Verlagsgruppe Droemer Knaur



Interview mit Hannah Kent zu "Wo drei Flüsse sich kreuzen"

"Leser zu haben ist schon eine wunderbare Sache, über die ich sehr glücklich bin."

Bild

Ihr Debütroman »Das Seelenhaus«, um Agnes Magnusdottir, die letzte Frau, die in Island hingerichtet worden ist, war international ein Bestseller. Wohin führt uns Ihr neuer Roman, und wovon handelt er?
Wo drei Flüsse sich kreuzen spielt 1826 im Südwesten Irlands. Nóra Leahy hat in schneller Folge den Verlust ihrer Tochter und den plötzlichen Tod ihres Mannes verkraften müssen und sorgt nun allein für das einzige Kind ihrer Tochter, Micheál. Micheál kann weder laufen noch sprechen, und Nóra fragt sich verzweifelt, was ihm fehlt. Aus Angst, die Dorfgemeinschaft könnte aus seinem seltsamen Gebrechen falsche Schlüsse ziehen,  versteckt sie Micheál und stellt eine junge Magd für seine Pflege ein – Mary Clifford, die neu ins Tal kommt. Als jedoch immer mehr unerklärliches Missgeschick die Dörfler plagt, kommen Gerüchte auf, dass Micheál ein Wechselbalg sein könnte, der Unglück über alle bringen wird. In der Hoffnung, den Jungen heilen zu können, wenden sich Nóra und Mary an Nance, eine Heilerin und weise Frau. Die üble Nachrede wird immer schlimmer, die drei Frauen verstricken sich immer mehr in Aberglauben und Ritualen … und befinden sich bald in großer Gefahr. 
Der Roman basiert auf einer wahren Begebenheit. Wie haben Sie davon erfahren, und was war für Sie ausschlaggebend, darüber zu schreiben?
Vor etwa fünf Jahren, als ich für Das Seelenhaus recherchierte, entdeckte ich einen faszinierenden Artikel. Ich blätterte in alten britischen Zeitungen, da ich eine Pause brauchte vom Übersetzen isländischer Dokumente – und stieß auf einen Artikel von 1826, der eine Gerichtsverhandlung im County Kerry beschrieb. Anne Roche, »eine Frau von sehr fortgeschrittenem Alter«, war eines schlimmen Verbrechens angeklagt. Aber es war nicht die Anklage, die mich neugierig machte, es war ihre Verteidigung. Die Frau hatte gesagt, sie könne nicht für das Geschehene verantwortlich gemacht werden, da sie lediglich einen Jungen »vom Feenvolk befreien« wollte; sie habe versucht, einen Wechselbalg zu vertreiben. Ich hatte schon früher Geschichten von Feen und Wechselbälgern gehört, aber noch nie eine, die so sehr mit der Realität verflochten war. Fragen über Fragen stellten sich mir. Zunächst wollte ich wissen, ob Anne Roche wirklich an diese Sache glaubte oder ob sie ihre bizarre Erklärung nur als Vorwand benutzte. Aber mit der Zeit, als ich mehr über die verschiedenen Fälle las, die sich im Irland des 19. Jahrhunderts um Wechselbälger rankten, realisierte ich, dass die Sache wesentlich komplexer war, als ich gedacht hatte. Mein Plan, ein Buch über diesen Fall zu schreiben, wurzelte also in meiner wachsenden Faszination für irische Folklore und die Glaubenssysteme in ihrem Kern.
Drei Frauen stehen im Mittelpunkt – Nóra, Mary und Nance. Wer sind diese Frauen? Wofür stehen sie? Und ist eine dieser drei für Sie die Hauptfigur?
Einige Jahre, nachdem ich den Artikel über Anne Roche entdeckt hatte, fand ich noch einen weiteren. Ich hatte in der National Library in Dublin nach mehr Informationen über den Fall oder über Anne gesucht, und nachdem ich drei Tage lang Mikrofiches gewälzt hatte, wurde ich belohnt. In dem neuen Artikel war die Rede von zwei weiteren Frauen, die in die Ereignisse involviert waren, die zu Annes Prozess führten: eine Witwe namens Honora Leahy, die sich um die Kinder ihrer verstorbenen Tochter kümmerte, und eine Magd namens Mary Clifford, die wohl noch ein Teenager war. Als ich diesen Artikel las, wurde mir klar, dass drei Frauen im Zentrum meines Romans stehen würden, nicht nur eine. Im Grunde hatte ich nun drei Archetypen: die Alte, die Mutter und das Mädchen – und war elektrisiert von der Möglichkeit, drei unterschiedliche Erfahrungswelten zu beschreiben und zu untersuchen, wie diese drei Leben sich durch die dramatischen Ereignisse verschränkten. Dies vorausgeschickt, würde ich sagen, dass Anne (die im zweiten Artikel Nance genannt wurde) für mich noch etwas mehr im Fokus steht als die anderen beiden. Sie ist die Geheimnisvollste von den dreien und diejenige, deren Leben von den Ereignissen am drastischsten beeinflusst wird. 
Eine weitere Hauptfigur ist Micheál, das kranke Enkelkind von Nóra, das Nóra versteckt hält. Warum wird es von den Dorfbewohnern als Wechselbalg bezeichnet?
Micheál ist Nóras vierjähriger Enkel, der nach dem Tod ihrer Tochter in ihre Obhut und die ihres Mannes Martin kam. Nun, nach Martins unerwartetem Tod, bleibt Nóra allein mit dem Kind. Als sie ihn das erste Mal sah, zwei Jahre alt, schien der Junge sich normal zu entwickeln, aber jetzt ist sie entsetzt über die Veränderung, die mit ihm vorgegangen ist. Er kann nicht laufen, er kann nicht stehen, er kann nicht sprechen. Nóra weiß, dass er krank ist, aber niemand – weder Priester noch Doktor – kann ihr sagen, was genau ihn plagt. Sie versteckt ihn vor dem Dorf, sie will nicht, dass man über sie und ihren Enkel redet; und sie fürchtet, dass ihre Nachbarn irgendein übernatürliches Wirken in seiner Behinderung sehen könnten; dass sie vielleicht glauben, ihre Tochter habe Fehler gemacht. Eines der Gerüchte, das Nóra vor allen Dingen belastet, ist, dass Micheál ein Wechselbalg sein könnte, das heißt: ein Kind des Feenvolks. Wechselbälger wurden als »Ersatz« gesehen, der im Austausch bei den Menschen gelassen wird, wenn die Feen einen von ihnen mitnehmen. Um keinen Verdacht zu erregen, vertuschen sie die Entführung, indem sie ein Feenkind an Stelle des echten Kindes setzen. Dieses ähnelt dem menschlichen »Gegenstück« zwar äußerlich, die Leute glaubten aber, dass ein Wechselbalg an verschiedenen Merkmalen zu erkennen war: Wechselbälger konnten etwa nicht sprechen (oder umgekehrt, hörten gar nicht mehr auf damit), konnten nicht laufen oder »tanzten« seltsam mit verrenkten Gliedern. Vielleicht sahen sie auch etwas merkwürdig aus, benahmen sich ungewöhnlich, waren mürrisch oder eine wirkliche Last, indem sie unaufhörlich schrien oder stritten. Wenn Micheál also ein Wechselbalg genannt wird, meinen die Leute damit, dass der wirkliche Junge »beim Feenvolk« ist und dass das Kind, das bei Nóra lebt, kein Mensch ist. Und als die Dinge in der Dorfgemeinschaft plötzlich schlechter laufen, auf unerklärliche und bedrohliche Weise, beginnen sich die Leute zu fragen, ob der kleine Wechselbalg vielleicht daran schuld sein könnte. Es gab im 19. Jahrhundert einige Fälle, in denen Menschen als Wechselbälger verschrien waren, am berühmtesten vielleicht der von Bridget Cleary, die von ihrer Familie umgebracht wurde, weil alle glaubten, sie gehöre dem Feenvolk an. Tradition, Folklore und Aberglaube sind allgegenwärtig. Inwieweit beeinflussen sie das Leben und Handeln der Dorfbewohner? Vieles von dem Volksglauben, der im Buch porträtiert wird, gehörte damals einfach zum täglichen Leben. Ich habe zwei Jahre damit verbracht, die Gebräuche der irischen Folklore zu erforschen, um die verschiedenen Traditionen so genau wie möglich wiedergeben zu können. Dabei habe ich gelernt, dass die Rituale vor allem dazu dienten, Unglück und Gefahr abzuwehren – genauso wie bei uns heute, wenn wir auf Holz klopfen oder Salz über die Schulter werfen. Eine Geste zu machen, einen bestimmten Satz zu sagen, sein Haus in der Walpurgisnacht mit gelben Blumen zu schützen, oder seine Kleidung zu zerreißen, wenn man einem Hasen auf der Straße begegnet – all dies waren Versuche, das Glück anzuziehen und Unglück abzuwenden. Der Grund liegt auf der Hand, denke ich. Wenn das Leben unstet ist, möchte man mit kleinen Ritualen Struktur hineinbringen und es aufwerten. Wenn die einzige Alternative ist, gar nichts zu tun, können dir ein paar abergläubische Riten die Illusion vermitteln, dass du Einfluss auf dein Geschick hast. 
Hatte das Feenvolk für die Menschen vielleicht auch die Funktion, Verantwortung abgeben zu können? 
Angela Bourke, die Autorin des faszinierenden Berichts über den Fall Bridget Cleary, trifft den Nagel auf den Kopf, wenn sie erklärt, dass Feenglaube Teil einer ganz eigenen Kommunikation war: Eine Gesellschaft konnte dadurch Tabuthemen behandeln. Indem man die Feen für Unglück und inakzeptables Verhalten der Dorfbewohner verantwortlich machte, konnte man einräumen, dass etwas nicht stimmte, ohne einzelne Leute isolieren oder Schande über sie bringen zu müssen. Das Ganze ist wirklich ein komplexes und mehrdeutiges Feld. Besonders hat es mich interessiert, wie man das Feenvolk als Entschuldigung herhalten ließ, als Mittel, mit schlimmem Verhalten umzugehen, wenn man niemanden konkret beschuldigen wollte.» 
Alte Sitten, altes Wissen« contra Katholizismus. Welche Haltung hatte die Kirche, und wie ist sie dem Aberglauben begegnet? 
Das ist eine interessante Frage. Tatsächlich gibt es viele Feengeschichten über irische Priester, die mit Feen geredet haben und als Repräsentanten einer höheren Macht vor ihnen für die Dorfbewohner einstanden. Sicher hat es Priester gegeben, die – wie einige Charaktere im Buch auch – den Feenglauben nicht als etwas Heidnisches sahen, sondern ihn in ihren katholischen Glauben mit einbezogen. Allerdings bemühten sich zu der Zeit, in der das Buch spielt, viele Priester aktiv, diese unterschiedlichen Glaubenssysteme streng voneinander zu trennen. Besonders in ländlichen Gegenden war das so, da sie dort einen festeren Stand hatten. Die Kirche bezeichnete Feenglauben als heidnisch, ebenso wie auch viele andere folkloristische Traditionen wie die Totenklage und das Trinken bei Totenwachen, das Tanzen an Kreuzungen und so weiter. Der Priester in meinem Roman und seine Haltung gegenüber Nance gründen sich auf die Berichte einer weisen Frau aus dem 19. Jahrhundert, Biddy Early. Sie ermutigte ihre Besucher, zu beten und Andacht zu halten, und sie benutzte dabei christliche Sprache und christliche Symbole. Viele Priester sprachen sich aber gegen sie aus, und sie fand sich daher in Opposition zur Kirche wieder.
Wie haben Sie es geschafft, sich in diese abergläubischen Menschen hineinzufühlen? 
Das hat seine Zeit gebraucht. Ich habe es letztlich geschafft, indem ich so sehr in diese Kultur eintauchte, dass ich sie tatsächlich nachempfinden konnte, anstatt sie nur mit Wohlwollen zu porträtieren. Wohlwollen reichte mir nicht. Es ist einfach nicht authentisch genug. Als ich dieses Buch schrieb, gehörte es zu den Herausforderungen, mein eigenes modernes Denken zu ignorieren, diese ganze Prägung durch eine bestimmte wissenschaftliche Rationalität. Man macht es sich leicht, wenn man die Überzeugungen und das Verhalten der Menschen damals als ignorant und beschränkt ansieht. Denn das war nicht der Fall. Sie waren genauso rational wie wir heute, aber sie folgten einer anderen Logik – ihr Verständnis von der Welt und ihrem eigenen Platz darin war durch das geprägt, was man heute »Sympathetische Magie« oder Analogiezauber nennt. Das ist die Überzeugung, dass alle Dinge miteinander verbunden sind, insbesondere was die natürliche Welt angeht. Es ist nicht zu bezweifeln, dass die Folklore viel Weisheit enthielt. Ich musste jede Menge Neues akzeptieren und wertschätzen lernen, bevor ich die Charaktere mit Empathie schildern konnte. 
Ihr erster Roman spielt in Island, der neue in Irland. Was fasziniert Sie, als Australierin, an diesen nordischen Schauplätzen?
Das Setting meiner Romane hat sich eher aus Zufall ergeben – es haben mich mehr die Geschichten angezogen als die Schauplätze.Und es ist ganz bestimmt nicht so, dass ich eine Aversion gegen Australien hätte!Ich liebe einfach die isländische Landschaft, und es hat mir große Freude gemacht, sie erzählerisch darzustellen. Auch bei Irland war es so, dass ich von seiner Schönheit unglaublich bewegt war, obwohl ich selbst nie dort gelebt habe. Beide Länder haben Seele. Wenn man historische Romane schreibt, ist es meines Erachtens wichtig, die Umgebung wie einen eigenen Charakter darzustellen. Das Leben der Menschen war durch Wetter, Jahreszeiten und landschaftliche Gegebenheiten so geprägt, wie wir es mit unserem künstlichen Licht, Heizungen und Klimaanlagen gar nicht mehr kennen. Das versuche ich immer im Gedächtnis zu behalten. 
Alles Andersartige, das nicht der Normalität entspricht, wird verdammt. Ist das auch heute noch in Dorfgemeinschaften besonders ausgeprägt?
Es gibt im Buch eine Passage, wo Nance denkt: »Die Menschen haben immer ein bisschen Angst vor dem, was sie nicht kennen«. Ich glaube, das gilt für die Menschheit im Allgemeinen, nicht nur für ländliche Gegenden, und auch nicht nur für vergangene Zeiten. Es ist auch nicht so, dass ausnahmslos jeder das verdammt, wovor er Angst hat, aber viele tun es schon. 
Kräuterkundige Frauen, wie Nance eine ist, fungierten auch als Heilerinnen oder Hebammen in den Dörfern. Trotzdem waren sie nur geduldet, sie lebten am Rand der Gemeinschaft. Woraus resultiert das? 
Viele dieser Frauen übten ihre Dienste sozusagen an den natürlichen Grenzen des Lebens aus. Sie assistierten bei Geburts- und Sterberitualen, verhandelten und kommunizierten mit der »anderen« Welt, dem Übernatürlichen, Unsichtbaren. Die Unsicherheit und die Gefahren, mit denen man in diesem Grenzbereich konfrontiert war, waren der Grund, warum die Menschen solche Frauen einerseits fürchteten, aber auch respektierten. Oft waren die Frauen (und manchmal auch Männer) bereits vorher schon Außenseiter, oder sie wurden als exzentrisch angesehen. Ich verstehe es so, dass »Anderssein« geradezu als Beweis für besondere Kräfte galt. Die Leute fürchteten und respektierten das, und daher war es nur im Interesse dieser Frauen, ihr Anderssein zu bewahren und zu kultivieren, um ihre Position zu stärken. Viele der Menschen, die diese Rolle übernahmen, wären andernfalls sehr angreifbar gewesen – nicht immer, aber eben manchmal. So ganz anders zu sein als jeder andere und immer am Rande zu stehen – damit wurde sichergestellt, dass sie weiterhin als Leute mit besonderen Fähigkeiten angesehen wurden und ihre Existenz gesichert war. 
Eine Frage zum berühmten »Problem des zweiten Buches«: Wie schwierig war es für Sie, nach dem großen internationalen Erfolg von »Das Seelenhaus« weiterzuschreiben? 
Es gab sicher Momente, in denen ich eine gewisse Furcht empfand. Ich wollte unbedingt die Erwartungen meiner Leser erfüllen. Aber überhaupt Leser zu haben ist schon eine wunderbare Sache, über die ich sehr glücklich bin. Daher wurde meine Angst schon bald von einem übermächtigen Gefühl der Dankbarkeit überdeckt. Und ich beschloss bereits ziemlich am Anfang, dass ich weiterhin aus denselben Gründen schreiben möchte, aus denen ich schon immer geschrieben habe: Weil ich es liebe! Bücher schreiben kann herausfordernd sein, aber ich liebe Herausforderungen. 
»Das Seelenhaus« soll mit Jennifer Lawrence in einer der Hauptrollen verfilmt werden. Gibt es etwas Neues zur Produktion?
 Das Projekt ist immer noch in der Vorproduktion, daher kann ich leider nichts Neues dazu sagen, außer dass Jennifer Lawrence immer noch Interesse an dem Projekt hat. Wir werden sehen, was passiert.

↑ nach oben