Verlagsgruppe Droemer Knaur



Bonner/Weiss: Planet Planlos

„Mit seiner Klimapolitik hat Trump uns alle zum Tode verurteilt.“

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Interview mit den Autoren Anne Weiss und Stefan Bonner 

Was hat Sie bei der Recherche für „Planet Planlos“ am meisten überrascht?

Anne Weiss: Am meisten hat mich überrascht und erschreckt, wie weit fortgeschritten der Klimawandel bereits ist. Spätestens seit Beginn des neuen Jahrtausends überschlagen sich die Rekorde: Vom Jahrhundertsommer 2003, den Elbefluten 2002, 2006 und 2013, Megastürmen wie Kyrill 2007, Xaver 2013 oder Elon und Felix 2015 - bis hin zu jeder Menge Hitzerekorden.  

Die 16 wärmsten Jahre seit Beginn der Klimaaufzeichnung fallen in die Zeit von 2001 bis 2016. Und 2014, 2015 und 2016 waren aufeinanderfolgend die wärmsten, je gemessenen Jahre. 

In Asien und im Nahen Osten wurden derweil 2016 erstmals Temperaturen von 50 Grad Celsius erreicht. Noch ein Rekord.

Diese Wetterrekorde sprechen eine klare Sprache: Der Klimawandel ist da. Wir sehen seine Folgen rund um den Globus. Auch vor unserer Haustür.  

Wie schlimm steht es um unsere Welt? 

Stefan Bonner: In Planet Planlos nehmen wir unsere Leser mit auf eine Reise rund um den Erdball - dorthin, wo der Klimawandel jetzt passiert: von den schmelzenden Gletschern Grönlands und der tauenden Arktis zu Gebieten, die schon heute unter dem steigenden Meeresspiegel leiden, wie der Ostküste der USA oder untergehenden Südseepardiesen; von der Hurrikan geplagten Karibik nach Australien, wo extreme Hitze den Leuten zu schaffen macht; und von den versinkenden Reisfeldern Südasiens über das Hitze und Dürre versehrte Afrika bis hierher nach Deutschland, wo sich der Klimawandel unter anderem mit tropischer Hitze und extremen Regenfällen deutlich bemerkbar macht. 

Warum liegt Ihnen das Thema Klimawandel so am Herzen?

Stefan Bonner: Es ist keine Herzensfrage, sondern eine Überlebensfrage. Wir würden das Leben auf diesem Planeten gern genießen und möchten, dass unsere Kinder und deren Kinder das auch noch können. Viele glauben, dass wir uns dem Klimawandel einfach anpassen werden. Das ist grober Unsinn. Der menschliche Organismus funktioniert nur in einem schmalen klimatischen Korridor. Bei Temperaturen ab 35 Grad und einer hohen Luftfeuchtigkeit wird es für uns kritisch – unsere körpereigenen Kühlmechanismen funktionieren dann nicht mehr. Aktuelle Studien gehen davon aus, dass ab 7 Grad globaler Erwärmung solches Wetter in vielen Regionen auftreten wird – mit entsprechend vielen Hitzetoten. Außerdem: Wir müssen atmen und essen – das wird schwierig, wenn wir weiterhin mit Emissionen unsere Atmosphäre verändern und viele Anbaugebiete durch Dürren, Überschwemmungen oder Versalzung unbrauchbar werden. 

Unsere Anpassungsfähigkeit hat also ein Limit. 

Wir müssen deshalb endlich kapieren: Es geht nicht nur um das Aussterben des Eisbären. Es geht um uns und unsere Lebenswelt. Oder anderes gesagt: Es geht - pardon - um unser aller Ärsche.

Ist das nicht etwas zu alarmistisch?

Stefan Bonner: Finde ich nicht. Wenn die Hütte brennt, würden Sie ja auch den Feuermelder betätigen. 

Anne Weiss: Alle Fakten zum Klimawandel liegen auf dem Tisch, sind wissenschaftlich gesichert – und die Informationen stehen uns allen frei zur Verfügung. Ein Beispiel: Wir wissen, dass die Ozeane 95 Prozent der Wärme speichern, die wir Menschen durch das Verbrennen fossiler Energieträger und den dadurch verstärkten Treibhauseffekt seit der Industrialisierung erzeugt haben. In der aufgeheizten Atmosphäre verdunstet mehr Wasser, was stärkeren Regen bedeutet, und wärmere Ozeane erzeugen heftigere Stürme – das Ergebnis sind Monster wie Harvey, Katrina oder Irma - letzterer war der am längsten andauernde Hurrikan dieser Stärke, der je gemessen wurde. Solche Stürme kosten nicht nur Menschenleben, sondern richten einen immensen Sachschaden an. Die Versicherer können ein Lied davon singen: Die Schadenssummen durch vom Klimawandel verursachtes Extremwetter steigen seit Jahren. Ergo: Die Augen weiter zu verschließen, kann teuer werden.

Dennoch leugnen zahlreiche Menschen den Klimawandel. Warum?

Stefan Bonner: Ganz einfach - da ist viel Geld im Spiel. Das sieht man, wenn man sich mit der Geschichte der Klimaleugnung beschäftigt, die ihren Ursprung in den USA hat: Seit den 80er Jahren sponsern Unternehmen aus der Energie- und Automobilbranche die Lobbyarbeit. Unter anderen haben BP, Crysler, Chevron, Exxon oder Shell sehr aktiv dagegen den Klimaschutz gearbeitet: Sie bezahlten PR-Experten, damit diese auf breiter Front begannen, Zweifel zu säen. So streuten sie falsche Forschungsergebnisse und behaupteten, die Wissenschaftler seien sich selbst nicht einig, ob der Klimawandel stattfindet und ob er menschengemacht sei. Das waren übrigens teilweise die gleichen Leute, die der ganzen Welt vorher für die Zigarettenhersteller weisgemacht haben, ihre Kippen verursachten keinen Krebs, obwohl die Forschungsergebnisse schon in den 50ern ganz klar etwas anderes bewiesen.

Anne Weiss: Klimatologen sind sich in Wahrheit zu 97 Prozent darüber einig, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Auch hierzulande gibt es aber Klimaleugner in Politik und Wirtschaft, wie beispielsweise das Europäische Institut für Klima und Energie e.V., kurz EIKE, die Organisation CFACT Europe, die AfD oder der Berliner Kreis der CDU - und sie haben Erfolg: 4 von 5 Deutschen glauben, dass die Klimaforscher sich uneins sind. Wer den Klimaleugnern glaubt, sollte sich einmal fragen, welchen Firmen das etwas nützt und wer daran verdient, ohne Rücksicht auf Verluste weiter CO2 in die Atmosphäre zu blasen.    

Werden die jüngsten Naturkatastrophen die Leugner umdenken lassen?

Stefan Bonner: Ganz ehrlich, ich bin da eher pessimistisch. Dafür wissen wir doch eigentlich schon viel zu lange Bescheid, und es hat sich nichts getan. Seit dem Beginn der Industrialisierung wird es stetig wärmer auf der Erde, wie Messungen beweisen, und schon damals haben Forscher wie der schwedische Physiker Svante Arrhenius herausgefunden, dass es einen Zusammenhang zwischen den freigesetzten Treibhausgasen in der Atmosphäre und der Erderwärmung gibt. Schon Mitte der 1960er legten seine Berater US-Präsident Lyndon B. Johnson einen Bericht aus der Klimaforschung vor, der die Folgen des Klimawandels in Aussicht stellte – die sind inzwischen allesamt eingetreten, und wir können sie ausbaden. Es war also schon ziemlich früh alles klar. Passiert ist nichts. Wegen der exzellenten Arbeit der Klimaleugner – aber auch, weil die Politik sich seit Jahrzehnten im Kreis dreht.

Ist denn mit dem Pariser Klimaabkommen nicht ein entscheidender Durchbruch gelungen? 

Anne Weiss: Seit Kyoto erleben wir, wie das Problem verschleppt wird. Und das Paris-Abkommen ist da keine Ausnahme. Selbst das angeblich so vorbildliche Deutschland verfehlt durch die vermasselte Energiewende, die nicht stattfindende Agrarwende sowie eine verfehlte Verkehrspolitik seine Klimaziele. Bis 2020 sollten die Treibhausgasemissionen um vierzig Prozent gegenüber 1990 verringert werden. Davon sind aktuell nicht mal dreißig Prozent erreicht. So ist das 1,5-Grad-Ziel von Paris nicht mehr zu halten: Bis heute ist die weltweite Temperatur im Durchschnitt bereits um knapp 1 Grad gestiegen – und in Europa liegen die Landtemperaturen satte 1,3 Grad über den vorindustriellen. Und, selbst wenn wir die Erwärmung bei 2 Grad begrenzen könnten: Keiner weiß, was eine 2-Grad-Welt wirklich bedeutet, nur, dass es schon unter 2 Grad zu dramatischen Veränderungen kommt: Schon jetzt gibt es eine weltweite Korallenbleiche und es schmelzen die Gletscher, weil es zu warm ist. 

Was bedeutet der Ausstieg der USA aus dem Pariser Abkommen  für uns?

Anne Weiss: Donald Trump ist Präsident der Vereinigten Staaten, und die USA sind - nach China - für die zweithöchsten Emissionen von Klimagasen verantwortlich. Wenn der Chef einer solchen Industrienation den Klimawandel leugnet, der Klimaforschung Steine in den Weg legt und in seinem Land sogar noch den Verbrauch von fossilen Energien wie Kohle ankurbelt - dann verurteilt er uns alle damit zum Tode. Ohne die USA werden wir den Klimawandel nicht stoppen. Wir sitzen alle im gleichen sinkenden Boot, und Trump hat gerade das Loch noch vergrößert. Schlimm ist auch: Das könnte andere anregen, es ihm nachzutun ... 

Wenn wir einfach so weitermachen wie bisher – wie schlimm kann der Klimawandel werden?

Stefan Bonner: Nicht wenige Klimaexperten gehen inzwischen davon aus, dass wir die Klimaziele des Pariser Abkommens nicht werden einhalten können und bereits jetzt eine Erwärmung angezettelt haben, die uns weit jenseits der zwei Grad führen wird. Wir haben gute Chancen, dass wir dieses Jahrhundert die vier Grad knacken – wenn’s schlecht läuft, noch zu unseren Lebzeiten. Das Blöde am Klimawandel sind die selbstverstärkenden Rückkopplungseffekte. Ihretwegen könnte die Erwärmung nicht linear, sondern auch exponentiell verlaufen. Ein Beispiel: Wird es durch einen höheren CO2-Gehalt der Atmosphäre auf der Erde wärmer, entsteht auch mehr Wasserdampf, der seinerseits die Temperaturen zusätzlich anfacht. Schmilzt das Eis der Gletscher, werden dunkle Flächen frei, die die Erde mit mehr Wärme aufladen - und es wiederum wärmer werden lassen, was noch mehr Eis schmelzen lässt.

Könnten wir den Klimawandel denn noch stoppen?

Anne Weiss: Die Forscher haben Kipp-Punkte ausgemacht, die den Punkt bezeichnen, an dem eine Entwicklung irreversibel und nicht mehr voraussagbar ist. Ein Beispiel sind die Eismassen der Arktis und Antarktis: Schon jetzt steigen die Meere durch das Abschmelzen der Gletscher; Experten rechnen mit einem Anstieg von 1,5 bis 2 Meter bis Ende des Jahrhunderts. Viele sind sich inzwischen aber sicher, dass wir den Punkt bereits überschritten haben, an dem sich die Polschmelze noch hätte stoppen lassen. Sprich: Das arktische und antarktische Eis wird komplett verschwinden. Und dann reden wir von einem Meeresanstieg von über 60 Meter. Das dauert natürlich noch, aber kommende Generationen werden sich schön bedanken. 

Welche Folgen sind noch mit dem Klimawandel verbunden?

Stefan Bonner: Durch die verheerenden Stürme, Dürren und Überschwemmungen sowie den Anstieg des Meeresspiegels werden Millionen Menschen auf der ganzen Welt ihre Lebensgrundlage verlieren und fliehen müssen. Besonders in Afrika, Südamerika und Südostasien wird die Zahl der Klimaflüchtlinge in den kommenden Jahrzehnten deutlich steigen. Es werden noch mehr Menschen nach Europa kommen, und neben den Problemen, die wir bis dahin selbst haben, werden wir uns überlegen müssen, was mit ihnen geschehen soll.

Was müssten wir tun, um den Klimawandel und seine Folgen einzudämmen?

Anne Weiss: Wir müssen den weltweiten CO2-Ausstoß stoppen. Und zwar am besten sofort. Zur Einordnung: Selbst in den warmen Phasen der jüngeren Erdgeschichte lag der CO2-Wert Zehntausende Jahre lang nie über 300 ppm. Das hat sich nun geändert. Vor der Industrialisierung waren es 280 ppm. In den Fünfzigerjahren schon 315 ppm. Und heute sind wir bei über 406 ppm. Machen wir so weiter, haben wir bald Treibhausgaskonzentrationen wie zur Zeit der Dinosaurier. Wir befinden uns also in einer Spirale, die wir dringend abbremsen müssen. 

 

Was kann jeder Einzelne von uns tun?

Stefan Bonner: Wir müssen uns darüber klarwerden, dass wir keinen Planeten B haben. Die Erde ist der einzige bekannte Ort im Universum, an dem wir Menschen bislang existieren können. Und das eigentlich Schöne an der Erkenntnis, dass der Mensch für den Klimawandel verantwortlich ist: Wenn das Problem von Menschen gemacht wurde, kann es auch von Menschen gelöst werden. Dafür müssen wir uns aber alle zusammentun. Und uns wohl auch in Verzicht üben – vorerst zumindest.

Anne Weiss: Es ist unsere Lebensweise, die derzeit der Hauptverursacher der globalen Erwärmung ist. 

Eine einzige Jeans setzt in der Herstellung knapp sieben Kilogramm CO2 frei, ganz zu schweigen von dem immensen Wasserverbrauch. Ein Döner Kebab macht rund 1500 Gramm CO2, denn ein Kilo Rindfleisch verursacht rund 13 Kilo CO2. Pflanzlich zu essen, das hat schon Albert Einstein gesagt, wird unsere Zukunft sichern. Wir können auch an unserer Urlaubsplanung drehen: Besonders schwer wiegen nämlich unsere Ausflüge über die Wolken: Rund 5 Quadratmeter Arktiseis verschwinden bei einem Flug hin und zurück nach San Francisco - pro Passagier. Wir werden also nur eine Chance haben, wenn wir unsere Mobilität, unsere Ernährung, ja, unsere komplette Wirtschaft in Zukunft klimaneutral gestalten. Und zwar weltweit.

Sie haben sich vorher eher mit lustigen Themen beschäftigt. Warum nun ein so ernstes? 

Anne Weiss: In unserem letzten Buch Wir Kassettenkinder. Eine Liebeserklärung an die Achtziger haben wir uns intensiv mit den Achtzigerjahren auseinandergesetzt - eine Zeit, die bunt und lustig, voller Plastik und lauter neuer Vergnügungen war. Uns ist dabei klargeworden, dass wir in jeder Hinsicht Kinder unserer Zeit sind - auch heute noch. Wir konsumieren und glauben, dass wir auf nichts verzichten müssen, denn die Achtziger waren die Zeit, in der das Marketing und die Warenvielfalt, der Überfluss so richtig den Turbo eingelegt haben. Und das rächt sich heute. Es ist schwer, von einem solchem Lebensstil runterzukommen, wenn man sich einmal dran gewöhnt hat. Aber das müssen wir dringend. Je länger wir noch warten, desto kürzer wird der Bremsweg, und desto krasser müssen wir in die Eisen steigen. 

Angefangen hat alles mit der Generation Doof, jetzt sind Sie beim Klimawandel angekommen. Denken Sie, dass sich durch Bücher die Welt verändern lässt?

Stefan Bonner: Klar, sonst würden wir keine schreiben. Bücher verändern unsere Sicht auf die Welt. Und sie erlauben es, komplexe Gedanken anschaulich zu vermitteln. Mit Planet Planlos wollen wir der allgemeinen Verwirrung über die Erderwärmung und ihre Ursachen ein Ende bereiten. Es ist ein Kompendium zum Klimawandel und enthält alles, was wir bereits wissen: Was den Klimawandel verursacht, seit wann wir das wissen, wo sich die Folgen heute schon zeigen und was uns noch erwartet. Und selbstverständlich auch: Was wir noch dagegen tun können, damit es nicht ganz so schlimm wird. 

Das Thema ist ernst - aber wir alle müssen uns damit beschäftigen. Wer sich nicht lang durch irgendwelche Studien graben möchte, für den ist unser Buch - wir haben es so verständlich, packend und berührend erzählt, wie wir selbst es gerne lesen würden. 

Und, sind wir zu doof, die Welt zu retten?

Stefan Bonner: Sagen wir’s mal so: Menschen an sich sind eine verdammt schlaue Spezies – manchmal zumindest. Wir haben viele tolle Dinge erfunden wie Space-Shuttles, die Concorde, die Mikrowelle oder den Tischstaubsauger. Aber wir sind auch bequem, besonders unsere Generation: Wir sind es gewohnt zu konsumieren. Keine Generation vor uns hat so viele Ressourcen verbraucht wie wir. Sobald wir verstehen, dass uns das früher oder später die Lebensgrundlage raubt, werden wir hoffentlich ganz viele tolle Sachen entwickeln, die zur Weltrettung taugen. Gelingt uns das Umdenken nicht, werden wir unsere Welt für Menschen unbewohnbar machen. Die natürliche Selektion wird uns dann aussortieren: wegen Doofheit. 

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