Verlagsgruppe Droemer Knaur



Nora Luttmer: Dunkelkinder

Einleitung

Die Recherche zu einem ganz besonderen Buch oder auch: Hamburg - Hanoi und zurück

»Bald zwei Jahre ist es her, dass auf einer Lichtung im Raakmoor im Norden Hamburgs die Leiche eines vietnamesischen Jungen entdeckt wurde. Bis heute konnte das Kind nicht identifiziert werden, es ist ein »Geist«, ein »Geisterkind«, illegal und ohne Angehörige in Deutschland, nirgendwo gemeldet, von niemandem vermisst. Doch nun werden an derselben Stelle zwei Männerleichen gefunden. Die junge Kommissarin Mia Paulsen setzt alles daran, beide Verbrechen aufzuklären. Sie ahnt nicht, dass sie weitere Kinder in Gefahr bringt, als sie einer Spur zu einem alten, nur scheinbar verlassenen Hochbunker mitten in Hamburg folgt.« 

Über ein Jahr habe ich an Dunkelkinder gearbeitet. Um mich so lange mit einer Geschichte zu beschäftigen, brauchte ich ein Thema, das mich wirklich fesselt. Natürlich ist Dunkelkinder fiktiv und alle seine Figuren und Geschehnisse frei erfunden. Zur Ideenfindung allerdings hat ein Artikel aus der britischen Tageszeitung The Guardian ausschlaggebend beigetragen. Danach leben schätzungsweise dreitausend vietnamesische Kinder und Jugendliche, allesamt Opfer von Menschenhandel, unter sklavenähnlichen Bedingungen in Großbritannien. Sie arbeiten in Nagelstudios, in der Drogenproduktion, in Textilfabriken, Bordellen und privaten Haushalten. Eingesperrt, eingeschüchtert, geschlagen und isoliert von der Außenwelt. 

Ich möchte nicht zu viel verraten. Nur eben, dass das, was im Buch passiert, so oder ähnlich leider auch in der Wirklichkeit passiert. 

Dunkelkinder spielt allerdings nicht in Großbritannien, sondern in Hamburg, in der Stadt, in der ich lebe und den nächsten Baustein für die Geschichte fand ich dann auch mehr oder weniger vor der Haustür: Den Bunker .

Hamburg ist Bunkerhochburg. In keiner deutschen Stadt wurden im Zweiten Weltkrieg so viele Bunker gebaut wie dort. Gegen Kriegsende zählte Hamburg mehr als tausend zivile Bunkerbauwerke und noch heute gibt es rund sechshundertfünfzig Bunker, siebenundfünfzig davon Hochbunker. Der bekannteste ist wohl der gigantische ehemalige Flakturm auf dem Heiligengeistfeld. Dabei hat Hamburg etliche kleinere Hochbunker, die kaum noch wahrgenommen werden, zu sehr haben sich die Anwohner an ihren Anblick gewöhnt. Viele stehen versteckt hinter Bäumen oder sind zugewuchert. 

Ein der vielen Bunker, die heute noch im Hamburger Stadtbild zu finden sind

In diese erste Ermittlung der jungen Kriminalkommissarin Mia Paulsen sind Vietnamesen verwickelt. Und das ist kein Zufall. Meine bisherigen Krimis um Kommissar Ly spielten allesamt in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi. Und ein paar Vietnamesen musste ich einfach nach Hamburg hinüber retten. 

Oft werde ich gefragt: Warum immer Vietnam? 

Es war meine Faszination für China, die mich zuallererst in den Fernen Osten brachte. Und von dort war es nicht mehr weit nach Vietnam. 

1995 landete ich zum ersten Mal in Hanoi. Ich studierte seit einem Jahr Südostasienkunde in Passau und versuchte mich im Vietnamesischen. Doch in Vietnam schaffte ich es nicht einmal, einen »Kaffee mit Milch und ohne Zucker« zu bestellen. »Cà phê sữa không đường«. Das Vietnamesische ist eine Sprache mit sechs Tönen. Den »richtigen Ton« zu treffen ist essenziell für das Verständnis.

Nach nur zwei Wochen hatte ich genug: vom Sozialismus, von der klebrigen Hitze und vor allem von diesen verfluchten Tönen. Dennoch landete ich zwei Jahre später wieder in Hanoi. Das Flugzeug hielt weit draußen auf dem Rollfeld des alten Noi-Bai-Flughafens. Ich stieg aus, die schwere feuchte Tropenluft nahm mir nur kurz den Atem, dann hüllte sie mich ein, und ich fühlte mich wohl. Die folgenden Monate knatterte ich mit meiner ölschleudernden Minsk durch die Dörfer des Rote-Fluss-Deltas, suchte für meine Magisterarbeit nach alten Tempeln, die auf keiner Karte verzeichnet waren, plauderte mit Tempelwärtern, Marktfrauen und Suppenköchinnen. Meine »Töne« rückten sich zurecht, und ich hatte das Gefühl, immer tiefer einzutauchen: Bald waren die Märkte kaum noch exotisch, die engen Altstadtwohnungen vollkommen normal und die frittierten Seidenraupen meine Lieblingsspeise. Ich fühlte mich zu Hause.

Trotzdem blieb ich eine Außenseiterin. Und das ist ein Privileg. Ich wurde mit persönlichen Geschichten, die man »seinesgleichen« nicht mal so eben erzählt, regelrecht gefüttert. Und genau diese Geschichten brachten mich überhaupt erst auf die Idee, mit dem Schreiben von Krimis anzufangen.

Text: Nora Luttmer

Copyright der Fotos: André Lützen

Hamburg und das Wasser - das Rechercheumfeld für Nora Luttmer

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