Verlagsgruppe Droemer Knaur

So liest man heute.

Katja Maybach im großen Interview zu "Die Stunde unserer Mütter"

Die Autorin im Gespräch über mutige Frauen, starke Gefühle und Familiengeheimnisse

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Sie haben Ihre Kreativität schon sehr früh ausgelebt und bereits mit 12 Jahren zu schreiben begonnen. Was haben Sie damals geschrieben und wussten Sie schon da, dass Sie Schriftstellerin werden möchten?

Ich habe mit Mädchengeschichten angefangen. Sogar einen Roman mit über 300 Seiten habe ich heimlich, statt meine Hausaufgaben zu machen, in Schulhefte geschrieben. Ich erinnere mich sehr gut an meine dunkelhaarige, bildhübsche Protagonistin, eine Dreizehnjährige mit dem Namen Greta Sanders. Der Name Greta hatte damals für mich den ganz großen Glamourfaktor. Leider ist mein erstes „unsterbliches“ Werk über die Erlebnisse eines heranwachsenden Mädchens in einem meiner vielen Umzüge verlorengegangen. Es folgten Kurzgeschichten, ein Theaterstück, dann ein Filmdrehbuch, das ich sogar einreichte und das mit ein paar netten Worten vom BR zurückkam! Sicher hat der Redakteur gemerkt, dass hier ein ganz junges, unerfahrenes Mädchen hinter dem Buch steckt. 

Katja Maybach als Kind

Katja Maybach als Kind

Ich habe mich aber nicht nur durch Schreiben kreativ ausgelebt. Etwa zur gleichen Zeit gewann ich mit dem Entwurf eines Abendkleides den Designwettbewerb einer Frauenzeitung. Da stand es für mich fest: Ich will in die Mode, in die Haute Couture. Mode übt auch heute noch eine große Faszination auf mich aus. Was für viele Frauen Schuhe sind, sind für mich Kleider. Sie sind meine große Leidenschaft, so liebe ich zum Beispiel die schmalen, wadenlangen Kleider von Dolce und Gabbana. Ich war bereits sehr früh Model, auch in der Haute Couture, später dann Designerin, Hausfrau und Mutter von zwei Kindern. Aber erst als meine Kinder erwachsen waren und sich für mich als Designerin von Kindermode der Kreis schloss, begann ich wieder zu schreiben. Mein Vorsatz, den ich immer im Kopf behielt, war „irgendwann schreibst du wieder“. Mein erster Roman Eine Nacht im November wurde sofort ein großer Erfolg, in Frankreich sogar ein Bestseller. Das war für mich natürlich eine wunderbare Motivation, mit dem Schreiben weiterzumachen. Viele Romane folgten – inzwischen sind es acht, die im Knaur Verlag erschienen sind und zwei weitere, die noch in diesem Jahr herauskommen werden. Neben dem Roman Die Stunde unserer Mütter erscheint später im Jahr Der Mut zur Freiheit. 



Katja Maybach als Model

Katja Maybach als Model


In Ihrem neuen Roman Die Stunde unserer Mütter nutzen Sie original erhaltene Feldpostbriefe sowie ein Tagebuch Ihres eigenen Vaters. Wie und wann haben Sie diese Briefe und das Tagebuch entdeckt?

Die Briefe und das Tagebuch meines Vaters habe ich vor vier Jahren kurz nach dem Tod meiner Schwester in einer Kiste in ihrem Nachlass entdeckt. Eine große Überraschung, denn ich hatte von der Existenz dieser Briefe nichts gewusst. Versteckt war die Kiste nicht, aber meine Schwester hatte sie ganz für sich behalten.

In der Kiste waren Briefe, Fotos und Tagebücher meiner Großeltern, meiner Mutter und meines Vaters. Außerdem viele Briefwechsel, in denen gestritten, Gedanken ausgetauscht, Lebensumstände beschrieben wurden. Wir waren offensichtlich immer eine Familie, die sich am liebsten schriftlich austauschte. Das ist mir persönlich auch geblieben, nur habe ich mich unserer Zeit angepasst, ich schreibe leidenschaftlich gerne E-Mails an Freunde und Familie, was aber eigentlich kein wirklicher Ersatz für Briefe ist. Liebesbriefe von mir sind deshalb immer Briefe, und keine E-Mails!

Wie viel wussten Sie vor der Entdeckung der Briefe über die Kriegserfahrungen und -erlebnisse Ihres Vaters?

Von den Erlebnissen meines Vaters aus dem Krieg wusste ich bis dato gar nichts. Ich bin erst nach dem Krieg geboren, zudem starb mein Vater auch sehr früh, bereits im Jahr 1963, und in der Familie herrschte großes Schweigen über diese Zeit. Nur über Lebensmittelkarten, eisige Kälte in den Kriegswintern, die Hamsterfahrten und den Hunger wurde gesprochen. Alles andere schien tabu zu sein. 

Haben Sie weiteres Originalmaterial, das Sie in den Roman haben einfließen lassen?

Nein, leider nicht. Ich kenne vieles nur aus Erzählungen, hauptsächlich von meiner ältesten Schwester. Von ihr weiß ich zum Beispiel, dass meine Mutter ein junges Mädchen, die Russin Nadja Pimarova, aufnahm und sie über lange Zeit versteckt hielt, bis Nadja von der Gestapo abgeholt wurde. Meine Familie sah sie danach nie wieder. Es stellte sich heraus, dass sie von Nachbarn denunziert worden war. Im Roman habe ich diese Geschichte, etwas abgeändert, übernommen. Auch ein paar weitere Details des Romans Die Stunde unserer Mütter basieren auf authentischen Erzählungen aus meinem Verwandtenkreis. 

Haben die Briefe und das Tagebuch Sie direkt zu dem Roman Die Stunde unserer Mütter inspiriert oder hatten Sie bereits zuvor die Idee zu einem solchen Kriegsroman?

Die Idee zu dem Roman Die Stunde unserer Mütter kam mir erst, als ich die bereits erwähnten Briefe meines Vaters entdeckte. Geschrieben in Krakau, Polen im Jahr 1940. Er erzählt darin vom Generalgouverneur Hans Frank, bei dem er als Offizier der Wehrmacht oft eingeladen war, berichtet von Wölfen, die sich im eiskalten Winter dem Lager der Soldaten heulend näherten, von der Verzweiflung der Soldaten, die auf ihren nächsten Einsatz warteten und ihre Angst oft im Alkohol ertränkten. Das berührte mich alles so sehr, dass ich überlegte, diese Briefe in einem Roman zu verwerten. Als ich meiner Lektorin Frau Dr. Müller vom Knaur Verlag davon erzählte, war sie sehr begeistert von der Idee, so dass ich letztendlich begonnen habe, die Erlebnisse meines Vaters in einen Roman einfließen zu lassen.

Welche realen Personen stehen hinter Ihren Romanfiguren?

Hinter den Romanfiguren in Die Stunde unserer Mütter stehen mehrere reale Personen, doch ich habe sie „romanhaft“ gestaltet und nur in groben Zügen übernommen. 

Für den Protagonisten Werner Richter hatte ich meinen Vater als Vorbild. Es gibt eine sehr authentische Szene im Roman, die aus dem folgenden Erlebnis meines Vaters entstanden ist: Als Offizier der Wehrmacht war mein Vater in München auf Blitzbesuch bei seinem Schwager und traf dort auf ein jüdisches Ehepaar, das mein Onkel versteckt hielt. Das Entsetzen dieses Ehepaars war groß, als plötzlich ein Offizier Hitlers vor ihnen stand, doch mein Vater erklärte, er sei eigentlich gar nicht hier, und ging sofort wieder. Er verriet sie nicht. Das ist eines der wenigen, für mich sehr kostbaren Erlebnisse meines Vaters, von denen ich weiß. Neben dieser Geschichte erfuhr ich aus Erzählungen auch, dass mein Vater damals aus Stalingrad ausgeflogen wurde, da er schwer erkrankte, und in Mähren lange Zeit im Krankenhaus lag. Meine Mutter hörte nichts mehr von ihm und wusste nur aus den Radioberichten über Stalingrad von General Paulus‘ Kapitulation. Er war mit vielen Soldaten in Kriegsgefangenschaft genommen worden. In meinem Roman habe ich die Figur Werner Richter in Mähren sterben lassen.

Für den Protagonisten Philip habe ich meinen Onkel als Vorbild genommen. Er war zusammen mit Rupprecht Gerngross Mitinitiator der berühmten „Freiheitsaktion Bayern“, die eine gewaltlose Kapitulation von München anstrebte, aber leider gescheitert ist. Nach dieser Aktion, die in den letzten Kriegstagen stattfand, wurde der U-Bahnhof „Münchner Freiheit“ benannt. Ich bin sehr stolz auf meinen Onkel, habe diese Aktion aber nicht in meinen Roman eingebaut, denn Philip ist hier nur eine Nebenfigur.

Im Roman hat außerdem meine Mutter als Vorbild für Maria fungiert, meine älteste Schwester ist die Vorlage für Anna. Ich habe sie ein paar Jährchen älter geschummelt, als sie damals tatsächlich war. Eine meiner Tanten wurde im Roman zu Vivien und eine Cousine diente als Inspiration für Antonia. Sie alle sind aber nur grobe Vorbilder für die Romanfiguren, die letztendlich durch meine Phantasie real geworden sind. 



Die Schwester von Katja Maybach

Die Schwester von Katja Maybach


Wie war es für Sie, reale Vorbilder aus Ihrem engeren Umfeld in den Roman einfließen zu lassen und einen Roman zu schreiben, der Ihre Familiengeschichte zum Teil widerspiegelt?

Letztendlich hat sich das Einbauen meiner eigenen Familiengeschichte nicht sehr von meinem Vorgehen bei meinen anderen Romanen unterschieden, in die ich ebenfalls historische Ereignisse habe einfließen lassen. Aber ich habe Die Stunde unserer Mütter mit besonderer Freude geschrieben, und mich während des Schreibens auch an viele Einzelheiten erinnert, die mir meine verstorbene Schwester noch erzählt hat. Für mich war die Entstehung des Romans ein schöner, wichtiger Ausflug in die Geschichte meiner Familie, von der ich leider nur aus Erzählungen erfahren habe, da die meisten Familienmitglieder bereits gestorben sind.

In Die Stunde unserer Mütter riskiert Viviens Mann Philip sein Leben, indem er Juden versteckt, und Vivien und Maria bringen sich in Gefahr, als sie z. B. in Brote eingebackene Botschaften ins Lager der inhaftierten Frauen schmuggeln. Haben Sie von solchen riskanten, widerstandsgeprägten Aktionen durch Originaldokumente bzw. Erzählungen erfahren?

Ich habe von diesen Aktionen nur aus sehr authentischen Erzählungen erfahren, briefliche Dokumente gibt es kaum. Mein Vater hat zum Beispiel zwei jüdischen Freunden die Flucht ermöglicht, obwohl er Offizier der Wehrmacht war. Von diesen beiden kamen noch bis weit in die fünfziger Jahre hinein Pakete aus England und Amerika. Unter anderem waren darin Cadbury Schokolade und Kinderkleider aus dem Stoff Everglaze, der in Amerika damals ganz groß in Mode war – ein Stoff, den man nicht bügeln musste und der bald darauf auch in Europa seinen Siegeszug antrat. Heute ist er längst vergessen. 

Und mein Onkel half ebenfalls. Er gehörte dem Wehrkreis VII an, der Keimzelle des intellektuellen Widerstands in München, wie man sie später nannte. 

Der zweite Handlungsstrang Ihres Romans Die Stunde unserer Mütter beleuchtet Elsa und Friedrich, die Eltern Marias. Elsa schreibt unter Pseudonym emanzipatorische Artikel, die gegen die Nazi-Frauenideologie gehen. Gab es in Ihrer Familie tatsächlich eine Frau, die für ihre Zeit sehr emanzipiert war?

Alle Frauen meiner Familie waren sehr emanzipiert und haben das auch ganz entschieden nach außen getragen, nicht nur innerhalb der Familie oder der Ehe. 

Meine Großmutter schwor zum Beispiel dem Korsett ab, hüllte sich in die sogenannten Reformkleider, hielt öffentliche Reden und forderte bereits vehement Selbstbestimmung und Wahlrecht der Frauen. Sie trat für alles ein, was für uns in der heutigen Zeit längst selbstverständlich ist. Für meinen sehr konservativen katholischen Großvater war das eine bestürzende Erfahrung. Als er sie heiratete, war sie eine süße Siebzehnjährige, die im Elsass eine Kochschule besucht hatte, und dann entwickelte sie sich zu einer kämpferischen Frau und blieb das bis ins hohe Alter. Ihre Ansichten blieben bis zu ihrem Tod sehr modern, in ihren Meinungen war sie in den sechziger und Anfang der siebziger Jahre wesentlich aufgeschlossener als viele junge Frauen. Aber sie war nur eine der Frauen meiner Familie, die Mut und Kampfgeist besaßen, letzten Endes aber doch an die Ehe und die Konvention gebunden waren. Wie wäre ihr Leben verlaufen, wenn sie sich zu einer Scheidung hätte entschließen können? Ich frage mich, ob eine solch intelligente, aufgeschlossene Frau dann glücklicher geworden wäre.

Im Roman ist von einem alten Familienkochbuch die Rede, in dem unter anderem das Rezept für „Kriegsleckerli“ enthalten ist. Haben Sie daraus schon Rezepte nachgekocht?

Es handelt sich dabei um ein Kochbuch, das meine Mutter geschrieben hat. Sie hat wunderbare Rezepte zusammengetragen, die durch die französische Küche inspiriert sind, da meine Familie aus der Pfalz stammt und die Grenze zu Frankreich sehr nahe war. Das Kochbuch ist alt, zerrissen, und voller Kinderzeichnungen meiner ältesten Schwester. 



Eine Seite im Kriegskochbuch

Eine Seite im Kochbuch von Katja Maybachs Mutter, einer kreativen Köchin


Die Kriegsleckerli waren die Erfindung meiner Mutter, leider sind sie nicht im Kochbuch dokumentiert, sondern wurden aus Not von meiner Mutter „kreiert“. Das Rezept habe ich auch in einem alten Kochbuch gefunden, meine Mutter muss es aber noch etwas abgeändert haben:

Kunsthonig, etwas Milch (konnte auch Trockenmilch sein), sehr viele Gewürze wie Nelken, Anis, Zitronat und Orangeat, dazu Nüsse und sehr viel Mehl.

Zitronat und Orangeat haben meine Großmutter und meiner Mutter selbst gemacht. Einen Baum mit Walnüssen hatte meine Familie im Garten. Ich selbst habe von den Kriegsleckerli nur gehört, meine Schwester hat mir aber gesagt, die Plätzchen hätten unglaublich toll geschmeckt. Später wurden sie durch Gebäck ersetzt, das auf Basis von guter Butter, vielen Eiern, Zucker und Gewürzen gebacken wurde. 

Ich habe übrigens noch ein anderes Blatt aus einem alten Kriegskochbuch gefunden, darauf steht wie man ein Kotelett ohne Fleisch zubereiten kann: Aus Haferflocken! Das wäre ja eigentlich heute für Veganer ein interessantes Thema. 

In Ihren Romanen schreiben Sie immer wieder über Liebesbeziehungen und Ehen zwischen älteren Protagonisten. Ist das eine bewusste Entscheidung und können Sie uns sagen, warum Ihnen dieses Thema am Herzen liegt?

Schon in der Entstehung der Erzählstränge über ältere Paare merke ich, wie viel Freude es mir bereitet, diese Beziehungen zu beschreiben, und ich denke, gerade diese Passagen gelingen mir auch sehr gut. Sie entstehen aus meinem Gefühl, aus Beobachtung, aus dem Wissen, dass ich auch nicht mehr jung bin und weiß, was passiert, wenn man älter wird: Starke Gefühle bleiben, sie rosten nicht ein. Die Haut wird faltig, die Gefühle aber Gott sei Dank nicht.

Ich erhalte gerade für die Erzählstränge in einem Roman, in denen ich über Beziehungen älterer Paare schreibe, erstaunlich viel und auch begeistertes Feedback meiner Leserinnen. Auch junge Leserinnen reagieren positiv auf das Thema.

Im Moment denke ich darüber nach, einen ganzen Roman über ein älteres Paar zu schreiben. Über ihre lange Beziehung, die mit den Jahren schwieriger geworden ist, ihre Geheimnisse aus der Vergangenheit. 

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