet gehen. Die schockierenden Nachrichten springen mich an – es ist ein Schock, ich kann es nicht glauben, dass so etwas Furchtbares geschehen ist! Ein Attentäter fährt mit einem LKW auf der beliebten Promenade des Anglais in Nizza in die Menge Feiernder, die sich zum Nationalfeiertag der Franzosen ein Feuerwerk ansehen. Er tötet 86 Menschen, mehr als 400 werden verletzt.

Mein Herz schlägt schneller, Tränen treten mir in die Augen – wie schon bei den schrecklichen Anschlägen zuvor in Paris. Aber an diesem Abend rückt der Schrecken für mich noch näher – denn nur wenige Wochen zuvor war ich genau dort, wo jetzt das Grauen passiert. Mit meiner Tochter und meiner besten Freundin in Nizza, auf der Promenade des Anglais. Ein Eis von Fenocchio in der Hand sind wir fröhlich zum Strand spaziert und haben die Zehen ins Mittelmeer gesteckt.

Das wunderschöne Nizza mit seinen typischen Fassadenfronten ist der Handlungsort von "Mirabellensommer"

Mir gefriert das Blut in den Adern. Ich kann nicht verstehen, wie jemand so etwas Entsetzliches tun kann. Menschen töten. Menschen, die feiern, die fröhlich sind, die sich am Leben erfreuen.

Es hätte mich treffen können. Meine Tochter. Freunde. Es kann jeden von uns treffen, immer und überall.

Weil ich die Bilder nicht ertrage, mache ich den Computer aus und versuche, zu schlafen.

Am nächsten Tag kehre ich an den Schreibtisch zurück. Aber ich kann nicht schreiben. An dem Tag nicht und nicht am nächsten. Diese fröhliche, lebenslustige Geschichte, die von südlichem Flair erzählt, von Liebe und der Lust am Leben – wie soll ich sie angesichts des Attentats zu Ende bringen? Meine Helden wohnen genau dort, in Nizza, unweit der Promenade des Anglais.

Muss ich die Arbeit an „Mirabellensommer“ abbrechen?

Dürfen wir Autoren und Autorinnen solche Geschichten jetzt überhaupt erzählen? Geschichten, die von der Heiterkeit und der Leichtigkeit erzählen? Ist es von Belang, eine humorvolle Sommergeschichte zu schreiben, angesichts des Elends und Schreckens, das uns in diesen Tagen überall erreicht?

Es dauert zwei Tage und viele, viele Gespräche mit Freunden, Kollegen und Lesern, bis ich die Antwort für mich gefunden habe. Ja, gerade jetzt! Jetzt erst recht! Es geht nicht darum, dass wir die Augen vor der Welt verschließen. Es geht darum, die Herzen zu öffnen!

Mirabellensommer“ handelt von den alltäglichen Widrigkeiten, aber auch den Freuden des Alltags. Es gibt eine Ehekrise ebenso wie eine große Liebe. Kleine und große Katastrophen passieren, aber meine Helden und Heldinnen überstehen sie, weil sie das Leben lieben und sich einfach nicht unterkriegen lassen. Sie weinen und sie zweifeln, aber mindestens ebenso oft lachen und tanzen sie, genießen die Sonne und das Essen und den Wein, treffen sich mit ihren Kindern und Freunden und erzählen sich Geschichten. Sie helfen einander und fallen sich glücklich in die Arme. Kurz: sie tun all das, was wir alle tun, egal, wie die Zeiten sind. Leben.

Das ist es, was wir dem Terror entgegensetzen müssen: uns am Leben erfreuen und unserer Umwelt mit Liebe und Respekt begegnen.

Gute Bücher lesen.

Und schöne Geschichten erzählen.

Marie Matisek im Mai 2017

Das besondere Licht Frankreichs lässt die Blumen in den schönsten Farben strahlen!

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